Editorial

Luxemburg fehlt eine gemeinsame Strategie gegen Obdachlosigkeit

Esch eröffnet nach 19 Jahren eine dauerhafte Unterkunft für obdachlose Menschen. Doch Nachtasyle allein reichen nicht aus. Luxemburg braucht einen koordinierten Ausbau langfristiger Wohnangebote.

Ein improvisierter Schlafplatz bietet Menschen ohne feste Unterkunft kaum Schutz vor Kälte und schlechtem Wetter

Ein improvisierter Schlafplatz bietet Menschen ohne feste Unterkunft kaum Schutz vor Kälte und schlechtem Wetter Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Mehr als 19 Jahre hat es gedauert, aber jetzt ist es endlich so weit: Esch hat sich von der Containeranlage verabschiedet und ein festes Gebäude für das Abrisud renoviert. Die Stadt übernimmt Verantwortung. Etwas, das längst nicht alle Gemeinden im gleichen Maße tun. Dabei reicht es nicht, dass einzelne Gemeinden vorangehen. Obdachlosigkeit ist ein nationales Problem, für das bislang eine ausreichend koordinierte Antwort fehlt.

Mehr als ein Schlafplatz

Das neue Abrisud ist mehr als ein Schlafplatz. Die Bewohner können die Einrichtung als feste Adresse nutzen und erhalten eine individuelle Begleitung durch Sozialarbeiter. Beides ist wichtig.

Esch und Luxemburg-Stadt bemühen sich zum Teil, die Folgen der Obdachlosigkeit abzufedern. Doch die Möglichkeiten einer Nachtunterkunft wie dem Abrisud sind begrenzt. Die Bewohner müssen das Gebäude tagsüber grundsätzlich verlassen, ihre Verträge gelten zunächst für drei Monate. Hinzu kommen die langen Wartelisten. Auch die neun zusätzlichen Schlafplätze im neuen Abrisud werden deshalb nicht ausreichen, um allen Bedürftigen einen Platz zu bieten.

Eine Wohnung als Ausgangspunkt

In Finnland setzt die Politik seit Jahren auf das Prinzip „Housing First“. Obdachlose Menschen erhalten zuerst eine dauerhafte Wohnung, ohne zuvor bestimmte Bedingungen erfüllen zu müssen. Die individuelle soziale und gesundheitliche Betreuung begleitet sie anschließend.

Laut Angaben der Stadt Helsinki sank die Zahl wohnungsloser Menschen von rund 1.800 im Jahr 2019 auf 979 im November 2025. Auch wenn sie seit 2024 wieder steigt, zeigt das Modell, dass Obdachlosigkeit durch politische Maßnahmen wirksam bekämpft werden kann.

Davon ist Luxemburg noch weit entfernt. Bei einer Erhebung im Dezember 2024 wurden 429 wohnungslose Menschen gezählt, obwohl sich die Untersuchung auf Luxemburg-Stadt, Esch und die „Wanteraktioun“ beschränkte. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Die spezialisierten Nachtunterkünfte konzentrieren sich bislang stark auf Esch und Luxemburg-Stadt. Auch wenn nicht jede Gemeinde ein eigenes Nachtasyl benötigt, darf die Bekämpfung der Obdachlosigkeit nicht von der Initiative einzelner Kommunen abhängen.

Es braucht eine nationale Strategie für den Ausbau von Housing First, die nicht an Gemeindegrenzen haltmacht. Der Staat muss die Umsetzung koordinieren und mitfinanzieren. Vor allem im dicht besiedelten Süden könnten mehrere Gemeinden gemeinsam die nötige Infrastruktur bereitstellen und die soziale Betreuung organisieren. Der Staat muss dabei die Koordination übernehmen und das Projekt mitfinanzieren.

Auch Luxemburg-Stadt könnte mehr Verantwortung übernehmen. Die Hauptstadt verfügt laut Budget 2026 über finanzielle Reserven von rund 790 Millionen Euro. Trotz hoher geplanter Investitionen besitzt sie damit finanzielle Handlungsspielräume, um zusätzliche dauerhafte Wohnangebote zu unterstützen. Dabei könnten auch kleine Wohneinheiten mit sozialer Begleitung vielen Betroffenen eine dauerhafte Perspektive bieten.

An möglichen Ansätzen mangelt es nicht. Es fehlt eine gemeinsame Strategie, die über die Grenzen einzelner Gemeinden hinausgeht. Nach 19 Jahren im Provisorium hat Esch endlich eine dauerhafte Infrastruktur geschaffen. Es ist an der Zeit, dass der Staat und andere Kommunen Verantwortung übernehmen und den Ausbau solcher Angebote landesweit vorantreiben.

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