Ein historischer Streifzug

1766: Lothringen wird französisch

Die Geschichte Lothringens ist ebenfalls mit der Luxemburger Geschichte verbunden. Grund genug, sich eingehender mit diesem Grenzgebiet zu beschäftigen, die unserem Land täglich viele Arbeitskräfte zur Verfügung stellt. Von 1960 bis 2015 bildete das Territorium mit fast 2,4 Millionen Einwohnern eine eigene Region. Seit dem 1. Januar 2016 ist es Teil der Verwaltungsregion Grand Est. In diesem Beitrag steht die Entwicklung Lothringens bis zu seiner Eingliederung in das französische Königreich im Jahr 1766 im Mittelpunkt.

Tour aux Puces in Thionville, mittelalterlicher Bergfried aus dem 11. bis 12. Jahrhundert, historische Sehenswürdigkeit Frankreich

Die „Tour aux Puces“ in Thionville, ein Bergfried aus dem 11. bis 12. Jahrhundert Foto: revue/Philippe Reuter

Als Cäsar 58 v. Chr. nach Gallien kam, formten in der Provinz Belgica die Mediomatriker und die Leuker das Kerngebiet des heutigen Lothringens. Auch wenn sich diese Völker nicht der Romanisierung entgegenstellten, schienen sie doch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. 260 schlossen sie sich einem von Kaiser Postumus geleiteten gallorömischen Sonderreich an, das 274 aber bereits wieder aufgelöst wurde. Eine von den römischen Kaisern Diokletian und Konstantin Ende des 3. Jahrhunderts und Anfang des 4. Jahrhunderts eingeläutete Verwaltungsänderung führte zu einer Abtrennung des westlichen Teils des Mediomatrikerlandes. Neuer administrativer Mittelpunkt wurde Virodunum, das heutige Verdun. Die sich in der Mitte des 4. Jahrhunderts verschlimmernden Einfälle der Franken und Alemannen hatten einen negativen Einfluss auf das wirtschaftliche Leben in der Region. Die Alemannen ihrerseits besiedelten endgültig das Saartal ab dem 5. Jahrhundert. Damit endete nach 500 Jahren die römische Herrschaft in dem Land, das heute Lothringen genannt wird. In den Wäldern der Vogesen und in Metz, der ehemaligen Hauptstadt Austrasiens, kam es im 7. Jahrhundert zu den ersten lothringischen Gründungen.

1044: Endgültige Trennung

Der Vertrag von Verdun aus dem Jahr 843 sah ein mittleres Franzien vor. Das Königreich Lothringen, in der wissenschaftlichen Fachsprache „Lotharingien“ genannt, erstreckte sich etwa von der Nordsee bis zum Hochburgund, der Maas und dem Rhein. Nach dem Ende des lotharingischen Sonderkönigtums bestand Lothringen, übrigens reich an Grabhöhlen mit kollektiven Bestattungen, als Herzogtum. Unter Zwentibold errang es noch einmal das Statut als Königreich, verlor aber um 910 das Elsass. Erzbischof Brun von Köln teilte es 959 dann in zwei Herzogtümer auf und übertrug seinem Neffen Friedrich Oberlothringen, das später den Namen Lothringen erhielt. Zwar kam es 1033 unter Herzog Gozelo noch einmal zu einer Vereinigung, doch sollte 1044 eine endgültige Trennung vollzogen werden.

Die Macht lag nun in den Händen von Großgrundbesitzern, freien Männern und Anhängern des französischen Königs, wobei zwei Jahrhunderte lang die Grafen von Bar hervorstachen. Zudem übte der Bischof von Metz großen Einfluss aus. Nach und nach entstand im Laufe des Hochmittelalters das eigentliche Lothringen, wobei die geografische Lage den Handel begünstigte. Auch wenn Lothringen zu diesem Zeitpunkt Bestandteil des Deutschen Reiches war, so überwog doch die romanische Sprache. Im 13. Jahrhundert gewannen französische Institutionen und Traditionen zusehends an Bedeutung. Des Weiteren entstanden viele Klöster und Orden auf lothringischem Boden. In der Kirchenarchitektur vollzog sich im 12. Jahrhundert ein Übergang von der Romanik zur Gotik, wobei der zisterziensische Geist eine wesentliche Rolle spielte.

