Wahlen in Ungarn
Wie sich Viktor Orbáns Regime auf queere Menschen auswirkt und worauf sie jetzt hoffen
Pride-Verbot, die Aberkennung von Regenbogenfamilien und trans Personen: Unter dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán (Fidesz) verschärften sich die Gesetze gegen die queeren Communities in Ungarn. Die NGO „Háttér Society“ spricht vor den Wahlen am Sonntag über die Folgen. Beáta Fülöp, in Ungarn geborene Luxemburgerin, blickt aus der Ferne auf ihr Geburtsland – und äußert einen Wunsch.
Die Pride in Budapest war verboten, lockte 2025 dennoch Zehntausende Menschen aus aller Welt nach Ungarn Foto: AFP/Attila Kisbenedek
„Die Anti-LGBTQ+-Gesetze, die in den letzten Jahren in Ungarn verabschiedet wurden, wirken sich spürbar auf die Mitglieder der Gemeinschaft aus“, schreibt „Háttér Society“ auf Nachfrage des Tageblatt. Die Organisation wurde 1995 gegründet, gilt als älteste sowie größte LGBTQ+-Vereinigung Ungarns. „Die gleichgeschlechtliche Ehe ist verboten, genauso wie LGBTQ+-Themen in Schulen. LGBTQ+-Bücher müssen in Folie verschweißt verkauft werden.“ Das sind nur ein paar der Gesetze und Änderungen, die Orbáns Regierung seit 2010 durchbrachte.
Trans Personen in Ungarn: „Ein Leben ist dort für sie unmöglich“
„Trans Personen leiden unter dem Verbot, ihr Geschlecht im Zivilstand anzupassen“, nennt Háttérein weiteres Beispiel. Das Gesetz trat 2020 in Kraft. „Da ihnen die Dokumente fehlen, die ihre Geschlechtsidentität und ihre soziale Realität spiegeln, sind sie im Alltag zunehmend Diskriminierungen und Demütigungen ausgesetzt. Viele von ihnen haben existenzielle Ängste, weil ein Leben in Ungarn für sie unmöglich ist – doch aufgrund ihrer marginalisierten und prekären Position können sie das Land nicht verlassen.“
Die Folgen des „Propaganda-Gesetzes“ von 2021 seien ebenfalls nicht zu unterschätzen: Es verbietet zum Teil die Vermittlung von LGBTQ+-Inhalten. Angeblich zum Kinderschutz. „Obwohl das Gesetz auf staatlicher Ebene selten durchgesetzt wird, hat es eine abschreckende Wirkung. Es führt zur Selbstzensur in allen betroffenen Bereichen“, so Háttér. Homo- und transfeindliche Kommentare seien zur Normalität geworden. Im Bildungswesen überschatte Angst die Diskussion über LGBTQ+-Themen. „Mehrere Lehrkräfte und psychologisches Fachpersonal berichten: Sie wurden unter Druck gesetzt, die Themen nicht anzusprechen; in einem Fall wurde die Person genötigt, aufzuhören, Beiträge dazu auf Social Media zu teilen.“ Die umfassende Sexualbildung werde somit abgeschafft. „Eine gesamte Generation wächst ohne unvoreingenommene, wissenschaftliche Informationen zu LGBTQ+-Themen auf“, schreibt Háttér.
Zivilgesellschaft im Visier
Auch die Zivilgesellschaft stehe unter Druck. 2023 verabschiedete das Parlament den Akt zum Schutz der nationalen Souveränität, der mit der Gründung des „Sovereignty Protection Office“ (2024, SPO) einherging. „Seit Dezember 2025 untersucht die SPO zivilgesellschaftliche Gruppen“, weiß Háttér. „Darunter jene, die sich für LGBTQ+-Rechte einsetzen, insbesondere solche mit internationaler Finanzierung. Die Verantwortlichen wurden diffamiert und eingeschüchtert. Sie scheuen sich nun, ausländische Finanzmittel zu beantragen (…) und berichten von psychischem Stress.“ Einzelne Aktivist*innen wurden Opfer von Verleumdungskampagnen und Anschuldigungen, darunter auch Vorwürfe der Pädophilie.

Eindrücke von der Pride in Budapest 2025 Foto: AFP/Attila Kisbenedek
„Die Europäische Kommission hat Ungarn im Oktober 2024 wegen des SPO-Gesetzes vor den Europäischen Gerichtshof gebracht. Die Stellungnahme des Generalanwalts von 2026 stellt fest, dass das Gesetz gegen EU-Recht verstößt“, erklärt Háttér. Der Europarat und die Expertengremien der Vereinten Nationen verurteilten das Gesetz ebenfalls.
Gleichzeitig steige die öffentliche Solidarität mit den queeren Communities in Ungarn. So fand auch die Pride in Budapest 2025 trotz Verbot statt – und lockte Tausende Menschen in die Hauptstadt. „Die Regierung bei einer so symbolträchtigen Veranstaltung zu besiegen, vor allem als die ganze Welt auf das einzige EU-Land blickte, das eine Pride-Parade verbot, gab vielen vor den bevorstehenden Wahlen Zuversicht und Hoffnung“, hält Háttér fest.
