„Näischt ze dinn“
KI-Fakeseiten in Luxemburg: Nach Tageblatt-Recherche nimmt 20-Jähriger Portale vom Netz
Zwei professionell wirkende Nachrichtenseiten, erfundene Journalisten und zahlreiche falsche Angaben: Hinter etude.lu und status.lu steckt ein 20-Jähriger aus Luxemburg, der sagt: „Krass, dat deet mer leed.“
Die beiden mit KI generierten Fakeseiten sind mittlerweile vom Netz: Jetzt steht die Entschuldigung eines 20-Jährigen dort Editpress: Screenshots und Collage
Ein 20-Jähriger bringt zwei KI-generierte Informationsseiten online, die aussehen wie zwei neue Zeitungen in Luxemburg. „Well ech näischt ze dinn hat“, sagt Max dem Tageblatt, das ihn aufgespürt hat. Etude.lu und status.lu waren nur wenige Wochen online. Nachdem wir Max kontaktiert hatten, nahm er die Seiten vom Netz. Aus gutem Grund: Der junge Mann könnte sich juristischen Ärger eingehandelt haben.
Max hat zwei zum Verwechseln ähnliche Nachrichtenseiten gebaut. Auch die angeblichen Firmen dahinter und Journalisten mit typisch luxemburgischen Namen wie Tom Schmit, Marc Weber oder Sophie Klein ließ er von einer KI erfinden. Gleichzeitig wurde auf beiden Seiten behauptet, die journalistischen Inhalte seien nicht mit KI erzeugt worden.
Zwei Nachrichtenseiten aus der KI
Auch andere Internetseiten von Max erwecken den Eindruck, hinter ihnen stünden reale Unternehmen. Zudem könnten die seit dem 2. August geltenden Transparenzpflichten des EU‑AI-Acts eine Rolle spielen. Sie sehen unter bestimmten Voraussetzungen eine Kennzeichnung KI-generierter Inhalte von öffentlichem Interesse vor. Zahlreiche Artikel auf beiden Seiten waren zudem mit derart vielen Fehlern behaftet, dass sich die Frage nach ihrem Desinformationspotenzial stellt.
Krass, dat deet mer leed
Der 20-Jährige, der hinter den inzwischen vom Netz genommenen KI-Seiten steckt
Mit den Vorwürfen konfrontiert, wirkt der zweifelsohne technikversierte Max von den möglichen Konsequenzen überrascht. Er habe nichts Illegales machen wollen, beteuert der 20-Jährige gegenüber dem Tageblatt und sagt: „Krass, dat deet mer leed.“
Die Spur führt zu einem 20-Jährigen
Ein Dummejungenstreich ist das Ganze aber nicht. Auf Max’ Spur gekommen sind wir über je einen Artikel auf etude.lu und status.lu. Beide warben für ein weiteres Projekt des 20-Jährigen: eine Software, die den Einsatz von KI in Anwaltskanzleien erleichtern soll.
Es waren die einzigen Artikel auf beiden Seiten, deren begleitende Fotos ein menschliches Gesicht zeigten. Der Rest der Bilder war eine Wüste aus steril Unpersönlichem: KI-generierte Fotos von Büros, Gebäuden und Straßen. Dazwischen eben Max mit seiner Anwaltssoftware, für die der junge Mann laut Artikel bei einem Fundraising bereits mehr als zwei Millionen Euro eingesammelt habe.
Falsche Angaben und erfundene Journalisten
Auch diese Angabe sei falsch gewesen, räumt Max auf Nachfrage ein. Die Software existiere noch gar nicht. Kundenanfragen habe er ebenfalls keine erhalten und damit bislang kein Geld verdient. Eine weitere Spur von seinen Webseiten zu seiner Identität führte über seinen Vater. Der ist Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei. Die Seite etude.lu führte in der Vergangenheit für kurze Zeit zur Kanzlei des Vaters von Max.
Nach seinem Abitur absolvierte Max ein BTS in Cybersecurity am Lycée Guillaume Kroll. Das geht aus seinem öffentlich im Internet einsehbaren Lebenslauf hervor. Darin beschreibt er sich selbst als „zutiefst neugierig darauf, wie die Dinge funktionieren“. Er glaube, „dass Wissen eines der mächtigsten Werkzeuge ist, die wir haben, um die Welt zu verstehen und zu verbessern“.
Die Newsseiten habe er „vielleicht an Wort oder Tageblatt verkaufen“ wollen, sagt Max. Das Ganze sei so ein „Niewebäi-Hobby“ von ihm gewesen.
Dieses „Niewebäi-Hobby“ könnte für Max nun unangenehme Folgen haben. Die Vorgänge beschäftigen inzwischen auch die Staatsanwaltschaft, den Presserat und die „Autorité luxembourgeoise indépendante de l’audiovisuel“ (ALIA).
Nach Tageblatt-Anruf gehen die Seiten offline
„Ech wollt nie Fake News maachen“, sagt Max. An anderer Stelle äußert er sich jedoch durchaus publizistisch. So hat er einen Text veröffentlicht, der mit folgenden Sätzen beginnt: „Ich möchte diesen Essay mit der Klarstellung beginnen, dass ich die Demokratie nicht ablehne. Dennoch halte ich es für wichtig, über ihren grundlegenden Schwachpunkt nachzudenken.“ Den Text habe er selbst geschrieben und nicht mittels KI generiert, sagt Max.
Aufgefallen war die Seite status.lu zunächst Jérôme Bloch. Bloch ist Gründer der Marketingfirma Crossmedia360 und machte vor wenigen Tagen auf LinkedIn auf seine Entdeckung aufmerksam. Er schrieb von „interesting topics in 4 languages“ und hob zunächst auch „transparency“ und „independence“ der Seite hervor. Zugleich erkannte er das Desinformationspotenzial von status.lu und thematisierte es in seinem Beitrag.
Das hielt einige seiner Leser allerdings nicht davon ab, die Fakeseiten eines 20-Jährigen mit der traditionellen Presse zu vergleichen und sich zu fragen, wem sie eher trauen könnten.
Etude.lu und status.lu gehören inzwischen der Vergangenheit an. Max, der in Wirklichkeit anders heißt, nahm sie nach dem Telefonat mit dem Tageblatt vom Netz und veröffentlichte ein längeres Statement, in dem er sich ausführlich entschuldigt.
Unter anderem schreibt er dort: „Es tut mir leid. Es tut mir leid für die Journalisten. Und es tut mir leid für die Menschen, die ihre Zeit darauf verwenden mussten, herauszufinden, ob hier etwas Beunruhigendes vor sich ging. Das hätte vermieden werden können – und ich war derjenige, der es hätte verhindern können.“
Wenige Wochen lang sah Luxemburg damit aus, als hätte es zwei neue Nachrichtenmedien. Tatsächlich hatte sie ein 20-Jähriger gebaut, der nach eigener Aussage einfach „näischt ze dinn hat“.