Zwischen 1280 und 1330 war der französische Blick ganz auf das westliche Lothringen gerichtet. In dieser Periode wurde Lothringen von mehreren Hungersnöten heimgesucht. Zudem breitete sich im Jahr 1348 die schwarze Pest aus und sollte bis zum Ende des Mittelalters ein Dauerübel bleiben. Das Schisma sowie der Streit um die deutsche Krone hinterließen ebenfalls ihre Spuren im Land. Geschichte für unser Land wurde dann 1354 in Metz geschrieben, als Karl IV. die Grafschaft Luxemburg zum Herzogtum erhob. 1437 endete für das Haus Luxemburg die Kaiserdynastie. An seine Stelle traten die Habsburger.

Lothringen geriet zwischen die französisch-burgundischen Fronten. Mit dem Regierungsantritt des Hauses Anjou ab 1445 blühte es wieder auf. Unter Herzog Anton, der am 13. Februar 1509 seinen feierlichen Einzug in Nancy hielt, erlebte das Land eine friedvolle Entwicklung. Gemäß dem am 26. August 1542 unterzeichneten Vertrag von Nürnberg wurde das Herzogtum für frei erklärt. Trotzdem war der kaiserliche Einfluss weiterhin unverkennbar. Durch die Politik von Herzog Karl III. gab das Land nach 1580 schrittweise seine Neutralität auf. Karl sorgte ab 1600 für eine Erneuerung von Nancy, wo ebenfalls eine Universität gegründet wurde. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verstand man unter dem lothringischen Raum, wo Salz, Eisen, Waffenproduktion und Glas zu den Hauptbereichen der Wirtschaft zählten, die verschiedensten Gebilde zwischen Champagne und Vogesen. Das Gebiet wurde vergrößert, unter anderem durch den Kauf der Markgrafschaft Nomény und des Fürstentums Lixheim.

Zwischen den Burgunderkriegen und dem Dreißigjährigen Krieg versuchte das Land erneut, seine Selbständigkeit zu erreichen, dies allerdings ohne Erfolg. Aufgrund der Lehensabhängigkeit verdrängte das französische Recht schleichend das lothringische Landesrecht. Armut breitete sich aus und viele gaben sich der Trunksucht hin. Ein Hexenwahn befiel zudem das Land.

Mit Herzog Stanislaus Leszynski kam die Wende

Dann betrat Kardinal Richelieu die Bühne, indem er den Lothringern einen Riegel in ihren Unternehmungen vorsetzen wollte. Die französisch-lothringischen Beziehungen verschlechterten sich immer mehr. Lothringen erlitt durch die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen erhebliche Schäden. Die Folge waren zerstörte Schlösser und Städte, verschwundene Dörfer sowie ausgeplünderte Abteien. 1648 kam es dann zur Teilung des lothringischen Raumes und der Staat verlor seinen Zusammenhalt. Über 800 Jahre lang übten Herzöge, Grafen und Bischöfe die Macht in Lothringen aus, das an der Nahtstelle zweier eigenständiger Sprach- und Kulturgebiete lag.

König Ludwig XIII. degradierte das Herzogtum durch seine Besetzungen 1632/1633 zu einer Provinz und die Monarchie übernahm das Zepter. Der am 24. Oktober 1648 abgeschlossene Vertrag von Münster beendete den französisch-spanischen Konflikt und das deutsche Kaiserreich verzichtete auf seine Rechte betreffend die Städte und Bistümer Metz, Toul und Verdun. 1684 wurde der Zuständigkeitsbereich des Metzer Parlaments durch die Einnahme unserer Hauptstadt noch vergrößert. Gleichzeitig entstand auch mithilfe Vaubans ein neues Longwy. Durch den Vertrag von Paris fielen dann Saarlouis, Pfalzburg und Longwy am 21. Januar 1718 endgültig Frankreich zu. Stanislaus Leszynski (1677-1766), nach dem der wunderschöne Platz in Nancy benannt ist, erhielt durch seinen Verzicht auf die polnische Krone auf Lebenszeit die lothringischen Herzogtümer. 1737 wurde das definitive Ende des lothringischen Staates eingeläutet. Drei Jahre später erhielt Stanislas vom Papst das Nominierungsrecht. Nach seinem Tod wurde Lothringen formell in das französische Königtum integriert. Seine wechselhafte Geschichte erhielt nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 eine weitere Dimension, als der Großteil des Bezirks Lothringen in das Deutsche Reich eingegliedert wurde. 1918 kehrte Lothringen bis 1940 wieder zurück nach Frankreich, wurde aber de facto zwischen 1940 und 1944 durch Nazi-Deutschland annektiert. Endgültig gehört es seit 1944 zu Frankreich.

Bibliografie

Parisse Michel, „Lothringen – Geschichte eines Grenzlandes“, SDV Saarbrücker Druckerei und Verlag GmbH, Saarbrücken, 1984

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