Editorial

Der unsichtbare Schmerz: Sportler und das Tabu-Thema mentale Gesundheit

Sportliche Stärke bedeutet nicht, alles aushalten zu müssen. Warum mentale Gesundheit im Leistungssport endlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Sportler möchten ihre mentalen Probleme oft nicht offenlegen, da sie Angst haben, als schwach dargestellt zu werden

Sportler möchten ihre mentalen Probleme oft nicht offenlegen, da sie Angst haben, als schwach dargestellt zu werden Foto: Editpress/Anouk Flesch

Im Gespräch mit dem Tageblatt fällt es dem ehemaligen Radsportler Ivan Centrone schwer, über seine aktive Karriere zu sprechen. Er nimmt sich einen Moment, atmet tief durch, bevor er sich zu einer Aussage kämpft, die hängen bleibt: „Der Radsport hat mich kaputt gemacht. Ich fühlte mich leblos – wirklich wie ein Geist.“ Auch die ehemalige Fußball-Nationalspielerin Kim Olafsson fühlte sich während einer schwierigen Phase, geprägt von Verletzungen, häufig allein gelassen. „Du weinst alleine“, beschreibt sie diese Zeit. „Körperlich ist eine solche Verletzung anstrengend, keine Frage. Aber mental ist der Schmerz viel größer. Am Körper siehst du die Besserungen. Aber innen drin, das sieht keiner. Und das ist mindestens genauso wichtig.“

Körperliche Verletzungen gehören zum selbstverständlichen Alltag im Sport. Doch die mentale Gesundheit bleibt ein Tabuthema. Wer sich das Kreuzband reißt, bekommt transparente Unterstützung. Wer psychisch nicht mehr kann, hat dagegen oft Angst, als schwach dargestellt zu werden. Dabei sollte es selbstverständlich sein, auch über diese Probleme zu sprechen.

Ein Monat als Eisbrecher

Der November und die mit „Movember“ verbundene Aufmerksamkeit für die Männergesundheit bieten einen passenden Anlass, daran zu erinnern. Männer lassen sich in diesem Monat einen Oberlippenbart wachsen, der als Eisbrecher dienen soll, um auf oft verschwiegene oder tabuisierte Themen aufmerksam zu machen.

Gerade im Sport, wo Stärke, Durchhaltevermögen und Leistungsfähigkeit häufig als zentrale Tugenden gelten, fällt es vielen schwer, Schwäche zu zeigen. Das betrifft Männer ebenso wie Frauen. Wer Hilfe sucht, ist nicht weniger leistungsfähig oder weniger ehrgeizig. Im Gegenteil: Offen über psychische Probleme zu sprechen, kann auch anderen Betroffenen Mut machen und dazu beitragen, das Tabu endlich zu brechen.

Mentale Betreuung als Bestandteil der Ausbildung

Auch Vereine, Verbände und Trainer müssen sich dieser Verantwortung bewusst werden. Mentale Betreuung darf nicht erst dann eine Rolle spielen, wenn ein Athlet bereits am Ende seiner Kräfte ist. Sie muss genauso selbstverständlich zur sportlichen Ausbildung gehören wie Training, Ernährung und Regeneration. Das Luxembourg Institute for High Performance in Sports (LIHPS) beschäftigt derzeit zwei Mentalcoaches, drei Sportpsychologen und eine Kinder- und Jugendpsychiaterin. Das ist ein wichtiger Ansatz. Entscheidend ist allerdings, dass solche Angebote auch angenommen werden und Sportler frühzeitig Unterstützung erhalten.

Ivan Centrone hat seinen Weg im Radsport hinter sich. Seine Geschichte sollte deshalb nicht nur als Beispiel für die Schattenseiten einer Profikarriere verstanden werden. Sie sollte vielmehr eine Mahnung sein, genauer hinzuschauen. Denn es kann nicht der Anspruch des Leistungssports sein, Menschen für ihre Erfolge zu feiern und dabei zu übersehen, was sie dafür opfern.

Gerade erfolgreiche Sportler haben dabei auch eine besondere Vorbildfunktion. Wenn sie offen über ihre psychischen Probleme sprechen, können sie anderen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass es keine Schwäche ist, sich Hilfe zu suchen. Ihre Verantwortung endet nicht bei sportlichen Erfolgen oder inspirierenden Leistungen auf dem Platz, der Straße oder in der Halle. Sie können auch dazu beitragen, ein gesellschaftliches Tabu aufzubrechen.

Sportliche Stärke zeigt sich nicht nur darin, immer weiterzumachen. Manchmal bedeutet sie auch, rechtzeitig innezuhalten und sich einzugestehen, dass es so nicht weitergeht. Der Sport braucht keine Athleten, die alles ertragen können. Er braucht Vorbilder, die auch über ihre Verletzlichkeit sprechen, und Strukturen, die verhindern, dass Menschen daran zerbrechen.

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