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Drei Tage ohne Staat: Was früher als Prepper-Marotte galt, wird Teil der nationalen Resilienzstrategie

Luxemburgs Regierung verteilt einen 72-Stunden-Leitfaden und setzt im Krisenfall stärker auf Eigenvorsorge.

„Der Grundgedanke der Resilienz ist die Solidarität“, sagt Premier Luc Frieden (CSV)

„Der Grundgedanke der Resilienz ist die Solidarität“, sagt Premier Luc Frieden (CSV) Foto: Editpress/Julien Garroy

Was früher schnell als übertriebene Vorsicht von „Preppern“ galt, wird in Luxemburg zur staatlichen Strategie. Die Regierung ruft die Bevölkerung dazu auf, sich so vorzubereiten, dass Haushalte im Krisenfall mindestens 72 Stunden weitgehend auf sich allein gestellt zurechtkommen können.

Dafür wird in den kommenden Tagen der neue Leitfaden „Mäi Guide – fir 72 Stonnen Autonomie“ an alle Haushalte verteilt. Darin steht, welche Vorräte sinnvoll sind, wie man sich auf unterschiedliche Krisenszenarien vorbereitet und was im Ernstfall zu tun ist.

Die Botschaft dahinter ist durchaus ungewöhnlich und besagt, dass Staat und Rettungsdienste in einer schweren Krise nicht sofort überall helfen können – auch die Bürger müssen vorbereitet sein.

Die Broschüre ist Teil der nationalen Resilienzstrategie. Hintergrund sind aus Sicht der Regierung wachsende Risiken durch Naturkatastrophen, technische Ausfälle, Gesundheitskrisen, ein möglicher Atomunfall und geopolitische Spannungen. Premierminister Luc Frieden, Innenminister Léon Gloden und Hochkommissar Guy Bley stellten den Leitfaden am Freitag im Staatsministerium vor.

In der gedruckten Version stehen sämtliche Informationen auf Luxemburgisch und Französisch. Deutsche, englische und portugiesische Fassungen werden online veröffentlicht. Eine Ausgabe in leichter Sprache ist in Vorbereitung.

Fast jeder Zweite weiß im Krisenfall nicht weiter

Wie groß die Lücke zwischen Risikobewusstsein und tatsächlicher Vorbereitung ist, zeigt eine repräsentative Umfrage unter 1.500 Einwohnern, welche die Regierung im Juli vorgestellt hatte.

85 Prozent informieren sich demnach regelmäßig über Risiken. Gleichzeitig weiß fast jeder Zweite nicht genau, was er im Krisenfall tun soll. 71 Prozent verfügen über Rauchmelder und 86 Prozent wären bereit, ihren Nachbarn zu helfen. 60 Prozent können sich grundsätzlich ein Engagement in einer zivilen, medizinischen oder militärischen Reserve vorstellen.

Inklusive Checkliste: Der Resilienz-Leitfaden der Regierung wird kommende Woche an die Luxemburger Haushalte versendet

Inklusive Checkliste: Der Resilienz-Leitfaden der Regierung wird kommende Woche an die Luxemburger Haushalte versendet Foto: Editpress/Julien Garroy

Besonders interessant ist ein anderer Wert: 83 Prozent vertrauen darauf, dass wichtige Dienstleistungen auch während einer Krise weiter funktionieren. Genau diese Erwartung versucht die Regierung nun zumindest teilweise zu korrigieren.

Frieden sieht Nachholbedarf für Luxemburg

Eine Krise wie etwa ein großflächiger Stromausfall „betrëfft jiddereen am Land, net just de Staat, mee all Bierger“, stellte Premier Luc Frieden (CSV) gleich zu Beginn der Pressekonferenz fest.

Er verwies auf Finnland und dessen Ansatz „whole of government, whole of society“. Kommt es zu einer schweren Krise, müssen demnach nicht nur Regierung und staatliche Stellen vorbereitet sein. Auch Gemeinden, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger müssen ihren Teil beitragen. Nur so könne man „als Land weider fonctionéieren, och wann eppes geschitt“. Dass Luxemburg noch nicht dort ist, wo es sein sollte, sagte Frieden ebenfalls deutlich: „Eist Land muss sech besser virbereeden.“

Er erinnerte dabei an die Niederlande, deren Regierung ihren Bürgerinnen und Bürgern sage, dass man sich zwar nicht im Krieg befinde, aber auch nicht mehr im Frieden.

Von Cyberangriff bis Atomunfall: Vorbereitung auf fast alles

Was genau ist also die Krise, auf die Luxemburg sich vorbereitet? Ein Krieg gegen Russland? Cyberattacken? Ein Atomunfall? Ein längerer Stromausfall? Oder Extremwetter mit Hitzewellen und Überschwemmungen?

Im Grunde geht es um all das. Die nationale Resilienzstrategie verfolgt einen Ansatz, der möglichst unterschiedliche Bedrohungen gleichzeitig abdecken soll. In dieser Gemengelage, sagte Frieden, „klappt et nëmmen zesummen“.

Dass eine nächste Krise kommen wird, davon geht auch Innenminister Léon Gloden (CSV) aus. „Déi nächst Kris kënnt bestëmmt“, sagte er. Entscheidend sei, dass daraus keine Katastrophe entstehe: „Et däerf awer net zu Chaos kommen.“

Deshalb müsse die gesamte Zivilgesellschaft einbezogen werden. Denn weder das CGDIS noch die Armee könnten sich in einer schweren Krise „direkt ëm jidderee këmmeren“, sagte Gloden.

Das ist der Kern der neuen Vorsorgepolitik. Die ersten Stunden einer größeren Krise müssen die Menschen möglicherweise ohne unmittelbare staatliche Hilfe überstehen.

Wasser, Konserven und eine Taschenlampe für 72 Stunden

Guy Bley, Hochkommissar für nationale Sicherheit, stellte anschließend mit dem neuen Leitfaden den eigentlichen Protagonisten des Tages vor.

Darin werden verschiedene Krisenszenarien beschrieben. Eine Checkliste soll jedem Haushalt ermöglichen, die eigene Vorbereitung zu überprüfen. Ist genügend Trinkwasser vorhanden? Gibt es haltbare Lebensmittel? Wen muss ich im Ernstfall kontaktieren? Sind warme Decken, Taschenlampen und Kerzen vorhanden? Auch notwendige Medikamente und Futter für Haustiere gehören nach Ansicht der Regierung in die persönliche Krisenvorsorge.

Wer beim Aufbau eines solchen Notvorrats aus finanziellen Gründen an Grenzen stößt, könne sich an das Sozialamt seiner Gemeinde wenden, sagte Gloden.

Damit vollzieht sich auch gesellschaftlich ein bemerkenswerter Wandel. Vorräte anlegen, Ausfälle einkalkulieren und mehrere Tage ohne funktionierende Infrastruktur überstehen können, galt lange schnell als Marotte von „Preppern“. Heute ruft die Regierung selbst dazu auf.

Der 72-Stunden-Leitfaden zeigt deshalb mehr als nur, was in einen Vorratsschrank gehört. Er zeigt, wie sehr sich der Blick auf Krisenvorsorge verändert hat. Aus einer mitunter belächelten privaten Vorsorge ist ein Bestandteil der nationalen Sicherheitspolitik geworden. Oder wie Frieden es formulierte: „Mir mussen am Viraus plangen an agéieren.“

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