Editorial
Wegsehen ist bei der Wohnungskrise keine Lösung
Eine Abgabe auf leer stehenden Wohnraum – wie sie am Freitag in Esch beschlossen wurde – ist aus Sicht der Stadt Luxemburg kein Allheilmittel. Zu Recht. Das ist allerdings kein Grund, die Krise auf dem Wohnungsmarkt nicht anzugehen.
Die Stadt Esch will künftig nicht nur Abgaben auf ungenutzte Geschäfts-, sondern auch auf Wohnflächen erheben Foto: Editpress-Archiv/Hervé Montaigu
„Die ganze Jugend ist frustriert wegen der Wohnungskrise“, sagte Maxime Pantaleoni („déi gréng“) am Montag bei „RTL Radio Lëtzebuerg“ als einer der Vertreter von 13 Jugendorganisationen, die am Dienstag um 15 Uhr vor der „Chambre“ gegen die dramatische Situation auf dem Wohnungsmarkt protestieren. Als Gegenmaßnahme nannte Pantaleoni unter anderem eine Leerstandssteuer.
Eine solche Abgabe auf ungenutzte Wohnungen und unbebaute Baugrundstücke hat der Escher Gemeinderat am vergangenen Freitag beschlossen. Bereits seit Jahresbeginn erhebt die zweitgrößte Stadt des Landes eine Leerstandssteuer auf ungenutzte Ladenflächen. In der Hauptstadt zeigen Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) und ihr blau-schwarzer Schöffenrat dagegen bislang kaum Interesse an einer solchen Abgabe.
Ausnahmen als Schlupfloch
„Eine Leerstandssteuer ist kein Allheilmittel“, sagte Finanzschöffe Laurent Mosar (CSV) im April 2026 am „Knuedler“ und liegt damit nicht falsch. Denn: Die Einführung einer solchen Abgabe alleine reicht nicht. Wollen Gemeindeverantwortliche damit etwas erreichen und nicht nur ein politisches Zeichen setzen, müssen sie dranbleiben. So müssen sie ausreichend Personal für die Erhebung der Steuer bereitstellen – und für damit einhergehende Kontrollen.

Eine Leerstandssteuer ist kein Allheilmittel, findet der Finanzschöffe von Luxemburg-Stadt, Laurent Mosar (CSV) Foto: Editpress-Archiv/Alain Rischard
Die neue Maßnahme in Esch sieht nämlich Ausnahmen vor – die gewiefte Schlupflochsuchende leicht ausnutzen könnten. So fällt unter anderem nach einem Wechsel der Eigentümerin oder des Eigentümers im Verkaufsjahr und den beiden Folgejahren keine Steuer an. Wer eine leer stehende Wohnung also etwa innerhalb der Familie mehrfach weiterverkauft, könnte diese so über Jahre ungenutzt lassen, ohne die Abgabe zahlen zu müssen.
Zudem ist ein Höchstbetrag von 10.000 Euro ab dem dritten Jahr der Steuerpflicht vorgesehen. Ob das Menschen mit prall gefülltem Portemonnaie tatsächlich davon abhält, Wohnungen leer stehen zu lassen, sei dahingestellt. Vielleicht müssen die Gemeindeverantwortlichen in kommender Zeit nachbessern, gar strenger werden, damit die Maßnahme die gewünschte Wirkung erzielt.
Fehlende Datenlage
Eine Leerstandsteuer ist also keine Patentlösung. Aber: Sie ist ein erster Schritt. Esch versucht zumindest, der „Logementskrise“ entgegenzuwirken – anders als die Hauptstadt. Dort weiß man offenbar nicht einmal, wie viele Wohnungen leer stehen. DP und CSV begründen die fehlenden Daten zu einem der drängendsten Probleme mit der Größe der Stadt oder einer gescheiterten Bestandsaufnahme zu ungenutztem Wohnraum unter dem damaligen Bürgermeister Paul Helminger (DP) und Schöffen François Bausch („déi gréng“).
Die Stadt Esch dagegen präsentierte am Freitag konkrete Zahlen: Rund 1.500 Wohnungen, also acht bis zehn Prozent des Bestands, stehen dort leer. In Differdingen sind in 437 Wohneinheiten seit mehr als 18 Monaten keine Bewohnerinnen oder Bewohner gemeldet. Die zweit- und drittgrößten Gemeinden des Landes zeigen: Ein Überblick ist möglich, wenn dieser politisch gewollt ist.
Politisch nicht gewollt
Wie wenig Interesse die blau-schwarze Mehrheit an einer Leerstandssteuer hat, zeigte Laurent Mosar allerdings im April 2026 im Gemeinderat. „Selbst wenn wir politisch wollen würden, würde es juristisch sehr schwierig werden“, sagte er. Damit ließ er durchblicken, dass der Schöffenrat um Lydie Polfer eine der größten Sorgen der Menschen gar nicht erst angehen will.
Zu groß ist wohl gerade bei der in wohlhabenden Kreisen verankerten DP – die immerhin seit fast 60 Jahren Teil der Mehrheit ist – die Angst, ihre Wählerschaft zu vergraulen. Wenn Lydie Polfer eine solche Steuer wollen würde, wäre sie auch in der Hauptstadt Thema. Ist sie aber nicht. Dabei ist eine Leerstandssteuer trotz aller Herausforderungen besser, als gar nichts zu tun.