Affäre um Orthopäden Philippe Wilmes
„Ondeontologescht Verhalen ass net akzeptabel“
Vergangene Woche wurde der Orthopäde Philippe Wilmes wegen mutmaßlicher „unnötiger Operationen“ von CSV-Gesundheitsministerin Martine Deprez für drei Monate suspendiert. Seitdem versucht sein Anwalt, die Öffentlichkeit von der Unschuld seines Mandanten zu überzeugen. Die Affäre schadet nicht nur Wilmes selbst, sondern färbt auch auf seine einflussreiche Entourage ab.
Philippe Wilmes vor zehn Jahren in seiner Praxis im Hôpital Kirchberg (HRS) Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy
Die Vorwürfe der CSV-Gesundheitsministerin gegen den Orthopäden Philippe Wilmes, Belegarzt an den „Hôpitaux Robert Schuman“, wiegen schwer. Vor einer Woche (am 22. Januar) erließ Martine Deprez eine ministerielle Verordnung, mit der sie seine medizinische Tätigkeit einschränkte. Drei Monate lang darf Philippe Wilmes einstweilen nicht mehr operieren. Aus den Akten gehe hervor, dass bei von Wilmes durchgeführten Kreuzbandoperationen an den Knien von Patienten Abweichungen zwischen Anamnese, klinischer Untersuchung, präoperativer Bildgebung und gewählter Operationsmethode festgestellt worden seien. Zudem werde dem Orthopäden vorgeworfen, Operationen zur Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes durchgeführt zu haben, die medizinisch nicht indiziert gewesen seien. Diese Eingriffe hätten möglicherweise die körperliche Unversehrtheit der Patienten schwer beeinträchtigt, da sie an gesunden Organen vorgenommen worden seien und zu vorher nicht vorhandenen, behindernden Schmerzen und Funktionsstörungen geführt hätten. Nicht zuletzt bestehe der Verdacht, dass diese Eingriffe als „actes de nature mutilante“ eingestuft werden könnten, schreibt Martine Deprez in ihrem „Arrêté ministériel“.
Diee mündlichen und schriftlichen Stellungnahmen von PhilippeWilmess und seinem Anwalt hätten das Vorliegen einer unmittelbaren Gefahr nicht widerlegen können, heißt es weiter in der Verordnung, die dem Tageblatt vorliegt. Setze Wilmes seine chirurgische Tätigkeit fort, bestehe das Risiko, dass die Gesundheit seiner Patienten ernsthaftem Schaden ausgesetzt sei, begründet die Gesundheitsministerin die Suspendierung.
„Onnéideg Operatiounen“
Zwei Tage bevor Martine Deprez ihre Verordnung an Philippe Wilmes verschickte, hatte RTL schon über den Fall berichtet, der Mitte Dezember seinen Anfang genommen hatte. Sechs Orthopäden und Sportmediziner aus dem CHL hätten schwere Vorwürfe gegen ihren „Confrère“ aus den HRS erhoben. In einem Brief an die CHL-Generaldirektorin Martine Goergen hätten sie Wilmes am 6. Januar vorgeworfen, seit 2023 zehn „onnéideg Operatiounen um Knéi“ durchgeführt zu haben, in 15 Fällen hätten Abweichungen zwischen Anamnese, klinischer Untersuchung, IRM-Untersuchung und gewählter Operationsmethode bestanden. Die HRS hätten daraufhin beschlossen, ihren Belegarzt vorläufig zu suspendieren, meldete RTL.
Philippe Wilmes ist kein gewöhnlicher Arzt, er hat einflussreiche Freunde in Politik und Wirtschaft. Er ist der ältere Bruder des aktuellen CSV-Ministers für Umwelt und den öffentlichen Dienst, Serge Wilmes. Als dieser 2019 die Kampfabstimmung gegen Frank Engel um den CSV-Parteivorsitz verlor, wechselte Philippe Wilmes von der CSV zur DP. Seit 2023 ist er Mitglied des Leudelinger Gemeinderats. Im Oktober 2023 vertrat er die DP in der Arbeitsgruppe Gesundheit bei den Koalitionsverhandlungen mit der CSV, gemeinsam mit DP-Präsidentin Carole Hartmann, der Ministerin für Hochschule und Digitalisierung, Stéphanie Obertin, und dem Abgeordneten Gérard Schockmel. Bis vor einem Jahr war er Vizepräsident der Ärztevereinigung AMMD, setzte sich für eine Auflösung der Kassenbindung („Conventionnement obligatoire et automatique“) und mehr „Freiheit“ für Ärzte ein.
