Friedliche Demo für VEFA-Käufer

„Wir werden nicht aufgeben!“ – Wie ein Wohnungskauf zum jahrelangen Kampf wird

Sie zahlen Kredite für Wohnungen, in die sie nicht einziehen können. Am vergangenen Samstag demonstrieren in Luxemburg-Stadt Menschen, deren VEFA-Bauprojekte seit Jahren stillstehen – und die sich von Politik und Justiz alleingelassen fühlen.

Bezahlt, aber noch immer ohne Zuhause: Unter dem Motto „We want our homes!“ forderten Betroffene am Samstag mehr Verantwortung von Bauträgern und Staat.

Bezahlt, aber noch immer ohne Zuhause: Unter dem Motto „We want our homes!“ forderten Betroffene am Samstag mehr Verantwortung von Bauträgern und Staat. Foto: Carole Theisen

„Wir haben nicht nur Geld verloren. Wir haben auch unsere Gesundheit verloren“, erzählt Zehra Gozukara, 45, am Samstag auf der Place Clairefontaine. Ihr Mann musste nach einem Herzinfarkt notoperiert werden. Und das mit nur 47 Jahren. Für sie gehört auch das zu einer Geschichte, die im Februar 2022 mit dem Kauf einer Wohnung in Mamer begann. Damals versprach der Vertrag die Fertigstellung für Februar 2024. Heute wohnt die dreiköpfige Familie noch immer zur Miete. Die Kreditraten laufen weiter.

Rund 50 Menschen haben sich in diesem Sinne unter dem Motto „We want our homes!“ gemeinsam mit Linken-Politikern wie Gary Diderich und Marc Baum in der Hauptstadt versammelt. Im Mittelpunkt stehen jene Käufer, die ihre Verträge erfüllt haben, deren Wohnungen aber einfach nicht fertig werden.

Gozukara kaufte bei der Capelli-Gruppe. Als eine Rechnung von mehr als 250.000 Euro kam, wurde die Familie misstrauisch. Der Bauträger versicherte, die Arbeiten seien entsprechend fortgeschritten. Sie zahlte. Danach, erzählt sie, brachen Kommunikation und Bauarbeiten ab. Es folgten Anwaltsschreiben, Gerichtsverfahren und schließlich der Versuch der Eigentümer, die Baustelle selbst zu übernehmen. Als sie den Ort schließlich besuchte, stand Wasser im Gebäude. Seit über einem Jahr versuchen sechs Nachbarn nun gemeinsam, die Arbeiten zu Ende zu bringen. „Wir haben weder Energie noch Geduld noch Geld übrig“, sagt Gozukara. Möglicherweise könne man Anfang nächsten Jahres einziehen – in ein noch immer nicht vollständig fertiggestelltes Umfeld.

Besonders empört sie, dass Capelli ihrer Darstellung nach weiterhin über eine Lizenz verfügt und über Tochtergesellschaften in Luxemburg geschäftlich aktiv ist. Während die betroffenen Familien um ihre finanzielle Existenz kämpfen, könne die Gruppe ihre Geschäfte fortsetzen. Für die ursprünglich aus der Türkei stammende Gozukara ist das kaum nachvollziehbar. Auch ihre Angehörigen in der Türkei könnten nicht glauben, dass so etwas ausgerechnet in einem Land wie Luxemburg möglich sei.

Ein Vertrag, keine Schlüssel

VEFA steht für „Vente en l’état futur d’achèvement“: Immobilien werden auf Plan gekauft, die Käufer bezahlen in Raten entsprechend dem Baufortschritt. Eine gesetzlich vorgesehene Fertigstellungsgarantie soll sie absichern, falls der Bauträger ausfällt. Doch wenn Zahlungen für noch nicht erbrachte Arbeiten geflossen sind oder Insolvenzen mehrere Eigentümer betreffen, wird der Weg zur fertigen Wohnung kompliziert und teuer.

Auch Monique Heinz weiß längst nicht mehr, wie viel Geld sie ihr zukünftiges Zuhause noch kosten wird. Vor sieben Jahren kaufte die heute 67-Jährige ein Studio im Escher Wohnprojekt am ehemaligen „Scholesch Eck“. 2021 wollte sie dort einziehen. Fünf Jahre später wartet sie noch immer. Die Fenster sind nur teilweise eingebaut, die Fassade ist unfertig und an manchen Stellen bereits wieder beschädigt.

Ein Fass ohne Boden“: So beschreibt Monique Heinz die finanziellen und organisatorischen Folgen der Insolvenz ihres Bauträgers. Wann sie in ihre Wohnung einziehen kann, ist weiterhin ungewiss.

