Schuljahr 2026/2027

Projekt Alpha und Schulpflichtverlängerung: Meisch ruft eine „Rentrée der Gerechtigkeit“ aus

Vor dem Hintergrund der wenige Tage zuvor präsentierten Ergebnisse der PISA-Studie hat Bildungsminister Claude Meisch (DP) die Prioritäten für das Schuljahr 2026/2027 vorgestellt. Vor allem die desaströsen Ergebnisse in Sachen Mathematik und Lesekompetenz sowie der Einfluss der sozioökonomischen Unterschiede auf die Leistung der Schüler geben Anlass zur Sorge.

Minister Claude Meisch, seit 13 Jahren im Amt, tritt zur „Rentrée scolaire“ 2026/27 an – zumindest zur Präsentation der Schwerpunkte des Schuljahres

Minister Claude Meisch, seit 13 Jahren im Amt, tritt zur „Rentrée scolaire“ 2026/27 an – zumindest zur Präsentation der Schwerpunkte des Schuljahres Foto: Editpress/Julien Garroy

„Die Resultate gefallen mir nicht“, sagte der Minister für Bildung, Kinder und Jugend vor Journalisten. „Sie beschäftigen mich sehr.“ Ob ihm die desaströsen Ergebnisse der luxemburgischen Schüler bei der PISA-Studie schlaflose Nächte bereiten, hat er nicht gesagt. Meisch trat einmal mehr als pragmatischer Macher auf und betonte: „Die PISA-Ergebnisse spiegeln nicht nur die Leistungen unserer Schüler wider, sondern auch die Realität unserer Gesellschaft. Sie fordern uns heraus und zwingen uns zum Handeln. In diesem Schuljahr treten eine Reihe von Maßnahmen in Kraft, die bereits Antworten auf die in PISA identifizierten Herausforderungen bieten.“

Die gesellschaftliche Realität ist nicht zuletzt eine durch die Kriege und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre entstandene Unsicherheit, sondern auch die zunehmende sprachliche Vielfalt der Schülerschaft, die Meisch erwähnt, aber die alles andere als neu ist, ebenso wenig die übermäßige Nutzung von Smartphones im Alltag. Letztere hat einen besonders starken Einfluss auf das Lernen der Schüler. Der Rückgang insbesondere bei den Lese- und Mathematikkompetenzen wird häufig damit in Verbindung gebracht. Er gilt, wie PISA zeigt, nicht nur für Luxemburg.

Schulen bereit für „Alpha“

Was die Sprachenvielfalt der Schülerschaft angeht, setzt das Ministerium auf die Reform „Alpha – zesumme wuessen“. Mehr Flexibilität bei der Wahl der Unterrichtssprache soll mehr Chancengleichheit gewährleisten und für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Schließlich sprechen mehr als zwei Drittel der Schüler zu Hause weder Deutsch noch Luxemburgisch. Im neuen Schuljahr können die Eltern eines Kindes im Zyklus 1.2 (1. Klasse) erstmals wählen, in welcher Sprache ihr Kind im Zyklus 2 Lesen, Schreiben und Rechnen lernt: auf Deutsch oder Französisch. Damit werden die Schüler in einer Sprache alphabetisiert, die ihrer Muttersprache näher ist, was auch ihre Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss erhöht.

Zu den neuen Materialien im Zyklus 1 für die Vorbereitung auf die Alphabetisierung respektive Sprachförderung gehören die „Sproochekëscht“ und „Zack a lass!“. Erstere, auch „Sprachbox“ genannt, umfasst 156 Aktivitäten auf Luxemburgisch, Deutsch und Französisch. Dabei können die Kinder durch Geschichten, Lieder, Spiele, Gespräche und Aktivitäten ihre Sprachfähigkeiten und erste Kompetenzen in den Unterrichtssprachen entwickeln und lernen, ihre Gedanken auszudrücken. So können sie entdecken, dass es um sie herum mehrere Sprachen gibt, und stellen eine Verbindung zwischen den Lauten, die sie hören, und den Buchstaben, die sie sehen, her. „Zack a lass!“ hingegen legt den Schwerpunkt auf das Erlernen der Handgriffe und die Bewegungskoordination. Es fördert sowohl die Fein- als auch die Grobmotorik. Die Aktivitäten sind spielerisch gestaltet.

Erweiterung des Angebots

Derweil wird das Angebot an französischsprachigen Klassen im klassischen wie auch im allgemeinbildenden Sekundarschulunterricht – inklusive der „Voie de préparation“ – sowie in der Berufsausbildung deutlich ausgebaut. Die Zahl der Gymnasien, die neben Klassen mit der Unterrichtssprache Deutsch auch Klassen mit Französisch als Unterrichtssprache anbieten, steigt weiter an. Diese französischsprachigen Klassen folgen demselben Lehrplan und führen zu denselben Abschlüssen wie die Klassen mit Deutsch als Unterrichtssprache. Ab diesem Schuljahresbeginn werden demnach 34 französischsprachige Siebte Klassen in 17 Gymnasien des Landes angeboten. Im Schuljahr 2027/2028 sollen im Rahmen eines Pilotprojekts an drei klassischen Lyzeen deutschsprachige Klassen angeboten werden. Die Lehrpläne und Anforderungen bleiben in diesem Fall unverändert – nur die Unterrichtssprache wird angepasst.

