Editorial
Nach Trumps Midterms-Debakel: Ein anderes Amerika, eine andere Welt?
Die Demokraten feiern einen historischen Sieg, Trump kassiert eine heftige Niederlage. Doch die Amerikaner haben vor allem über ihren Geldbeutel abgestimmt. Eine Abkehr vom Trumpismus ist das noch lange nicht.
Kommt jetzt die Zeit der Vetos? Mit dem Trumpismus dürfte es sobald noch nicht vorbeisein Foto: AFP/Mandel Ngan
Historisch. Das Attribut wurde gleich mehrmals bemüht, um die Midterms einzuordnen. In der Tat haben die Demokraten jahrzehntealte republikanische Hochburgen aufgebrochen. Zugleich rückten bislang unterrepräsentierte Gruppen in politische Spitzenämter auf. Manche Wahlsiege waren Premieren in 250 Jahren US-Geschichte, andere beendeten eine jahrzehntelange Vorherrschaft. Trotzdem waren die Midterms vor allem eines: die Abrechnung mit Donald Trump und jenem irrlichternden Charakter, den die Amerikaner vor zwei Jahren zum zweiten Mal zu ihrem Präsidenten gewählt hatten.
Ist das also ein historischer Wandel in den USA und gar für die Welt? Das wäre leider zu kurz gegriffen.
Die Erleichterung über den Wahlausgang ist nachvollziehbar, auch in Europa. Dass Trump fest einen auf den Deckel bekommt, darf einen freuen. Schließlich hat sich der Mann darin hervorgetan, anderen zu schaden. Was die Rache süßer macht, als sie tatsächlich ist.
Jedoch hatte Trump vieles von dem Unsäglichen, das er in den vergangenen zwei Jahren umsetzte, genauso angekündigt – bis auf seine Kriege, vor allem jenen gegen den Iran. Und er war nicht trotz, sondern auch wegen dieser Ankündigungen gewählt worden.
Donald Trump hat geliefert, was er seinen Wählern versprochen hatte
Trump hatte seinen Wählern vieles von dem gegeben, was er versprochen hatte. Er hatte eine rassistische und brutale Migrationspolitik angekündigt, und er hat geliefert. Die Bilder der erbarmungslosen, maskierten und bierbäuchigen ICE-Agenten, die in amerikanischen Städten Angst und Schrecken verbreiteten, gingen um die Welt. Trump hatte steigende Börsenkurse angekündigt, wozu es kam. Er versprach ein Aufräumen beim Staat, das Elon Musk in der DOGE-Phase übernahm. Trump setzte seine Kulturkämpfe fort. Die vergangenen 24 Monate waren oft reine Schikane für queere Menschen, Linke und Migranten.
Optimistische Deutungen wollen in den Midterms erkennen, dass sich die Amerikaner vom Unmenschlichen abwenden. Dass sie erst erkennen mussten, wie hässlich Remigration im gelebten Praxistest aussieht, um eine solche Politik abzulehnen.
Das mag für einzelne Bevölkerungsgruppen stimmen. Etwa für die Latinos, die Trump diesmal in Scharen davonliefen. Die Republikaner verloren sogar eigens per Gerrymandering zusammengeschusterte Wahlbezirke an die Demokraten.
US-Midterms: Die hohen Preise entscheiden die Wahl
Doch diese Wahlen standen im Zeichen der Wirtschaft. Es war wieder einmal: It’s the economy, stupid!
Die Midterms drehten sich um die Bezahlbarkeit, um die hohen Preise für das Füllen von Tank und Einkaufswagen. Und damit um Trump, seinen neuen „endless war“ im Iran und die Selbstbereicherung in seiner Administration und Familie. Migration, das Gebaren von ICE, seine duckmäuserische Haltung gegenüber Putin, seine Arschigkeit gegenüber den historischen Partnern und Freunden der USA – all das, worauf auch Europa schaute, war in vielen US-Wahlkämpfen allenfalls zweitrangig.
Trumps Niederlage bedeutet nicht das Ende des Trumpismus
Das sollte bei aller Freude über Trumps Niederlage zu denken geben. Wer einen Präsidenten wegen steigender Preise und gebrochener Wohlstandsversprechen abstraft, hat noch lange nicht dessen Weltbild verworfen. Die Amerikaner haben Trump die Rechnung präsentiert. Ob sie auch mit dem Trumpismus abrechnen wollen, ist eine andere Frage. Was, wenn der nächste Trump weniger chaotisch auftritt und wirtschaftlich erfolgreicher ist? Was, wenn er dieselbe Politik betreibt, aber den versprochenen Wohlstand liefert?
Der historische Wahlsieg der Demokraten ist noch lange kein Beleg für einen grundlegenden Wandel in den USA. Und für Europa kein Grund, auf eine Rückkehr zu alten Verhältnissen zu hoffen. Dabei hat Trump noch nicht einmal die Hälfte seiner Amtszeit hinter sich. Und er hat längst gezeigt, wie schnell aus einem Verbündeten ein Gegner werden kann.
Ein anderer Kongress ist noch kein anderes Amerika. Und schon gar keine andere Welt.