„Findel Clinic“
Mit seiner sehr liberalen Einstellung hat Philippe Wilmes sich aber auch viele Feinde gemacht. Zuletzt, als er mit dem früheren AMMD-Präsidenten Alain Schmit die Phial SA gründete, um das Ärztehaus „Findel Clinic“ zu eröffnen. Um es zu finanzieren, taten sie sich mit dem Bau- und Immobilienunternehmer Marc Giorgetti, dem von der DP in den Staatsrat nominierten früheren EY-Managing-Partner Alain Kinsch, dem Manager Félix Retter (Luxembourg Online) und dem Vermögensverwalter und früheren CEO von Dexia-BIL, Marc Hoffmann, zusammen. Nachdem die AMMD im Oktober die Konvention mit der CNS gekündigt und selektive Konventionierung und Tarif-Autonomie gefordert hatte, wurde die „Findel Clinic“ von der Öffentlichkeit und weiten Teilen der Ärzteschaft so gedeutet, als sei sie der Einstieg in eine kommerzielle Zwei-Klassen-Medizin.
Es dauerte nicht lange, bis sich Widerstand regte, sowohl in der Politik als auch bei den Gewerkschaften und unter Medizinern: Der „Collège médical“, die „Conseils médicaux“ der Akutkrankenhäuser, die Vereinigung der Salariatsärzte aus dem CHL (MSH) und der Krankenhausverband FHL schlugen öffentlich Alarm. Bis Philippe Wilmes am 5. Dezember in der Sendung „Kloertext“ auf RTL Télé beschwichtigte, die „Findel Clinic“ sei nie als privates Mini-Krankenhaus gedacht gewesen, sondern als Dienstleistungsbetrieb. Er habe die Aufregung der Politiker und seiner „Confrères“ von Anfang an nicht verstanden und wisse auch nicht, wieso die Diskussion so emotional geführt worden sei. Als die AMMD anschließend ihre Forderung nach einer selektiven Dekonventionierung und der Beteiligung von nicht-medizinischen Finanzinvestoren an den von der Regierung geplanten Arztgesellschaften zurückzog, hatten die Wogen innerhalb der Ärzteschaft sich wieder weitgehend geglättet.
„Atteinte grave“
Die Anschuldigungen gegen Wilmes, die nun zu seiner vorläufigen Suspendierung geführt haben, schaden nicht nur seinem eigenen Ruf. Auch für die „Findel Clinic“, die im März eröffnen sollte, und die daran beteiligten Ärzte und Investoren bedeuten sie einen erheblichen Image-Schaden. Um den abzuwenden oder wenigstens zu minimieren, gingen Philippe Wilmes, sein Anwalt François Prum und ihre Verbündeten vergangene Woche in die Offensive. Am Freitagmorgen (um 8.24 Uhr), einen Tag, nachdem Martine Deprez ihren „Arrêté ministériel“ erlassen hatte, verschickte Prum eine Mitteilung an die Presse, in der er die Verordnung als „une nouvelle atteinte grave aux principes fondamentaux de l’État de droit“ bezeichnete und ankündigte, gegen die Entscheidung der Ministerin Einspruch vor dem Verwaltungsgericht einzulegen.
Zehn Minuten später verschickte Pit Hentgen, CEO der Versicherungsgesellschaft LaLux, im Auftrag seiner Lebensgefährtin Nathalie Klemmer, Rheumatologin an den HRS, eine Stellungnahme, in der anonyme Ärzte, die Wilmes offenbar nahestehen, den Beschuldigten als Opfer einer Medienhetze („lynchage médiatique“) darstellen. Pit Hentgen saß mit dem „Findel Clinic“-Investor Marc Hoffmann unter anderem im Verwaltungsrat von Saint-Paul (früherer Herausgeber des Luxemburger Wort), von Lafayette SA, der Immobiliengesellschaft des Bistums, und im Beirat für wirtschaftliche Angelegenheiten des Bistums.
Die AMMD schlug am Freitagmittag in die gleiche Kerbe, gab gegenüber RTL den Medien, der Ministerin und dem „Collège médical“ die Schuld. Am Freitagnachmittag veröffentlichte die Staatsanwaltschaft eine Mitteilung, in der sie bestätigt, eine Anzeige des „Collège médical“ erhalten zu haben, in der es um die Behandlung von zwei Patientinnen durch einen Orthopäden gehe. Nach eingehender Analyse habe sie festgestellt, dass nach dem derzeitigen Stand keine Elemente vorliegen würden, die auf eine Straftat hindeuten, schrieb die Staatsanwaltschaft. Unter diesen Umständen habe sie das „Collège médical“ aufgefordert, ein Disziplinarverfahren einzuleiten.