Ein Fass ohne Boden“: So beschreibt Monique Heinz die finanziellen und organisatorischen Folgen der Insolvenz ihres Bauträgers. Wann sie in ihre Wohnung einziehen kann, ist weiterhin ungewiss. Foto: Carole Theisen

Nach der Insolvenz des Bauträgers liegt es nun an den Käufern, das Gebäude selbst fertigstellen zu lassen. Projektmanager, Hausverwaltung, Gutachter, Anwälte – alles muss organisiert und bezahlt werden. Die Fertigstellungsgarantie übernimmt nach ihren Angaben längst nicht alle Kosten. Hinzu kommen Arbeiten, die bereits bezahlt, aber nie ausgeführt wurden, und Schäden durch eindringendes Wasser. Wie hoch die zusätzlichen Ausgaben am Ende ausfallen werden, weiß niemand. Und wann sie endlich einziehen kann, ebenso wenig. „Es ist ein Fass ohne Boden“, sagt Heinz. „Wir wissen nicht, wann es fertig wird. Und das in meinem Alter.“

Wer trägt das Risiko?

Organisator Alejandro Marx hat selbst eine Wohnung in dem Escher Gebäude gekauft. Mit der Demonstration will er Betroffene zusammenbringen. „Viele fühlen sich allein“, sagt er. Manche wollten aus Scham nicht einmal ihre Geschichten erzählen oder ihren Namen nennen. Dabei hätten die Käufer ihren Teil der Vereinbarung eingehalten. „Es sind die Bauträger, die ihre Versprechen nicht eingehalten haben.“

Alejandro Marx hat die Demonstration „We want our homes!“ organisiert. Der Escher ist selbst von einem seit Jahren verzögerten Wohnprojekt betroffen und fordert besseren gesetzlichen Schutz für VEFA-Käufer.

Alejandro Marx hat die Demonstration „We want our homes!“ organisiert. Der Escher ist selbst von einem seit Jahren verzögerten Wohnprojekt betroffen und fordert besseren gesetzlichen Schutz für VEFA-Käufer. Foto: Carole Theisen

Nach Angaben der Organisatoren sind landesweit mehr als 700 Wohneinheiten verspätet. Eine amtliche Gesamtzahl gibt es nicht: Die Regierung hat eingeräumt, keine zentralen Daten über die betroffenen Käufer zu besitzen. Zugleich arbeitet sie an einer Reform der VEFA-Regeln und erkennt Lücken beim bisherigen Schutz an. Die angekündigten Änderungen sollen allerdings nicht rückwirkend gelten. Für bereits geschädigte Familien ist bislang kein Entschädigungsfonds angekündigt.

Deshalb verlangen die Demonstrierenden nicht nur strengere Kontrollen und schnellere Gerichtsverfahren, sondern auch Hilfe für bestehende Fälle. Marx hat zudem die öffentliche Petition Nr. 4243 eingereicht: Künftig sollen unabhängige Sachverständige jeden Bauabschnitt prüfen, bevor Käufer die nächste Rate bezahlen müssen.

Mit der öffentlichen Petition Nr. 4243 fordert Alejandro Marx einen besseren Schutz für VEFA-Käufer. Unter anderem sollen unabhängige Sachverständige künftig den Baufortschritt kontrollieren, bevor weitere Zahlungen fällig werden.

Mit der öffentlichen Petition Nr. 4243 fordert Alejandro Marx einen besseren Schutz für VEFA-Käufer. Unter anderem sollen unabhängige Sachverständige künftig den Baufortschritt kontrollieren, bevor weitere Zahlungen fällig werden. Foto: Carole Theisen

Ein weiteres Problem ist der „Bëllegen Akt“, die steuerliche Vergünstigung beim Immobilienkauf. Wer eine Wohnung im Bau erwirbt, muss sie grundsätzlich innerhalb von vier Jahren selbst beziehen; Verlängerungen sind möglich. Bei jahrelangem Baustopp wird auch diese Frist zum Risiko. Marx fürchtet, die Vergünstigung am Ende zurückzahlen zu müssen.

Auf der Place Clairefontaine sind sich die Demonstrierenden an diesem Samstag in einem Punkt einig: „Wir werden nicht aufgeben!“ Denn auch wenn die Regierung inzwischen an einer Reform des VEFA-Gesetzes arbeitet, ist für jene, die bereits seit Jahren auf ihre Wohnungen warten und mit den finanziellen Folgen kämpfen, noch keine Lösung in Sicht.

Dass die geplanten Änderungen nur künftige Käufer schützen sollen, ist für Gozukara nicht hinnehmbar. Hinter den gescheiterten Bauprojekten stehen schließlich Menschen, deren Alltag, Zukunftspläne und finanzielle Sicherheit auf dem Spiel stehen. „Es geht nicht nur um Geld und Zeit“, sagt sie. „Es geht um das Leben zahlreicher Familien und Kinder.“

„Wir werden nicht aufgeben!“ Diese Botschaft stand am Samstag im Mittelpunkt der Demonstration, bei der Betroffene mehr Transparenz, schnellere Gerichtsverfahren und finanzielle Unterstützung forderten.

„Wir werden nicht aufgeben!“ Diese Botschaft stand am Samstag im Mittelpunkt der Demonstration, bei der Betroffene mehr Transparenz, schnellere Gerichtsverfahren und finanzielle Unterstützung forderten. Foto: Carole Theisen

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