Suspendierter Arzt
Der Fall Hôpitaux Robert Schuman und die Berichte der Operierten
Mehrere Patientinnen und Patienten melden sich zu Wort und schildern Zweifel an der Notwendigkeit ihrer Knieoperationen. Ihre Aussagen rücken den suspendierten Chirurgen weiter in den Fokus der öffentlichen Debatte.
Der Fall um den suspendierten Chirurgen der Hôpitaux Robert Schuman kommt nicht zur Ruhe Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Der Fall um den suspendierten Chirurgen kommt nicht zur Ruhe. Vergangenen Dienstag stellt sein Arbeitgeber, die Hôpitaux Robert Schuman (HRS), den Orthopäden vorläufig frei. Am Donnerstag wird die Suspendierung des Chirurgen offiziell bestätigt. Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) greift ein und erlässt ein vorübergehendes Berufsverbot für chirurgische Eingriffe, zusätzlich zur internen Suspendierung.
Der Chirurg, für den die Unschuldsvermutung gilt, lässt, ebenfalls vergangene Woche, über seinen Anwalt alle Vorwürfe bestreiten und will vor dem Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung vorgehen. Zwischenzeitlich wenden sich immer mehr Menschen, die die Notwendigkeit und Durchführung ihrer Knieoperation bei besagtem Arzt anzweifeln, an die Presse.
Schwere Anschuldigungen
Der Suspendierung des Arztes vorausgegangen war ein Beschwerdebrief von sechs Ärzten aus dem Centre hospitalier de Luxembourg (CHL) von Anfang Januar. Sie werfen dem beschuldigten Arzt unnötige Knieoperationen an 15 Patientinnen und Patienten vor, von denen zehn nach einer Operation im HRS ein zweites Mal im CHL operiert hätten werden müssen.
Inzwischen melden sich immer mehr Betroffene zu Wort. So wie Tania gegenüber dem Tageblatt. Noch keine 35 Jahre alt, ist Tania, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, einerseits erleichtert, andererseits leidet sie noch immer unter einer fehlgeschlagenen Knieoperation. Dass das Thema nun öffentlich wurde, findet sie jedoch gut. Als sie Mitte 2023 mit Schmerzen im Knie zu dem besagten Orthopäden ging, sei alles plötzlich sehr schnell gegangen. „Er sagte mir, ich müsse sofort operiert werden“, so Tania.
Er sagte mir, ich müsse sofort operiert werden
Eine Patientin gegenüber dem Tageblatt
„Und gleich, nachdem ich nach der OP in der Reha aufgewacht bin, sagte er mir, dass ein zweiter chirurgischer Eingriff nötig sei. Nicht nur das Halteband an der Kniescheibe sei ein Problem, auch das Kreuzband sei kaputt.“
Zweimal hätten Assistenzärzte in der Praxis des Arztes beim Betrachten der Röntgenaufnahmen gesagt, dass nicht operiert werden müsse – Einschätzungen, denen der beschuldigte Arzt jeweils kurz darauf mit Nachdruck widersprach: „Das muss operiert werden“, habe er gesagt, „sofort“. Tania vertraute ihrem Arzt, der sie bereits einmal operiert hatte, dennoch weiter.
Die zweite OP folgte knapp ein Jahr später. Danach war für Tania alles schlimmer als zuvor. „Ich konnte mein Bein nicht mehr gestreckt anheben“, sagt die Frau zum Tageblatt.
Daraufhin entschied sich die Familie, andere Ärzte aufzusuchen. Ein Schritt, den sie nach eigenen Angaben heute bereut, nicht früher gegangen zu sein. Von diesen Ärzten habe „keiner verstanden, warum auch das Kreuzband operiert wurde“. Kurz zuvor hatte der beschuldigte Arzt Tania noch angeboten, ihr anderes Knie ebenfalls zu operieren.
Zu zimperlich?
Gegenüber L’Essentiel sagte bereits Ende vergangener Woche ein Mann, dass er es sehr bereut, vor der Knieoperation bei besagtem Arzt keine zweite Diagnose eingeholt zu haben. Nach der Operation ging es ihm nicht besser. Die Schmerzen hielten an. Nachdem ihm der Orthopäde geraten habe, „nicht so zimperlich zu sein“, suchte er einen anderen Arzt auf. Dieser habe ihm „sehr schnell gesagt, dass mein Band vor dem Eingriff in Wirklichkeit vollkommen intakt gewesen sei“. Doch der erste Eingriff habe den Knorpel beschädigt, was eine zweite Operation zur Folge hatte.
Am vergangenen Freitag meldete sich auch die Staatsanwaltschaft zu Wort. Sie wies eine Anzeige von zwei Patientinnen, die das Collège médical Mitte Dezember an die Justiz weitergeleitet hatte, zurück an die Aufsichts- und Disziplinarbehörde für Ärztinnen und Ärzte. Das Collège médical soll nun in diesen beiden Fällen eventuelle disziplinarrechtliche Folgen für besagten Arzt prüfen. Der Parquet schrieb in seiner Mitteilung, dass „en l’état actuel du dossier à ce moment“ keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Handlungen des betroffenen Arztes zu finden sind.