Faktencheck

Geschichtsunterricht mit dem Tageblatt: Wer hat Luxemburg nach 1945 wieder aufgebaut?

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es in Luxemburg keine Ausländer gegeben, die das Land mit aufgebaut hätten. Das behauptet der ADR-Politiker Fred Keup auf Facebook. Der Historiker Vincent Artuso widerspricht deutlich. Ohne Kriegsgefangene und Einwanderer wäre der Wiederaufbau nicht gelungen.

Nationalistische Gefühle waren während und nach dem Weltkrieg verbreitet. Die Realität sah jedoch anders aus

Nationalistische Gefühle waren während und nach dem Weltkrieg verbreitet. Die Realität sah jedoch anders aus Foto: Editpress/Julien Garroy

Unter einem Kommentar des Tageblatt hat der ADR-Politiker Fred Keup auf Facebook behauptet, das zerstörte Luxemburg sei nach dem Krieg ohne ausländische Arbeitskräfte neu aufgebaut worden. „Nom leschte Weltkrich ware keng Auslänner hei an[sic] mir hun[sic] trotzdem[sic] d’Land opgebaut …“, schreibt der rechte Abgeordnete und Geografielehrer im Wortlaut, drei Rechtschreibfehler inklusive.

Die Behauptung ist aber auch inhaltlich falsch. Luxemburg sei nach 1945 von seiner Bevölkerung wieder aufgebaut worden, sagt der Historiker Vincent Artuso. Dazu gehörten die Luxemburger und die Ausländer, die damals im Land lebten. Und dazu gehörten die deutschen Kriegsgefangenen. Ihre Arbeit sei absolut entscheidend gewesen. Selbst 1947, nach Wirtschaftskrise und Krieg, hatte jeder zehnte Einwohner keinen Luxemburger Pass.

Liegt falsch: Fred Keup

Liegt falsch: Fred Keup Screenshot: Facebook/Tageblatt

Die Lücke nach den Kriegsgefangenen

1946 waren laut Artuso mehr als 4.500 deutsche Kriegsgefangene in Luxemburg interniert. Sie lebten in Lagern in Moutfort und Ettelbrück. Eingesetzt wurden sie in der Landwirtschaft und auf den Baustellen des Wiederaufbaus. Wie wichtig die Gefangenen waren, zeigte sich, als sie freikamen. „Sie mussten ersetzt werden. Die Arbeitskräfte fehlten.“ Die Regierung nahm deshalb wieder Kontakt zu Italien auf, um dort Arbeiter anzuwerben.

Das war politisch heikel, denn Italien hatte im Krieg zu den Achsenmächten gehört. Die faschistische Partei Italiens hatte vor und während des Krieges in Luxemburg agitiert, sagt Artuso. Doch Luxemburg benötigte starke Hände. „Das Bedürfnis nach Arbeitskräften hat die schlechten Beziehungen zu der Achsenmacht Italien wieder repariert.“

Die große Zuwanderung setzte laut Artuso Ende 1946, Anfang 1947 ein. Die meisten Menschen kamen aus Italien, andere aus Deutschland. „Die traditionellen Einwanderungswege sind zu dem Zeitpunkt nicht tot und die Landwirtschaft und die Industrie benötigen Arbeitskräfte.“

Rassistische Selektion

Wer kommen durfte, entschied der Staat nach klaren Vorlieben. Die Regierung folgte laut Artuso einer Logik, die schon Ende der 1930er-Jahre galt. „Es wurden Einwanderer favorisiert, die kulturell leicht zu integrieren waren, die, wie man damals sagte, ‚rassisch‘ näher an der Bevölkerung waren.“ Deshalb warb man zunächst in der Großregion an. Auch in Italien fragte die Regierung ausdrücklich nach Norditalienern. Sie habe gedacht, diese seien leichter zu assimilieren.

Andere waren weniger willkommen. „Ausländische Juden beispielsweise, die nach dem Krieg nach Luxemburg zurückkehrten, waren nicht unbedingt erwünscht“, sagt Artuso.

