Editorial

Blanche Weber platzt der Kragen und trifft damit einen Nerv – aber darf man einen Premier einfach unterbrechen?

Blanche Weber platzte beim Oekofest der Kragen. Ein Zeichen für die Stimmung im Land. Und verständlich obendrein. Aber war es auch richtig?

Die Stimmung war mal besser: Luc Frieden und Blanche Weber vor der Regierungsbildung im Herbst 2023

Die Stimmung war mal besser: Luc Frieden und Blanche Weber vor der Regierungsbildung im Herbst 2023 Foto: SIP/Jean-Christophe Verhaegen

„Ech sinn e bësse frech an et mécht een et net“, sagte Blanche Weber und unterbrach Luc Frieden mitten in seiner Rede. Der Präsidentin des „Mouvement écologique“ war beim Oekofest am Sonntag vor einer Woche der Kragen geplatzt.

Frieden hatte erneut betont, Klimapolitik müsse die Menschen „mitnehmen“. Was jeden an die Worte des Premiers erinnerte, Klimapolitik dürfe „nicht nerven“. Blanche Webers Miene verfinsterte sich zusehends. Kurz ging der Zeigefinger Richtung Nase, noch einmal Luft holen, dann das vorgeschobene Eingeständnis, dass man so etwas eigentlich „net mécht“, weil es ein „bësse frech“ sei, und los ging die Schelte auf den neben ihr stehenden Premierminister.

Frieden wusste sich nicht anders zu helfen, als das alles mit einem Lächeln und einem Mikro in der Hand über sich ergehen zu lassen. So etwas passiert einem Premierminister nicht alle Tage. Dass er bei einer öffentlichen Veranstaltung mitten in seiner Rede derart unterbrochen und angegangen wird.

Darf man das?

RTL berichtete von einem „klengen Eclat“. Danach folgte eine Woche, in der Luc Frieden und seine Regierung erneut bewiesen, dass ihre Kommunikation ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt hat.

Bei den Drohnensichtungen beschwor Frieden ein „Team Lëtzebuerg“ und legte Journalisten nahe, sie müssten „och nolauschteren“. In der Affäre um den russischen Unternehmer Michael Friedman, der Luxemburg auf knapp 15 Milliarden Euro verklagt hatte, blieb am Ende vor allem die Aussage, die Regierung habe „im höheren Interesse des Landes“ gehandelt.

Man konnte also so viel „nolauschteren“, wie man wollte. Viel erfahren hat man trotzdem nicht. RTL nannte Frieden und seine Regierung „Kommunikatiouns-Kamikazen“, Radio 100,7 erklärte die letzte Drohnenpressekonferenz für „iwwerflësseg, vläicht souguer kontraproduktiv“. Auch andernorts war die Verwunderung groß, nicht zuletzt beim Tageblatt.

Und da landet man wieder bei Blanche Weber.

Hätte sie einfach „nolauschteren“ müssen? Einen Premier so dreist zu unterbrechen, darf man das? Oder war ihr Ausbruch nur die etwas unhöfliche Konsequenz aus dem Gefühl, dass Zuhören alleine irgendwann nicht mehr reicht? Manch einer dürfte sich gedacht haben: endlich. Endlich sagt es mal jemand direkt.

Denn nach bald drei Jahren Frieden-Bettel-Regierung kann durchaus der Eindruck entstehen, dass vielleicht gesprochen wird, sich aber erstaunlich wenig bewegt. Luc Frieden mag seinen Gesprächspartnern zuhören. Von seiner Linie rückt der Premier deshalb noch lange nicht ab. Von seiner Art zu kommunizieren ebenfalls nicht.

Auch beim Oekofest hielt er an seiner „pragmatischen“ Linie in der Klimapolitik fest. Nach einem Sommer, der Hitze und Trockenheit so deutlich vor Augen geführt hat wie selten zuvor. Es ist ja auch wieder kühler. Dass Blanche Weber da der Kragen platzte, ist verständlich, richtig war es trotzdem nicht.

Nicht nur ein Premierminister, sondern jeder gewählte Politiker sollte bei einer öffentlichen Veranstaltung das Recht haben, auszureden. Auch dann, wenn das Gesagte nervt und man die Sätze schon kennt. Bei Friedens Auftritten in der vergangenen Woche gab es genug Momente, in denen Widerspruch geradezu in der Luft lag. Er durfte trotzdem ausreden, und so sollte es bleiben: ausreden lassen, dann so hart wie nötig kritisieren. Und irgendwann wird wieder gewählt.

In der Tageblatt-Redaktion steht groß auf einer Glaswand ein Bonmot des österreichischen Journalisten Robert Hochner: „Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv.“ Vielleicht passt er gerade ganz gut.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Mehr als nur ein Werbespot: Wie der Frauensport sich gegen Sexualisierung wehrt