Was die Inhalte der Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien angeht, werden sie jedoch an die neuen pädagogischen und technologischen Anforderungen angepasst. Ein Schritt in diese Richtung ist die Einführung eines neuen Lehrplans in der Grundschule. Eine zentrale Rolle spielen dabei die fächerübergreifenden Bereiche. Im Bereich der Sekundarstufe werden die Konsultationen weitergeführt, um ein „Weißbuch“ über die weitere Entwicklung der Lehrpläne auszuarbeiten. Auf der Prioritätenliste ganz oben steht darüber hinaus die Vorbereitung der Reform der „Voie de préparation“, die ab 2027/2028 progressiv umgesetzt werden soll.

Schwerpunkt Inklusion

Ein Schwerpunktthema ist auch die Inklusion. Diese soll gestärkt werden. Dazu sollen gezielte Interventionen, schnelle und klare Entscheidungen sowie angepasste Strukturen und ein wirksames Krisenmanagement ermöglichen, dass Schüler mit besonderen Bedürfnissen die nötige Unterstützung erhalten. Zu den Maßnahmen gehören ein Interventionsplan für emotionale Krisen von Grundschülern, die Stärkung spezialisierter Teams an den Schulen sowie Ausbau und Regionalisierung der Kompetenzzentren, ebenso eine bessere Unterstützung der Familien durch den Schuldienst des „Office national de l’enfance“ (ONE).

In der Kritik stand in jüngster Zeit die Verlängerung der Schulpflicht, um den Schulabbrüchen entgegenzuwirken. Der jüngste PISA-Bericht zeigt, dass rund ein Drittel der 15‑Jährigen nicht über die grundlegenden Kompetenzen verfügt, um uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Damit rechtfertigt das Ministerium, ab diesem Schuljahr die Schulpflicht schrittweise von 16 auf 18 Jahre anzuheben – angefangen mit den Jugendlichen, die nach dem 31. August 2009 geboren wurden. Zugleich werden Maßnahmen zur Prävention von Schulabbrüchen verstärkt. Zu den Maßnahmen gehören etwa der Ausbau des Angebots von „Centres d’insertion socioprofessionnelle“ (CISP) und die Einführung von „Classes de préparation à l’apprentissage“ (CPA), um Schüler zu unterstützen, die noch keine Lehrstelle gefunden haben.

Smartphone-Verbot und „Lesekultur“

Die PISA-Ergebnisse haben die Diskussion um das Smartphone-Verbot angeheizt. Die Studie hat bestätigt, dass der übermäßige Gebrauch von Smartphones und anderen vernetzten Geräten in der Freizeit zu schlechteren Schulleistungen führt. Umso sinnvoller sind ein klarer und einheitlicher Umgang mit digitalen Geräten in Schulen sowie die 2025 eingeführten Restriktionen, was die Nutzung der Smartphones angeht. Meisch schlägt ein generelles Verbot von Smartphones in den unteren Klassen der Lyzeen vor. Dies werde zurzeit mit allen Schulpartnern diskutiert.

Im Rahmen der Kampagne „Screen-Life-Balance“ werde das Angebot an Aktivitäten für mehr Bewegung und motorische Fähigkeiten, Kreativität und soziale Interaktion bei Kindern und Jugendlichen gefördert. Um die Lesekompetenz zu verbessern, soll mit den Bildungspartnern ein nationaler Aktionsplan ausgearbeitet werden. Bei Jugendlichen soll dauerhaft eine „Lesekultur“ verankert werden. Wie diese aussehen soll, wurde nicht erklärt. Da vor allem die Lektüre längerer Texte Konzentration und Ausdauer erfordert, soll der Fokus auf ihnen liegen.

120.181

Schüler starten ins neue Schuljahr

Tatsache ist auch, dass dieses Jahr etwa 2.200 Kinder und Jugendliche mehr zur Rentrée antreten als im Jahr zuvor, laut Bildungsministerium insgesamt mehr als 120.181 in öffentlichen Grund- und Sekundarschulen, Privat- und Europaschulen. Dies entspricht einem Anstieg von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist ebenso eine Herausforderung, die es zu meisten gilt, sagte Claude Meisch. Das Schulangebot werde erweitert, so etwa das der öffentlichen Europaschulen, das derzeit von rund 7.500 Schülern genutzt wird. Eine weitere Europaschule soll 2028 in Schifflingen öffnen, darüber hinaus ist eine im Westen des Landes vorgesehen. Hierbei soll in den nächsten vier Jahren das Angebot um 3.500 Plätze erhöht werden.

Der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds der Schüler auf ihre schulischen Leistungen ist noch immer zu groß. Er ist nicht neu, muss uns aber beschäftigen. Es ist eine zentrale Frage für die Demokratie.

Claude Meisch

Minister für Bildung, Kinder und Jugend

Was PISA 2025 angeht, wies der Minister darauf hin, dass nicht alles schlecht an den Ergebnissen war. So habe sich etwa der Leistungsunterschied zwischen den Schülern mit und jenen ohne Migrationshintergrund verringert. Auch schneide Luxemburg im Bereich des digitalen Lernens überdurchschnittlich gut ab. Allerdings gab er auch zu, dass eine der größten Herausforderungen der enge Zusammenhang des sozioökonomischen Hintergrunds der Schüler und ihrer schulischen Leistungen ist. Dieser Einfluss sei noch immer zu groß. „Er ist nicht neu, muss uns aber beschäftigen. Es ist eine zentrale Frage für die Demokratie.“ Daher ist für ihn 2026/2027 das „Schuljahr der Gerechtigkeit“. Meisch geht es vor allem um Bildungsgerechtigkeit. Das Projekt Alpha und die Verlängerung der Schulpflicht seien bereits Antworten. Er weiß, dass es nicht die letzten Antworten sein können.

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