Blick aus Luxemburg
Beáta Fülöp verfolgte die besagte Pride online. Ihre Familie verließ Ungarn in den frühen 2000ern, unter anderem aus politischen Gründen. Fülöp war neun, als sie nach Luxemburg zogen. Heute hat sie die doppelte Staatsangehörigkeit, koordiniert in Luxemburg die Gruppe „Le groupe des A“ – eine Community für asexuelle und aromantische Personen – im „Centre LGBTIQ Cigale“ sowie einen queeren Buchclub im Rainbow Center. Darüber hinaus schreibt sie für das Magazin queer.lu. Die Verbindung zu ihrem Geburtsland blieb durch Verwandte vor Ort bestehen. „Ich wusste schon als Kind, wer Viktor Orbán ist“, sagt sie im Tageblatt-Gespräch. „Der Name war negativ konnotiert.“

Verfolgt die Politik in ihrem Geburtsland von Luxemburg aus: Beáta Fülöp Foto: Editpress/Julien Garroy
Die Familie reist mehrmals im Jahr nach Ungarn. In ihrer Kindheit verfolgte Fülöp mit ihrer Großmutter die Nachrichten. 2011 kommt ihr in den Sinn: Damals brachte Orbáns Regierung ein Mediengesetz durch, das die Pressefreiheit stark einschränkte. „Ab dann gab es keine ‚richtigen‘ Nachrichten mehr“, sagt sie.
Orbáns Wiederwahl im Jahr 2010 löste bei ihr ein Gefühl der Hilfslosigkeit aus. „Ich hatte die Befürchtung, ‚jetzt geht alles den Bach runter‘“, beschreibt sie die Situation. „Allgemein verfolge ich die Politik in Ungarn wenig, weil sie mich deprimiert. Sie wirkt sich jedoch unmittelbar auf mein Leben aus.“ Ihre Queerness spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Ihre Familie ist liberal und hat nie ein Thema aus ihrer Identität gemacht. „Ich hatte Glück“, betont Fülöp. „Andere Personen aus den Communities sind stärker von Orbáns anti-queerer Politik betroffen.“
Politik trifft Privatleben
Die Folgen von Orbáns Politik waren für sie anders spürbar. Zum Beispiel verlor sie zwei Familienangehörige in Ungarn durch Infektionen, die sie sich im Krankenhaus zugezogen hatten. „Das ist symptomatisch für das kaputte Gesundheitssystem in Ungarn“, sagt sie. „Es fehlt Personal, es herrscht Materialmangel. Gute Kliniken mussten aus finanziellen Gründen schließen. Der Sektor wurde heruntergewirtschaftet.“ Dasselbe gelte für die Straßeninfrastruktur, für das Bildungssystem. „Das Regime hat das Land gebrochen. Die EU-Gelder wurden nicht in die Infrastruktur investiert.“
Die Rückkehr nach Ungarn war lange Zeit eine Option, die Fülöp im Hinterkopf behielt. „Jetzt ist das unvorstellbar“, offenbart sie. 2020 war dahingehend ein Schlüsselmoment für sie: Orbáns Regierung verschärfte in dem Jahr – und den darauffolgenden – seine Politik gegen LGBTQ+-Menschen.
Fülöp besucht das Land weiterhin und sammelt vor Ort Bücher zu LGBTQ+-Themen. Sie holt ihr Handy hervor und zeigt Fotos von einem Besuch in Budapest: Auf einem Tisch liegen mehrere farbige Buchcover. Ohne Plastikfolie. „Nicht jede Buchhandlung hält sich an das Gesetz“, beobachtet sie. „Orbán ging es nie um die Bücher. Das Ziel war, ungarische Autor*innen und Verlage einzuschüchtern, die sich mit queeren Themen befassen.“
Sie war Teil einer ungarischen Schriftsteller*innengruppe, die sich im Zuge der Debatte um das Gesetz auflöste. „Die Meinungen gingen auseinander, ob wir uns als Gruppe an die Vorgaben halten sollen oder nicht“, fasst sie zusammen. Durch das Verbot habe die Regierung ein Mittel, um gegen unliebsame Bücherläden vorzugehen.
Hoffnung mit Pessimismus
Budapest sei eine der liberalsten Städte Ungarns, so Fülöp. Die queeren Communities seien dort sichtbarer als in ruralen Gebieten. „Orbáns anti-queere Propaganda hat sich eindeutig auf die Bevölkerung ausgewirkt“, stellt sie klar. „In Ungarn ist es normal, propagandistische Plakate im Großformat auf der Straße zu sehen. Die Regierung sucht sich zu jeder Wahl ein neues Feindbild aus: Zuerst war es die Opposition, dann Flüchtlinge, queere Menschen, die EU – und aktuell die Ukraine. 2023 erhielt ich Wahlwerbung auf der Sprachlern-App Duolingo. Das sind Eindrücke, die einen prägen.“ Erst jetzt nutze die Opposition ähnliche Mittel, um die Menschen für sich zu gewinnen und ihr Bewusstsein beispielsweise für den Mehrwert der EU zu schärfen.
Fülöp ist dennoch pessimistisch: Einerseits glaubt sie nicht daran, dass die Wahlen am Sonntag demokratisch ablaufen; andererseits zweifelt sie am sofortigen Wandel durch den Sieg der Opposition. Die Prognose von Háttérfällt ähnlich durchwachsen aus. Zwar gebe es nach 16 Jahren Fidesz-Regime zum ersten Mal Hoffnung auf einen Wechsel, aber die LGBTQ+-Gemeinschaft stehe vor einem Dilemma.
Die Tisza-Partei (Mitte-rechts), „die weithin als der aussichtsreichste Herausforderer der Orbán-Regierung“ gelte, habe die Wiederherstellung von LGBTQ+-Rechten bisher nicht angesprochen. „Man kann nur hoffen, dass, wenn demokratische Werte zurückkehren, auch LGBTQ+-Themen angegangen werden.“
Fülöp ist derweil allgemein der Ansicht, der Schaden sei zu groß, um ihn kurzfristig zu beheben. Am Ende äußert sie trotzdem einen Wunsch: „Bitte richtet das Land nicht zugrunde.“