Editorial
Nach mehr als 20 Jahren Wohnungskrise muss der Druck auf die Politik steigen
Die Wohnungskrise ist seit Jahrzehnten ein Problem, doch öffentlicher Protest blieb lange überschaubar. Nun könnte aus dem Frust endlich eine größere Bewegung entstehen.
Rund 200 Menschen demonstrierten vergangenen Dienstag vor der Chamber gegen die hohen Wohnkosten Foto: Editpress/Georges Noesen
Luxemburg steckt seit mehr als 20 Jahren in einer Wohnungskrise. Die Immobilienpreise sind für viele Menschen längst unerschwinglich und bezahlbare Mietwohnungen sind Mangelware. Obwohl sich die Krise verschärft, hat die Bevölkerung relativ still zugeschaut. Eine Petition hier, Cafégespräche da, alle paar Jahre ein Kreuz bei der Partei mit den besten Versprechen. Verbessert hat sich nichts. Der Frust ist bei den Bürgern jetzt so groß, dass innerhalb von nur vier Tagen gleich zweimal Menschen wegen der Wohnungskrise auf die Straße gingen. Der Anfang ist gemacht. Jetzt muss aus vereinzelten Protesten eine breitere Bewegung werden.
Zwei Proteste, eine Krise
Rund 200 Menschen protestierten vergangenen Dienstag vor der Chamber gegen die hohen Wohnkosten. Etwa 50 Käufer, die seit Jahren auf die Fertigstellung ihrer VEFA-Immobilien warten, forderten am Samstag mehr Schutz und Unterstützung. Beide Demonstrationen zeigen, wie sehr die Luxemburger Wohnungspolitik an ihre Grenzen gestoßen ist.
Denn die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist alarmierend. Laut den kürzlich veröffentlichten Zahlen des Statec und des „Observatoire de l’habitat“ kostete eine durchschnittliche Wohnung mit 82 Quadratmetern im zweiten Quartal 2026 rund 635.500 Euro. Die ausgeschriebenen Mieten stiegen innerhalb eines Jahres um 5,8 Prozent. Gleichzeitig wurden im zweiten Quartal lediglich 225 Wohnungen im Bau verkauft – 68 Prozent weniger als im Durchschnitt der zweiten Quartale vor der Immobilienkrise.
„In Luxemburg muss man das Glück haben, zu erben, oder eben die Hälfte seines Einkommens abdrücken“, kritisierte Alice Hoffmann bei der ersten Demonstration. Vier Tage später schilderte Zehra Gozukara die Folgen eines Wohnungskaufs vom Plan: Der Bau verzögerte sich über Jahre, während die Familie weiterhin Miete und Kreditraten zahlte. „Wir haben nicht nur Geld verloren. Wir haben auch unsere Gesundheit verloren“, sagte Gozukara.
Denn die Wohnungskrise ist längst nicht mehr nur eine finanzielle Frage. Sie belastet auch die Gesundheit und bestimmt die Lebensplanung ganzer Familien. So bangt auch Anja Wetzel darum, ob ihr Sohn nach seinem Studium in Wien trotz der hohen Wohnkosten nach Luxemburg zurückkehrt. „Es wäre so wichtig für uns, wenn er zurückkäme“, sagte die 60-Jährige bei der Demonstration.
Geduld ist am Ende
Die Verantwortung für diese Entwicklung trägt nicht allein die aktuelle Regierung. Unterschiedliche politische Mehrheiten haben über Jahrzehnte versäumt, die strukturellen Probleme zu lösen. Umso bemerkenswerter ist es, dass die fünf Jugendparteien von CSV, DP, LSAP, „déi gréng“ und „déi Lénk“ gemeinsame Forderungen stellen. Während sich die Jugendparteien auf gemeinsame Forderungen einigen können, scheitert die Umsetzung vieler längst bekannter Maßnahmen seit Jahren am politischen Willen ihrer Mutterparteien.
Die Jugendorganisationen haben bereits die nächste friedliche Demonstration für den 13. November angekündigt. Diesen Schwung sollten sie nutzen. Die ersten zwei Demonstrationen mit etwa 250 Teilnehmern werden die Wohnungskrise nicht lösen, können aber der Anfang einer größeren Protestbewegung sein. Nach Jahrzehnten voller leerer Versprechen darf die Wohnungskrise nicht länger nur am Küchentisch diskutiert werden. Sie gehört auf die Straße.