Portugal taucht früh auf

Nach Alternativen zu Italien suchte man allerdings schon früh. Artuso nennt ein Beispiel. Die Schiefergruben in Obermartelingen suchten Arbeiter und fanden keine Italiener. Da sei jemand auf die Idee gekommen, Portugiesen zu fragen. Das war 1946/47. „Das war das erste Mal, dass Portugal den Weg in die Debatte fand“, so Artuso.

Das Anwerbeabkommen mit Italien wurde 1948 unterzeichnet, das mit Portugal erst 1970. Aber schon vor dem Krieg war Luxemburg ein Einwanderungsland. In den 1930er-Jahren lag der Ausländeranteil laut Artuso bei rund 15 Prozent. Nach dem Krieg sei er kurz eingebrochen. Danach sei er wieder gestiegen.

Fast jeder vierte Industriearbeiter

Schon vor dem Krieg war Luxemburg ein Einwanderungsland. 1930 erreichte der Ausländeranteil laut Statec mit mehr als 18 Prozent einen ersten Höhepunkt. Die Weltwirtschaftskrise in den 1930ern und der Krieg ließen ihn wieder sinken. 1947 lag er bei 10 Prozent. Mit der wirtschaftlichen Erholung stieg er langsam wieder an. 1961 erreichte er 13 Prozent.

In der Industrie war der Anteil deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. 1948 kamen laut Statec 15,7 Prozent der Industriearbeiter aus dem Ausland. 1950 waren es 19,6 Prozent, 1955 bereits 24,3 Prozent. Damit war fast jeder vierte Industriearbeiter Ausländer. In Stahlindustrie und Bergbau lag der Anteil in diesen Jahren zwischen 14,4 und 16,9 Prozent.

Ein Wunsch, keine Wirklichkeit

Was wäre ohne die ausländischen Arbeiter passiert? „Dann hätten Arbeitskräfte gefehlt“, sagt Artuso. „Das hätte die Leistung der Wirtschaft direkt getroffen.“ Die Stahlindustrie hatte schon damals Probleme mit der Konkurrenz. Ohne Einwanderer wären diese Probleme noch erheblich größer gewesen, so Artuso.

Warum hält sich die Erzählung, Luxemburg habe sich allein aufgebaut? „Der Wunsch, zu sagen, man habe alles alleine geschafft, stammt aus der Zeit“, sagt Artuso. In den 1930er- und 1940er-Jahren waren Deutsche und Italiener die größten Ausländergruppen im Land. Luxemburger Nationalisten, die auch im Widerstand aktiv gewesen seien, hätten nach dem Krieg die Möglichkeit gesehen, sie aus Luxemburg zu werfen. „Der Wunsch entsprach aber nicht der Realität. Es ging nicht ohne ausländische Arbeitskräfte.“

Die alte Angst vor „Überfremdung“

„Die Angst vor der Überfremdung war in den 1930ern extrem hoch“, sagt Artuso. Der Begriff beschreibe das, was Rechtsextremisten heute das „Grand remplacement“ nennen, also die Vorstellung, die einheimische Bevölkerung werde durch Einwanderer ersetzt.

Auch der Hintergrund ähnele dem heutigen. In den 1930er-Jahren gingen die Geburten in Luxemburg stark zurück. Genau wie heute, sagt Artuso. Wer in völkischen oder rassistischen Kategorien dachte, zog daraus einen Schluss: Der „Volkskörper“ sei nicht vital genug. Deshalb sei er „infizierbar durch ausländische Einflüsse“.

Artuso sieht noch eine Parallele. „Es gab damals und gibt heute wieder eine Hierarchie der Ausländer: jene, die ins Land passen, und Leute, die sich weniger gut einfügen.“ Damals hätten Juden als nicht integrierbar gegolten. Heute seien es eher Menschen muslimischen Glaubens. „Heute arbeitet man mit anderen Begriffen, aber die Symptome der Angst von damals sind die gleichen wie heute.“

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