Suspendierung verlängert

Orthopäde Wilmes widerspricht dem Expertenbericht – und erhält Unterstützung aus Übersee

Auf der Grundlage einer Expertise hat die Gesundheitsministerin die Suspendierung des Orthopäden Philippe Wilmes um 21 Monate verlängert. Mithilfe von eigenen Sachverständigen ficht dieser den Expertenbericht an. Unterstützung erhält er dabei laut einem Zeitungsbericht von dem US-amerikanischen Orthopäden Stephen O’Brien – dem Ehemann der von Donald Trump nach Luxemburg gesandten US-Botschafterin.

Martine Deprez verlängert Suspendierung von Orthopäde Philippe Wilmes um 21 Monate zum Schutz der öffentlichen Gesundheit

Seit seiner Suspendierung hat Philippe Wilmes seine öffentliche Verteidigungsstrategie mit Hilfe seines Anwalts und einer spezialisierten PR-Firma aufgebaut © Editpress/Fabrizio Pizzolante

Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) wird die vorläufige Suspendierung des Orthopäden Philippe Wilmes um 21 Monate verlängern. Wie bereits die erste, am 22. Januar verhängte dreimonatige Dienstunterbrechung gilt auch die Verlängerung ausschließlich für chirurgische Eingriffe. Ihre Entscheidung habe die Ministerin auf der Grundlage des gesetzlich vorgesehenen Expertenberichts getroffen. Nach Analyse der Patientenakten seien die drei Experten einstimmig zu dem Schluss gekommen, dass Wilmes in allen untersuchten Fällen ungerechtfertigte Operationen durchgeführt habe. Das teilte das Gesundheitsministerium am Dienstagmorgen um 7.35 Uhr schriftlich mit.

Zweieinhalb Stunden zuvor hatte das Wort auf seiner Internetseite bereits einen Artikel veröffentlicht, der Einblicke in den „Expertenbericht“ gewährt. In den zehn von ihnen untersuchten Fällen seien die von der „Direction de la Santé“ benannte Orthopädin Elvire Servien aus Lyon, der von Philippe Wilmes designierte Orthopäde Jacques Hummer aus Nancy und der von beiden Parteien nominierte Radiologe Alain Blum, ebenfalls aus Nancy, zu dem Befund gekommen, das vordere Kreuzband sei vor der Operation intakt gewesen. Demnach habe Philippe Wilmes gesunde Knie operiert. In allen zehn Fällen sei nach Ansicht der Experten der Tatbestand der „Verstümmelung“ gegeben.

„Nicht haltbar“

Das Wort berichtet ebenfalls von einer 212 Seiten langen, „umfangreichen Stellungnahme“, die Wilmes‘ Anwalt François Prum am Tag vor der Entscheidung des Gesundheitsministeriums eingereicht habe – „zuzüglich elf Zeugenaussagen von Arztkollegen, die Wilmes eine korrekte Arbeitsweise bescheinigen“. Und von einer 60-seitigen Stellungnahme, in der Wilmes den Expertenbericht „frontal“ angreife. Darin bemängele der beschuldigte Orthopäde, die Expertise stütze sich fast ausschließlich auf IRM-Bilder (MRT) und „blende die klinische Analyse, arthroskopische Bilder und Videos völlig aus“, schreibt das Wort. Der Befund der Experten, seine Operationen hätten Verstümmelungen verursacht, sei laut Wilmes wissenschaftlich nicht haltbar.

Martine Deprez hat die Suspendierung des Orthopäden Philippe Wilmes um 21 Monate verlängert, um den Schutz der öffentlichen Gesundheit während der laufenden Untersuchung durch das „Collège médical“ zu gewährleisten

Martine Deprez hat die Suspendierung des Orthopäden Philippe Wilmes um 21 Monate verlängert, um den Schutz der öffentlichen Gesundheit während der laufenden Untersuchung durch das „Collège médical“ zu gewährleisten Foto: Editpress/Julien Garroy

Darüber hinaus kritisiere Wilmes das Anhörungsverfahren, das ihm erlaubte, seine Sichtweise gegenüber den drei Experten darzulegen, deren Unabhängigkeit er infrage stelle. In den vergangenen Wochen hatte Wilmes wiederholt behauptet, es gebe einen Interessenkonflikt wegen mutmaßlicher Verbindungen zwischen der von der „Direction de la Santé“ benannten Expertin und dem CHL-Orthopäden Romain Seil, die beide in der europäischen Fachgesellschaft ESSKA Mitglied seien. Auf Facebook hatte Wilmes vor zwei Monaten geschrieben: „D’Ministesch wielt ënnert deene Beschten vun de Beschten. Déi sinn an der ESSKA. Bei der Eecher Klinik. Telephonsnummer CHL. Dem Prof. Seil seng Gesellschaft. Déi Bescht fir ween? Wéi definéiere mer Interessekonflikt zu Lëtzebuerg?“ Die drei Experten weisen laut Wort den Vorwurf des Interessenkonflikts in ihrem Bericht zurück.

