Affäre Wilmes
Suspendierter Orthopäde erhebt politische Vorwürfe gegen Gesundheitsministerin
Der diese Woche von Gesundheitsministerin Martine Deprez für weitere 21 Monate für Operationen suspendierte Orthopäde Philippe Wilmes trat am Freitag erstmals auf einer Pressekonferenz vor die Öffentlichkeit und gab Details preis zu der Verschwörung, die er gegen sich vermutet.
„Confrères“ unter sich: Robert Huberty, Bernd Garbrecht, Jacques Mehlen und Philippe Wilmes am Freitag im Cercle Cité Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Auf einer zweistündigen, von seiner auf Krisenkommunikation und Reputationsmanagement spezialisierten Beraterfirma „Apollo Strategists“ sorgfältig inszenierten Pressekonferenz im Cercle Cité an der place d’Armes ließ der von CSV-Gesundheitsministerin Martine Deprez diese Woche für weitere 21 Monate für Operationen suspendierte Orthopäde Philippe Wilmes am Freitagnachmittag die Katze aus dem Sack und lieferte Details zu der Verschwörung, deren Opfer er zu sein denkt. Er kenne Martine Deprez nicht nur „indirekt“, wie diese nach der Sitzung des parlamentarischen Gesundheitsausschusses am Mittwoch zu verstehen gegeben habe, sagte Wilmes. Er habe ein 18-monatiges „Arbeitsverhältnis“ zu der Gesundheitsministerin gehabt, seit Anfang 2024 hätten sie sich regelmäßig getroffen, seien gemeinsam ins Restaurant „Parc Le’h“ in Düdelingen, wo Martine Deprez wohnt, essen gegangen, hätten häufig Textnachrichten ausgetauscht und viel telefoniert.
Im Dezember 2024 habe er in ihrem Auftrag mit „einer Reihe von Akteuren“ aus dem Gesundheitswesen ein „Brainstorming“ durchgeführt, um ein Strategiepapier zur Umsetzung der im Koalitionsabkommen festgeschriebenen gesundheitspolitischen Reformen zu erstellen, erzählte Wilmes, der bei den Koalitionsverhandlungen im Oktober 2023 als DP-Mitglied das Kapitel zur Gesundheitspolitik mit ausarbeitete. Zu ihrem Papier habe die Arbeitsgruppe jedoch nie richtiges Feedback bekommen, sodass im Frühjahr 2025 das Gefühl aufgekommen sei, die Reformen seien politisch vielleicht nicht erwünscht. Es sei dabei hauptsächlich um die Auslagerung von Aktivitäten aus den Krankenhäusern in den ambulanten Bereich gegangen. Die Ministerin habe das jedoch abgelehnt mit der Begründung, dafür gebe es keine Normen. Die habe er der Ministerin dann zukommen lassen, berichtete der frühere Vizepräsident der AMMD, doch irgendwann seien die Gespräche zwischen ihnen ins Stocken geraten, sodass er persönlich das Gefühl gehabt habe, dass der Regierung der politische Wille zur Umsetzung ihrer Versprechen fehle. Der aktuelle AMMD-Präsident Chris Roller begründete die Entscheidung der Ärztevereinigung, die neue Konvention mit der CNS nicht zu unterzeichnen, in den vergangenen Wochen mit ähnlichen Argumenten.
„Méi wéi Gerüchter“
Daraufhin seien im Sommer Gerüchte kursiert, dass es zu einer Regierungsumbildung kommen sollte, bei der nicht nur CSV-Arbeitsminister Georges Mischo, sondern auch Gesundheitsministerin Martine Deprez ausgetauscht werden sollte. „Dat waren ebe méi wéi just Gerüchter, ech mengen, dat ware ganz konkret Diskussiounen, déi do aus deenen heite Grënn gefouert goufen“, sagte der Bruder von CSV-Umweltminister Serge Wilmes am Freitag. Druck innerhalb der Regierung sei auch dadurch entstanden, „dass de Koalitiounspartner net frou war“, dass die Versprechen aus dem Koalitionsabkommen nicht umgesetzt würden.
