Suspendierter Chirurg
„Sou ee bekannten Här, da gees de bei deen“ – eine weitere Patientin erzählt ihren Leidensweg
Mehrere Patientinnen erheben schwere Vorwürfe gegen den suspendierten Chirurgen Philippe Wilmes. Ihre Berichte ähneln sich. Zugleich verzeichnet die „Patientevertriedung“ eine auffällige Häufung von Meldungen.
Politikum und persönliche Schicksale: Der Fall um den suspendierten Chirurgen ist mehrschichtig Foto: Editpress-Archiv/Isabella Finzi
Der Fall um den suspendierten Chirurgen Philippe Wilmes entwickelt sich seit der öffentlichen Nennung seines Namens zu einem Politikum. Als ehemaliger Vizepräsident der AMMD und Initiator der „Findel Clinic“ gilt Wilmes als Person des öffentlichen Lebens. Gleichzeitig melden sich nun Patientinnen und Patienten zu Wort, die ihm vorwerfen, falsch oder unnötig operiert worden zu sein.
Am Sonntag wandte sich eine erste Frau an das Tageblatt, am Montag folgte eine weitere. Das Bemerkenswerte an den Aussagen: Sie weisen Gemeinsamkeiten auf. Beide berichten von starkem Zeitdruck und der Aussage, operative Eingriffe müssten umgehend erfolgen. Zudem schildern sie, der Arzt habe sich unmittelbar nach der Narkose an ihrem Krankenbett eingefunden und bereits eine zweite Operation in Aussicht gestellt, während sie noch benommen gewesen seien. Auch die schnelle Analyse von IRM- und Röntgenbildern wird thematisiert. Nach Darstellung der Patientinnen seien Einschätzungen von Assistenzärzten, die keine Operationsnotwendigkeit gesehen hätten, dabei unbeachtet geblieben.
Auch bei der „Patientevertriedung“ macht sich der Fall bemerkbar. Rund ein Dutzend Meldungen seien bis Montag bei ihm und seiner Mitarbeiterin eingegangen, sagt Georges Clees von der Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. Hinzu kämen zahlreiche Anfragen über soziale Netzwerke, ab Dienstag laufe zudem eine telefonische Betreuung. Dabei handle es sich um Kontaktaufnahmen, nicht um bereits geprüfte Fälle. „Was jetzt auf uns einprasselt, stellt alles Bisherige in den Schatten“, sagt Clees. Er rät Betroffenen, ihre vollständige Krankenakte beim Spital anzufordern. Diese müsse bei einer ersten Anfrage unentgeltlich ausgehändigt werden. „Man spürt ein ‚Malaise‘ bei den Menschen, die sich melden. Viele stellen sich offenbar seit Längerem die Frage, ob bei ihrer Operation alles korrekt abgelaufen ist“, so Clees.
Eine dieser Personen ist Julia, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die frühere Sportlerin sagt, sie könne mit knapp 40 Jahren kaum noch gehen. Verantwortlich macht sie den Arzt, der sie 2023 operierte und der zurzeit gegen seine Suspendierung vorgeht. „Nach meiner Wahrnehmung hat diese Operation mein Knie dauerhaft geschädigt“, sagt sie. Als sie sich damals wegen Schmerzen an den Orthopäden wandte, habe dieser ihr zu einer dringenden Operation geraten. Sie habe zugestimmt. Ausschlaggebend sei auch das öffentliche Ansehen des Arztes gewesen. „Er war bekannt, stand als Vizepräsident der AMMD in der Öffentlichkeit“, sagt Julia, „sou ee bekannten Här, da gees de bei deen“.
Patientinnen berichten von ähnlichen Abläufen
Nach dem Eingriff sei der Arzt noch im Aufwachraum zu ihr gekommen und habe die Notwendigkeit einer weiteren Operation am Kreuzband angesprochen. Erst später habe sie realisiert, welche Tragweite diese Aussage gehabt habe. Ihr Kinesitherapeut habe ihr geraten, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen. Der hinzugezogene Arzt sei zu dem Schluss gekommen, dass der erste Eingriff medizinisch nicht angezeigt gewesen sei.
„Mein Leben hat sich dadurch grundlegend verändert“, sagt Julia. Sie berichtet von dauerhaften körperlichen Einschränkungen und psychischen Belastungen infolge der Operation.
Ähnliche Abläufe schildert auch Tania, die sich bereits zuvor an das Tageblatt gewandt hatte. Beide Frauen berichten unabhängig voneinander, der Arzt habe IRM- und Röntgenbilder in sehr kurzer Zeit beurteilt und jeweils zu einer sofortigen Operation geraten. Nach ihren Angaben hätten Assistenzärzte zuvor keine Operationsnotwendigkeit gesehen. Auch die Ankündigung einer weiteren Operation unmittelbar nach dem Erwachen aus der Narkose sei in beiden Fällen erfolgt.
Die Vorwürfe werden derzeit geprüft. Eine Stellungnahme von Philippe Wilmes, den das Tageblatt angeschrieben hat, lag bis Redaktionsschluss nicht vor.