Seit seiner Suspendierung Ende Januar hat Philippe Wilmes seine öffentliche Verteidigungsstrategie mit Hilfe seines Anwalts und einer auf Reputationsmanagement spezialisierten PR-Firma auf die Erzählung aufgebaut, er sei Opfer eines „Hexenprozesses“ oder einer Verschwörung gegen ihn geworden. Um die gesetzlich vorgesehene Expertise zu widerlegen, suchte er nach eigenen Sachverständigen, die seine Sicht der Dinge teilen. Das Wort zitiert am Dienstag drei dieser Experten, darunter „der französische Orthopäde und gerichtlich vereidigte Gutachter“ Olivier Ricart, der sich laut dem Zeitungsbericht „klar hinter Wilmes stellt“. Ricart ist seit 2007 als Belegarzt an den „Hôpitaux Robert Schuman“ tätig und ist dort Mitglied der Ärztegruppe Ortholux, der auch Philippe Wilmes bis zu seiner Kündigung durch die HRS vor über einem Monat angehörte.

„Schwerer Fehler“

Die anderen beiden vom Wort angeführten Ärzte, die Wilmes zu seiner Verteidigung herangezogen hat, sind beide am „weltweit renommierten Hospital for Special Surgery“ (HSS) in Manhattan tätig. Der Radiologe Harry „Tate“ Greditzer sei nach Analyse der MRT-Bilder zu dem Schluss gekommen, dass in keinem der zehn Fälle ein „völlig intaktes Kreuzband“ erkennbar sei, schreibt das Wort. Die französischen Experten hätten seinen Bericht jedoch als „non contributif“ eingestuft. Der andere von der Zeitung zitierte HSS-Arzt ist der „in internationalen Fachkreisen bekannte“ Orthopäde Stephen O’Brien, der noch weiter geht als sein Radiologenkollege: In allen zehn Fällen sei das vordere Kreuzband „auffällig beziehungsweise geschädigt gewesen“, schreibe O’Brien in seiner Analyse und warne die Luxemburger Behörden in einem Brief vom 17. April „ausdrücklich davor, weitere Maßnahmen gegen Wilmes zu ergreifen“, wie das Wort berichtet: „In seiner Einschätzung handle es sich um einen ‚schweren Fehler‘, sollte man gegen ‚diesen hochkompetenten Arzt‘ weiter vorgehen.“

Orthopäde Stephen O’Brien mit Ehefrau Stacey Feinberg vor acht Jahren in Paris, Paarfoto Outdoor, Arzt und Partnerin

Der Orthopäde Stephen O‘Brien mit seiner Ehefrau Stacey Feinberg vor acht Jahren in Paris Foto: Screenshot Instagram

Es mag nur ein Zufall sein, dass Stephen O’Brien der Ehemann der Trump-Unterstützerin und US-amerikanischen Botschafterin in Luxemburg, Stacey Feinberg, ist. Die Affäre Wilmes hatte von Anfang an auch eine politische Seite. Philippe Wilmes war Mitglied der CSV; weil sein Bruder Serge 2019 nicht Parteipräsident wurde, wechselte er zur DP, die er seit drei Jahren im Leudelinger Gemeinderat vertritt. Im Oktober 2023 war er an den Koalitionsverhandlungen zwischen CSV und DP beteiligt. Als AMMD-Vizepräsident setzte er sich jahrelang für die Kommodifizierung der Medizin ein, vergangenes Jahr gründete er mit dem früheren AMMD-Präsidenten Alain Schmit und der finanziellen Unterstützung von reichen Privatinvestoren den umstrittenen medizinischen Dienstleistungsbetrieb „Findel Clinic“, der inzwischen in „Findel Medic“ umbenannt wurde, wo er seit seiner Entlassung aus den HRS selbst Sprechstunden anbietet. Sein politisches und gesellschaftliches Engagement gab schließlich auch den Ausschlag dafür, dass Wilmes’ Name nach seiner Suspendierung in die Öffentlichkeit gelangte.

„La mesure vise à garantir la protection de la santé publique pendant la poursuite de la procédure d’instruction par le Collège médical“, begründet das Gesundheitsministerium am Dienstag die Verlängerung der Suspendierung des Orthopäden um 21 Monate. Weder das Ministerium noch der Anwalt von Philippe Wilmes antworteten am Dienstag auf Tageblatt-Anfragen. Vor dem „Collège médical“ muss sich Philippe Wilmes in 27 Fällen und wegen mutmaßlicher Verstöße gegen den Deontologiekodex der Ärzte verantworten. Laut Radio 100,7 hat Philippe Wilmes Anfang April eine schriftliche Stellungnahme zu den 27 Patientenakten eingereicht. Ein Termin für seine mündliche Anhörung stehe bislang jedoch noch nicht fest. Nach der Anhörung muss das „Collège médical“ entscheiden, ob es den „Conseil de discipline“ mit der Angelegenheit befasst. Der Disziplinarrat kann Strafen verhängen, die von einer Verwarnung bis zu einem Berufsverbot reichen.

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