Am 13. September sei Martine Deprez bei einer Regierungssitzung in Senningen heftig kritisiert worden wegen der Politik, die sie „gemaach huet, oder virun allem (…), déi se net gemaach huet“. Am Tag vorher habe sie ihm in einer Textnachricht geschrieben, sie habe im August drei Wochen Pause gemacht und sei noch nicht dazu gekommen, ihm zu schreiben, „a wa meng Informatioune stëmmen, dann ass dat jo warscheinlech lo och net méi néideg“, las Wilmes vor.
Daraufhin habe er ihr ein klärendes Gespräch vorgeschlagen, das am 1. Oktober um 7.30 Uhr in ihrem Büro im Ministerium stattgefunden habe. Dabei sei eine „relativ hefteg Diskussioun“ entstanden über „die Versäumnisse, die bis zu diesem Zeitpunkt vorlagen“, „de Fait, datt meng Partei an déi Leit, déi an der Regierung sinn, wat déi sech virgeholl haten, dass dat net ugaange ginn ass“. Er habe die Gesundheitsministerin damit konfrontiert, dass das, was im Wahlkampf kritisiert wurde, nicht von ihr als änderungswürdig anerkannt worden sei und die „Ouverture aus de Spideeler eraus, méi Medizin an d’Dokteschpraxen“ derzeit keine Perspektive habe. Sie habe sich nur herausgeredet und die Schuld auf andere geschoben, sodass bei Wilmes der Eindruck entstanden sei, die Ministerin habe „nullement d’Intentioun, fir iergendeppes vun dem Regierungsaccord ëmzesetzen“. Am Ende dieses Gesprächs habe er Martine Deprez mitgeteilt, er sei der Meinung, dass sie das Koalitionsabkommen nicht umsetze, „an dass dat e Problem wier“.
Whistleblower
Am 12. Oktober sei er in einem Brief an CSV-Premier Luc Frieden zu dem Schluss gekommen: „Mat him ass de Koalitiounsaccord net ëmsetzbar an do besteet e fundamentale banneschte Blocage, deen hatt net iwwerwonne kritt. Hatt kann et net an hatt wëll et net“, las der Orthopäde auf der Pressekonferenz vor.
Darauf, welche Rolle bei diesen Unterredungen seine Pläne gespielt haben, zusammen mit dem früheren AMMD-Präsidenten Alain Schmit und den Investoren Marc Giorgetti, Alain Kinsch, Marc Hoffmann und Felix Retter eine äußerst umstrittene Privatklinik auf Findel zu eröffnen, ging Philippe Wilmes nicht ein. Dass die „Ouverture aus de Spideeler eraus, méi Medizin an d’Dokteschpraxen“ ihnen in die Karten spielen würde, daran besteht kein Zweifel.
„Faktuell“ stellte Wilmes am 27. Oktober jedenfalls fest, dass ein „Confrère“ als anonymer Whistleblower zwei Akten an das „Collège médical“ weitergeleitet habe: Über Patienten, die er Anfang des Jahres gesehen habe, doch auf einmal sei es „sou schlëmm“ geworden, dass plötzlich Handlungsbedarf bestehe. Damit nahm seiner Ansicht nach die Verschwörung gegen ihn seinen Lauf. Bei dem Whistleblower habe es sich laut Wilmes um den HRS-Orthopäden Marc Kayser gehandelt. Anderthalb Monate später sei dann Professor Romain Seil aus dem CHL nachgezogen, der „seng ganz Ekipp mat op de Pabeier“ geschrieben habe. Seil sei lange Zeit sein „Mentor“ gewesen, doch 2010 sei es wegen „unterschiedlicher Auffassungen über Medizin“ zum Bruch zwischen ihnen gekommen, erzählte Wilmes am Freitag. Wenige Tage, nachdem diese Ärzte die Vorwürfe gegen Wilmes, Operationen an gesunden Knien durchgeführt zu haben, an das „Collège médical“ weitergeleitet hatten, informierte das Ärztekollegium die Gesundheitsministerin. Mitte Januar leitete es weitere Fälle an Martine Deprez weiter, die am 22. Januar die erste, dreimonatige Suspendierung gegen Wilmes verhängte.
