Editorial

Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch: Über die Narrenfreiheit in der Politik

Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch in Hesperingen: Wie Verantwortungslosigkeit und fehlende Kontrolle den Rechtsstaat aushöhlen.

Hesperingens ehemaliger Bürgermeister Marc Lies (CSV): Wurde er kritisiert, reagierte er mit wüsten Beleidigungen

Hesperingens ehemaliger Bürgermeister Marc Lies (CSV): Wurde er kritisiert, reagierte er mit wüsten Beleidigungen Archivfoto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Fünf Millionen veruntreute Gelder, fehlende Ausschreibungen, ein illegal gebautes und betriebenes Kinderbecken, derselbe Bürgermeister: Marc Lies. Nach 26 Jahren trat er 2025 in Hesperingen zurück – aus gesundheitlichen Gründen. Sein besser bezahltes und wohl weniger belastendes Mandat im Parlament bekleidet er bis heute.

Lies blickte bei seinem Rücktritt nicht ohne Stolz auf das schuldenfreie Gemeindekonto. Heute darf Hesperingen jedoch keine Wohnungen mehr bauen. Der Grund: Es wurde nicht ausreichend in die Abwasserbehandlung investiert. Der Super-GAU also.

Es spielt keine Rolle, wie viel von dem, was jahrelang in Hesperingen schiefgelaufen ist, am Ende Lies zuzuschreiben ist (und unter Umständen bereits vor ihm begonnen hat). Als Bürgermeister trug er die Verantwortung, und gleichzeitig musste er diese Verantwortung nie übernehmen. Im Gegenteil: Wurde er kritisiert, reagierte er mit wüsten Beleidigungen. Dass es auch anders geht, zeigt nun seine Nachfolgerin Diane Adehm (CSV), die vor allem Wert auf das Miteinander legt. Erst durch sie kann der Gemeinderat offenbar wieder zusammenarbeiten und Missstände aufklären.

Lies suchte hingegen stets einen Sündenbock. So sind laut ihm Linksparteien und die Presse für die scheinbar deregulierte Gesellschaft verantwortlich. Sie machten es schwierig, „Law and Order“ einzuführen. Das wirkt grotesk, da die Gemeinde Hesperingen gerade unter Lies’ Führung am Gesetz vorbei handelte und „Abkürzungen“ nahm.

Vetter! Mir graut’s vor dir!

Doch das Problem ist nicht Marc Lies. Das Problem ist die Gesellschaft, die diese Fehler und Rechtswidrigkeiten jahrelang zugelassen hat. Die Frage an dieser Stelle lautet: Wie viele Fehltritte und wie viel Nichtstun darf sich ein Politiker leisten? In Luxemburg scheint die Toleranzschwelle, je nachdem, sehr hoch zu sein. Das liegt vielleicht daran, dass ein politisches Amt vor allem in Spitzenpositionen nicht mehr als Dienst an der Gesellschaft, sondern als Broterwerb und Machtposition wahrgenommen wird. Politik wurde individualisiert, das Mandat zum Privatzweck.

Berufspolitiker stehen daher überhaupt nicht mehr vor der Frage: Was muss ich für das Gemeinwohl tun? Sondern: Was muss ich tun, damit ich gewählt werde? Es ist ein kleiner, aber bedeutender Unterschied, denn in diesem System werden die Bedürfnisse von Menschen ohne Wahlrecht weit nach hinten gestellt. Klientelpolitik und Vetternwirtschaft hingegen werden zum Seilzug ins Amt – die Willkür und Korruption im Schlepptau.

Durch die engmaschige Vernetzung gegenseitiger Gefälligkeiten und Abhängigkeiten genießen Politiker oft eine gewisse Narrenfreiheit. Erst wenn die Maske fällt und das Ansehen der Partei oder der Regierung Schaden nimmt und dadurch weitere Amtsträger um Geld und Macht fürchten müssen, wird der Rücktritt nahegelegt. Allerdings meist aus den eigenen Reihen. Echten Druck von außen, ein Damoklesschwert, das an die übergeordnete Verantwortung gegenüber der Gesellschaft appelliert, gibt es nicht. Die Folge: Die Verantwortlichen können die Sache einfach aussitzen und werden wahrscheinlich auch noch wiedergewählt.

Denn Demokratie schützt nicht vor den Interessen Einzelner. Sie werden nur legitimiert. Das Problem ist also nicht Marc Lies. Das Problem ist die Narrenfreiheit in der Politik.

1 Kommentare
Grober J-P. 27.07.202612:10 Uhr

Hätte auch gerne mal korrumpiert, z.B. bei Staatspöstchen, bei Ladestationen vor dem Haus, bei Arbeiten fürs Gartenhäuschen, Kleinigkeiten halt, ging leider immer daneben, meine Vettern hatten nix zu sagen, weder in der Gemeinde noch höher .......nur andere Narren.

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