Eine „Datz“ für den Minister
Lehrergewerkschaft SEW-OGBL kritisiert Projekt Alpha und Schulpflichtverlängerung
Der Beginn des neuen Schuljahres wird von der flächendeckenden Einführung des Projekts Alpha und vom Maßnahmenpaket für eine verstärkte Inklusion geprägt sein. Das Syndikat Erziehung und Wissenschaft (SEW) des OGBL begrüßt einige Schritte, hat aber auch einiges an den Neuerungen auszusetzen.
Joëlle Damé (links) und Vera Dockendorf vom SEW-OGBL Foto: Editpress/Julien Garroy
Gerade was den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern angeht, fordert das SEW mehr Personal, weniger Bürokratie und einen klaren Rahmen. „Die Lehrkräfte fühlen sich bei Problemen in der Schule oft handlungsunfähig“, weiß SEW-Präsidentin Joëlle Damé. „Daher wünschen wir uns einen Leitfaden für das weitere Vorgehen. Außerdem sollte jeder Gewaltvorfall an der Schule dokumentiert werden.“ Zurzeit ist geplant, nur Gewalttaten oder Vorfälle zu erfassen, bei denen das regionale Krisenteam eingreift und die an die Direktion weitergeleitet werden. „Das bedeutet aber, dass viele Vorfälle nicht gemeldet werden und unter den Tisch fallen, etwa jene, bei denen sich Eltern nicht an die Regeln halten“, kritisiert Damé. Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft eine zweite unterstützende Person in jeder Klasse im Zyklus eins. Zwar sei ab 2028 ein zusätzlicher Intervenient pro Schule im Rahmen eines Pilotprojekts vorgesehen, das reiche bei weitem nicht aus.
SEW-Präsidentin Joëlle Damé Foto: Editpress/Julien Garroy
In der Kritik steht auch das Projekt Alpha. Die zweigleisige Alphabetisierung soll die Bildungsgerechtigkeit verbessern. Ob sie tatsächlich zu besseren Leistungen führen werde, sei aber noch unklar, so die Gewerkschaft. „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht“, sagt Joëlle Damé. Der Bericht zu dem Pilotprojekt zeige, dass das Niveau in der Zweitsprache nicht mehr so hoch sei wie zuvor.
PISA-Katastrophe mit Ansage
Ein weiteres heißes Thema sind die schwachen Ergebnisse Luxemburgs bei der internationalen PISA-Vergleichsstudie der OECD. Die beim SEW für den Sekundarschulbereich zuständige Vera Dockendorf ist nicht überrascht darüber, dass die luxemburgischen Schüler bei der Lesekompetenz einen historischen Tiefpunkt erreicht haben: „Das war zu erwarten, und trotzdem kam Minister Claude Meisch vor einem halben Jahr noch auf die glorreiche Idee, in den unteren Stufen der Sekundarschule eine Stunde Sprachen durch eine zusätzliche Stunde Sport zu ersetzen.“ Dagegen wäre es sinnvoller, diese Stunde in eine obligatorische Stunde für außerschulische Aktivitäten umzuwandeln. Viele Schüler hätten heute keine Hobbys mehr. Dabei fördern gerade Hobbys ohne Handy den sozialen Kontakt.

Sprecherin des Sekundarschulbereichs beim SEW: Vera Dockendorf Foto: Editpress/Julien Garroy
Die Reform des „Cycle inférieur“ von 2018 hätte katastrophale Folgen. Diese Bildungspolitik stehe konträr zu dem, was Luxemburg im Kontext von PISA brauche, moniert Vera Dockendorf. „Wer etwa die Sprachen und das Lesen nicht beherrscht, dem fehlt der Schlüssel zum Wissen.“ Zu den Gründen für das schlechte Abschneiden gehöre nicht zuletzt die Smartphone-Nutzung. Der flächendeckende Einsatz von Tablets in den unteren Klassenstufen sei ohne jegliches Konzept. Sie dienen häufig als Ersatz für Bücher oder Hefte. Dockendorf verweist auf Untersuchungen, die zeigen, dass das Lesen am Bildschirm zu einem oberflächlichen Lesen führe, Texte weniger gut erfasst und verstanden würden. Sie hält das Vorgehen für kontraproduktiv. Eine einheitliche Lösung wäre sinnvoll.
„Garderie für Schulabbrecher“
Schließlich kommt die Gewerkschafterin auf die mit dem beginnenden Schuljahr in Kraft tretende Verlängerung der Schulpflicht zu sprechen. Das SEW sieht diese sowohl in Konzept als auch Umsetzung kritisch. Sie führe zu einer „Garderie für Schulabbrecher“, die nicht dazu führe, die Schüler in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Tatsache sei, dass nach einem Bericht über Schulabbruch vom Bildungsministerium aus dem Jahr 2024/25 schon sieben von zehn Schulabbrechern über 18 Jahre alt sind, die also durch die Maßnahme gar nicht erreicht werden. Die Problematik des Schulabbruchs müsse präventiv behandelt werden. Die meisten Schulabbrecher gebe es von der 5e bis zur 4e. Es gelte, die Berufsausbildung zu verbessern und aufzuwerten. Auch handwerkliche Berufe gehörten zur Basis einer modernen Gesellschaft, so Dockendorf. „Wir müssen endlich aufhören, akademische Berufe als relevanter zu betrachten. Handwerker sind essenziell für unsere Gesellschaft, gerade in Zeiten von KI.“

SEW/OGBL nimmt Stellung zur Schulrentrée. Von links nach rechts: Michel Reuter, Gilles Bestgen, Frédéric Krier, Joëlle Damé, Vera Dockendorf, Isabelle Bichler Foto: Editpress/Julien Garroy