Wie genau Martine Deprez, Marc Kayser, Romain Seil und das „Collège médical“ diese Verschwörung aufgebaut haben, geht aus Wilmes’ Erzählung nicht genau hervor. Teil davon sind aber auch die Experten, die vergangene Woche in ihrem vom Gesetz in solchen Fällen vorgesehenen Bericht ebenfalls feststellten, Wilmes habe in zehn Fällen unnötige Operationen an gesunden Knien durchgeführt und damit „Verstümmelungen“ verursacht. Den Experten Elvire Servien aus Lyon und Alain Blum aus Nancy unterstellte Wilmes zum wiederholten Mal, Verbindungen zu Romain Seil zu haben und der von ihm selbst genannte Orthopäde Jacques Hummer aus Nancy sei „keen Dokter, dee mir kannt hunn“, man habe „den Arzt von Michel Platini“ lediglich wegen seiner Reputation ausgewählt, sagte Wilmes’ Anwalt François Prum, der per Video zugeschaltet war. Jedenfalls habe keiner von ihnen seine Mission erfüllt.
Um diese Behauptung zu untermauern, hatte Philippe Wilmes „meng Associéen“ Jacques Mehlen und Bernd Garbrecht eingeladen, beide Orthopäden an den „Hôpitaux Robert Schuman“, die Wilmes vor über einem Monat gekündigt hatten, nachdem sie eine eigene Expertise hatten durchführen lassen. Gekommen war auch Robert Huberty, bis vor zehn Jahren Teamarzt der Luxemburger Fußball-Nationalmannschaft. Wilmes war bei ihm als Assistenzarzt in der Ausbildung. Alle bemängelten sie, dass die französischen Experten ihr Urteil ausschließlich auf der Grundlage von IRM-Untersuchungen gefällt hätten. Um einen Fall angemessen beurteilen zu können, bräuchte es jedoch das Gesamtbild, zu dem auch die Patientengeschichte und die Arthroskopie gehörten. Wilmes erklärte, um in spezifischen Fällen wie dem von chronisch lädierten Kreuzbändern Diagnosen zu erstellen, müsse man IRM-Aufnahmen richtig zu lesen wissen, was für Radiologen manchmal eine große Herausforderung darstelle.
100 Prozent
Garbrecht bescheinigte Wilmes, ein „hochkarätiger, äußerst kompetenter“ Orthopäde zu sein, Mehlen sagte, ihm sei während der jahrelangen Zusammenarbeit nie etwas aufgefallen, das illegal sei. Robert Huberty erzählte, er habe selbst fünf der zehn von den französischen Experten untersuchten Fälle analysiert und nichts Auffälliges gefunden. Nicht zuletzt hatte Wilmes eine 21-jährige Hochleistungssportlerin zur Pressekonferenz eingeladen, deren Akte auch zu den zehn von den Experten untersuchten gehört. Sie berichtete, mehrmals von anderen Ärzten ohne Ergebnis am Meniskus operiert worden zu sein, erst nach der Kreuzband-OP durch Philippe Wilmes gehe es ihr besser. Vier Monate nach der OP habe sie zwar noch Schmerzen, aber ganz andere als vorher, daher könne man in ihrem Fall nicht von „Verstümmelung“ reden, sagte die junge Frau.
In den nächsten Monaten muss Philippe Wilmes sich vor dem „Collège médical“ in 27 Fällen von Knieoperationen und wegen mutmaßlicher Verstöße gegen den Deontologiekodex der Ärzte verantworten. Das Land meldete am Freitag, der „Patientevertriedung“ lägen weitere 71 Dossiers von Patient*innen vor, die sich bei ihr gemeldet hätten. Juristisch bleibe nur die Möglichkeit, die Suspendierung von Philippe Wilmes vor dem Verwaltungsgericht anzufechten, sagte François Prum. Darüber hinaus wolle man eine ganz konkrete Gegenexpertise erstellen lassen, um die Behörden davon zu überzeugen, dass der Bericht der französischen Experten zu einseitig sei. „Den Dokter Wilmes ass nach wie vor 100 Prozent der Meenung, datt en net eng eenzeg Kéier e gesond Kräizband operéiert huet“, meinte Prum. Deshalb seien seine Aufregung und seine Inakzeptanz der Expertise zu verstehen. „An da verstitt Der och besser, datt en sech ganz einfach seet, majo, wéi kann et sinn, dass et trotzdem sou koum?“