Editorial
Projekt Alpha: Claude Meisch setzt wieder einmal auf Tempo, statt auf Evidenz
Bei der Alphabetisierung auf Französisch will Bildungsminister Claude Meisch (DP) wieder einmal mit dem Kopf durch die Wand. Dabei hätte das Projekt mehr Geduld verdient.
Bildungsminister Claude Meisch hat sich in seinen gut zwölf Jahren als Minister nicht unbedingt durch Geduld und Dialogbereitschaft hervorgetan Foto: Vincent Lescaut/L'essentiel
Das luxemburgische Schulsystem ist ungerecht. Seit Jahrzehnten zeigen Studien, dass soziale Herkunft und sprachlicher Hintergrund die Bildungschancen in Luxemburg maßgeblich prägen. Mit dem Projekt Alpha versucht Bildungsminister Claude Meisch (DP) nun zumindest, einen Teil des Problems anzugehen. Das ist zunächst positiv.
Dialog als notwendiges Übel
Kinder sollen künftig auf Deutsch oder Französisch alphabetisiert werden können. Vor allem Schüler mit einer romanischen Muttersprache, für die der Einstieg über die deutsche Sprache bislang eine zusätzliche Hürde darstellt, könnten davon profitieren. Auch Eltern dürften ihre Kinder eher beim Lernen unterstützen können, wenn sie die Alphabetisierungssprache selbst beherrschen. Alpha setzt damit an einem realen Problem des luxemburgischen Bildungssystems an. Das allein ist aber keine Garantie dafür, dass das Projekt Alpha ein Erfolg wird.
Meisch ist seit mehr als einem Jahrzehnt Bildungsminister. In dieser Zeit hat sich ein Muster etabliert. Der Minister identifiziert ein Problem, präsentiert eine Reform und setzt sie anschließend durch. Der Dialog mit Gewerkschaften, Lehrkräften oder Gemeinden bleibt dabei regelmäßig auf der Strecke und wird, wenn überhaupt, eher ein notwendiges Übel sein, als ein fester Bestandteil einer Reform. Mit den teilweisen hohen praktischen Herausforderungen seiner Reformen, lässt Meisch die Akteure „um Terrain“ in der Regel allein.
Praktische Probleme bei der Umsetzung
Auch bei Alpha entsteht dieser Eindruck. Dabei stellt die rasche landesweite Einführung gerade die Gemeinden vor ganz praktische Probleme. Die parallele Alphabetisierung auf Deutsch und Französisch kann zusätzliche Klassenräume notwendig machen. Räume, die viele Gemeinden nicht einfach zur Verfügung haben. Damit schwächt Meisch sein eigenes Projekt.
Schwerer wiegt die noch fehlende wissenschaftliche Grundlage. Die bisherigen Resultate der Pilotschulen liefern positive Signale. Ob Alpha langfristig für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgt, lässt sich daraus bisher nicht ableiten. Das Ministerium hätte zumindest warten müssen, bis der erste Jahrgang den Cycle 4.2 vollständig abgeschlossen hat. Dann hätte untersucht werden können, ob deutsch und französisch alphabetisierte Kinder am Ende der Grundschule tatsächlich über die notwendigen Kompetenzen in allen Sprachen verfügen.
Noch besser wäre es gewesen, den Übergang in die Sekundarschule abzuwarten. Denn Alpha löst das grundsätzliche Sprachenproblem der Luxemburger Schule nicht. Nicht wenige Schülerinnen und Schüler, die gut auf Deutsch alphabetisiert wurden, haben später Probleme mit Französisch, wenn die Sprache in Mathematik und anderen Fächern eine größere Rolle spielt.
Nicht unbedingt eine schlechte Reform
Alpha verändert den Einstieg in das Schulsystem. Ob die Reform das System selbst verändert, kann zu diesem Zeitpunkt niemand sagen. Ohnehin liegt die größte Bildungsungleichheit tiefer. Kinder, deren Eltern nach der Schule Zeit haben, mit ihnen zu lernen, Hausaufgaben zu kontrollieren oder Nachhilfe zu bezahlen, haben bessere Chancen als jene, deren Eltern lange arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Daran ändert die Alphabetisierungssprache wenig. Einigen frankophonen Familien wird Alpha helfen, weil Eltern ihre Kinder sprachlich besser unterstützen können. Vorausgesetzt, sie haben die Zeit dafür.
Das macht Alpha nicht unbedingt zu einer schlechten Reform. Im Gegenteil. Luxemburg muss endlich versuchen, seine seit Jahrzehnten bekannten Bildungsungleichheiten zu reduzieren. Doch ausgerechnet bei einer Reform, die mehr Chancengerechtigkeit verspricht, wäre etwas mehr Geduld und wissenschaftliche Evidenz angebracht gewesen. Doch Geduld ist nicht unbedingt die Tugend, die Claude Meisch auszeichnet.