Ignoranz statt Information
Das Vertrauen in Luxemburgs Katastrophenschutz löst sich in Rauch auf
Eine riesige Rauchwolke zieht am Wochenende über Luxemburg. Ein Vorgang, der offenbar nicht gefährlich genug war, um die Bevölkerung flächendeckend zu warnen – oder zumindest aktiv Entwarnung zu geben. Eine Analyse.
Dichter Rauch hing am Sonntagmittag vor dem Schloss in Burscheid Foto: Editpress/Lisa Goedert
Am Samstagabend zieht plötzlich dichter Rauch in den Osten des Landes. Schnell verbreitet sich die Sorge, dass in unmittelbarer Nähe ein Feuer wüten könnte. Die 112 läuft heiß, um 20.13 Uhr vermeldet LU-Alert „unangenehmen Geruch“ aufgrund der Waldbrände in Deutschland und Belgien.
Das bekommt allerdings kaum jemand mit.
Denn: Die Erklärung des bedrohlich wirkenden Vorgangs erscheint lediglich als „Information: Kein Risiko/keine Gefahr“ auf den hauseigenen Plattformen des Innenministeriums – gut versteckt an fünfter Stelle. Vier Lebensmittelrückrufe werden als dringlicher eingestuft als die Aufklärung der Bevölkerung über den Ursprung des Rauchs. Diesbezügliche Verhaltensempfehlungen fehlen komplett.
Sorgen der Bevölkerung nicht ernst genommen
Dass Menschen bei Rauch und Brandgeruch in Alarmstellung gehen, ist ein natürlicher Reflex. Die Frage nach der möglichen Gefahrenquelle und das Bedürfnis, Abstand zu dieser zu gewinnen, sichern nichts weniger als unser Überleben.
Wie kann es also sein, dass Behörden eines Landes die Bürger mit ihren Sicherheitsbedenken stundenlang nahezu alleinlassen?
Es ist grob fahrlässig, davon auszugehen, dass Personen im Fall einer subjektiven Gefährdung gezielt die Webseite/App von LU-Alert aufrufen. Deutlich niederschwelliger ist es, wichtige Informationen via Cell-Broadcast an alle Handys im betroffenen Gebiet zuzustellen – was jedoch erst mehr als 18 Stunden nach der Erstmeldung auf lu-alert.lu erfolgt.
Privatpersonen erledigen Behördenarbeit
Als die Warn-SMS am Sonntag um 14.39 Uhr endlich aufploppt, wissen die Luxemburger längst Bescheid, woher der Rauch kommt. Nicht zuletzt, weil private Wetterdienste wie „Météo Boulaide“ und „Météo Réimech“ sie fortlaufend über aktuelle Entwicklungen, empfohlene Verhaltensweisen, Luftqualität und mögliche Folgen für die Gesundheit informieren.
Die Privatpersonen Philippe Ernzer (Météo Boulaide)* und Steve Rock (Météo Réimech) werden zu den einzig verfügbaren Lageexperten und erledigen über Stunden hinweg die Kommunikationsarbeit eines Krisenstabs, der am Sonntagabend um 19.36 Uhr erstmals via Pressemitteilung von sich hören lässt. Die sogenannte „Cellule d’évaluation interministérielle“ (CEI) besteht dem Schreiben zufolge aus Vertretern von Umweltverwaltung, CGDIS, „Direction de la santé“ (DISA), „Haut-Commissariat à la protection nationale“ (HCPN) und Meteolux.
Keine Ansprechpartner für die Presse
Das Tageblatt versuchte am Sonntagmittag um 12.35 Uhr, über das CGDIS an verantwortliche Akteure und Lagekoordinatoren heranzukommen – vergeblich. Diese Informationssackgasse ist in höchstem Maße problematisch, da Presseorgane offiziell Teil der nationalen Strategie zur Warnung und Information der Bevölkerung sind. Heißt: Um so viele Menschen wie möglich zu erreichen, sollen wichtige Warnungen auch über Radio, TV und geschriebene Medien verbreitet werden. Diese Pflicht kann jedoch nur schwer erfüllt werden, wenn Behörden sich gar nicht erst an die Medien wenden und diesen dann auch auf Nachfrage keine weiterführenden Informationen bereitstellen.

„Die Vervielfachung und Vielfalt der Warnkanäle stellen sicher, dass eine Warnung so viele Menschen wie möglich erreicht“, schreibt LU-Alert zu dieser Skizzierung der nationalen Warnkette Grafik: lu-alert.lu
Aus diesem Grund haben Tageblatt-Journalisten am Montag offene Fragen gesammelt und an das „Haut-Commissariat à la protection nationale“ (HCPN) – also die Luxemburger Katastrophenschutzbehörde – geschickt.
Katastrophenschutz offenbar Aufgabe für KI
Die Antworten sind erstaunlich nichtssagend und bestehen zum Großteil aus floskelhaften Ausführungen über „verfügbare Information“, die von „zuständigen Fachstellen“ nach „festgelegten Kriterien“ bewertet werden, sowie kryptischen Sätzen wie diesem: „Ziel ist es, frühzeitig zu informieren, zugleich aber auch darauf zu achten, dass Warnungen hinsichtlich ihrer Tragweite durch die verfügbaren Daten und fachlichen Bewertungen gestützt werden.“
Wir haben Anthropics KI „Claude“ daraufhin gefragt, ob die Texte als Ergebnis einer KI-Abfrage identifizierbar sind. Ergebnis: nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, aber die „durchgängige Vermeidung konkreter Fakten“ sei „bemerkenswert“.
Information ist keine Panikmache
Dabei hätte die aktive, flächendeckende Kommunikation konkreter Fakten direkt beim Auftreten der Rauchschwaden wohl für deutliche Entspannung in großen Teilen der Bevölkerung gesorgt. Gerne wird vorgeschoben, dass keine Panikmache betrieben werden soll. Aber was könnte eine riesige Rauchwolke unbekannter Herkunft und Giftigkeit denn anderes auslösen als Panik?
Diese restriktive Kommunikationsstrategie sollten die Verantwortlichen in Luxemburg dringend mal überdenken und anpassen, denn sie könnte genauso gut als Versagen ausgelegt werden. Nichts zerstört das Vertrauen in Institutionen so sehr wie gepflegte Intransparenz, die sogar Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung billigend in Kauf nimmt.
* Transparenzhinweis: Philippe Ernzer schreibt als Wetterexperte u.a. für das Tageblatt