Unschuldsvermutung
Am Montagmorgen veröffentlichte das Wort einen langen Artikel, in dem François Prum sich über das Vorgehen des „Collège médical“ und der Gesundheitsministerin fassungslos zeigt und Prozedurfehler bemängelt. Das „Collège médical“ berufe sich auf die 15 Fälle, die die CHL-Ärzte ihm gemeldet hätten, davon sei aber nur einer dokumentiert. Auch hätte das „Collège médical“ seinen Mandanten anhören, ein Disziplinarverfahren eröffnen und ermitteln müssen“, sagt Prum dem Wort. Stattdessen seien die Anschuldigungen praktisch unverändert an die Ministerin weitergereicht worden. Damit sei die Unschuldsvermutung „schwerwiegend verletzt“ und seinem Mandanten das Recht auf Verteidigung genommen worden. Dieser Argumentation folgt Prum auch in einer „Note“, die er der Gesundheitsministerin geschickt hat (sie liegt dem Tageblatt vor).
Nachdem Radio 100,7 am Montagmorgen als erstes Medium den Namen des Orthopäden öffentlich genannt hatte, erreichte die Redaktionen ein Brief von Prum, in dem er die Gesundheitsministerin bittet, ihre Entscheidung vom 22. Januar zu überdenken und Wilmes’ Suspendierung unverzüglich wieder aufzuheben. Er beruft sich dabei auf die Mitteilung der Staatsanwaltschaft und bezeichnet die Suspendierung als illegal; für Philippe Wilmes bedeute sie ein „préjudice grave et définitif“. Verschickt wurde der Brief jedoch nicht von Prum selbst, sondern von Pascale Kauffman, Generaldirektorin der auf strategische Kommunikation, Krisenkommunikation, Medienarbeit und Reputationsmanagement spezialisierten PR-Firma Apollo Strategists. Auf seiner Internetseite wirbt das Unternehmen damit, dass gute Arbeitsbeziehungen zu wichtigen Medien und Journalisten notwendig seien, um den Ruf eines Unternehmens zu pflegen und aufrechtzuerhalten: „Bevor wir entscheiden, welche Medienbeziehungen priorisiert und gepflegt werden sollen, analysieren wir die Situation und geben auf dieser Grundlage eine strategische Empfehlung ab.“ Pascale Kauffman ist im Verwaltungsrat vom Paperjam, das bislang nicht über den Fall berichtete.
Reformen
Inzwischen hat auch die Abgeordnetenkammer sich in die Affäre eingemischt. Die Grünen richteten bereits am Donnerstag einen Antrag an den Kammerpräsidenten, damit die Gesundheitsministerin dem parlamentarischen Gesundheitsausschuss in einer nächsten Sitzung Erklärungen zu dem Fall abgibt. Marc Baum von „déi Lénk“ stellte gegenüber RTL die Frage, ob die Prozedur noch zeitgemäß sei und richtig angewandt wurde. Mars Di Bartolomeo (LSAP) verwies auf die Motion seiner Fraktionskollegin Paulette Lenert, die vergangene Woche im Parlament gefordert hatte, die Umsetzung der im nationalen Gesundheitsplan vorgesehenen Leitlinien zur Messung der Qualität und Angemessenheit der Gesundheitsversorgung zu beschleunigen. CSV und DP hatten die Motion abgelehnt.
Die FHL sprach am Montagabend in einer Mitteilung dem „Collège médical“, das eine wichtige Rolle als Selbstregulierungsorgan spiele, seine Unterstützung aus, forderte jedoch gleichzeitig eine grundlegende Reform von dessen gesetzlichen Bestimmungen. Damit dürfte der Krankenhausverband ausnahmsweise mit Philippe Wilmes auf einer Linie liegen. Im Dezember im „Kloertext“ im RTL Télé hatte auch er vor dem Hintergrund der Diskussion über Unregelmäßigkeiten bei den Zahnärzten nach mehr Befugnissen für das „Collège médical“ verlangt. Missbräuchliches Verhalten könne nicht toleriert werden, sagte Wilmes. Um dagegen vorzugehen, benötige das „Collège médical“ neue Instrumente: „Ech mengen, ondeontologescht Verhalen ass net akzeptabel an do muss de Collège médical och kënne seng Roll spillen.“