Nach 19 Jahren in Containern

Escher Obdachlosenunterkunft zieht um

Das Escher Abrisud zieht in ein festes Gebäude. Mehr Schlafplätze, moderne Räume und neue Regeln – doch die Frage bleibt, ob das Angebot ausreicht.

Das neue Abrisud in der rue de la Fontaine soll am 16. November eröffnen und bietet Platz für 31 obdachlose Menschen

Das neue Abrisud in der rue de la Fontaine soll am 16. November eröffnen und bietet Platz für 31 obdachlose Menschen Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Das Escher Nachtasyl Abrisud war fast 20 Jahre lang in einer provisorischen Containeranlage untergebracht. Nun steht der Umzug in ein dauerhaftes Gebäude bevor. Am 16. November soll die neue Unterkunft in der rue de la Fontaine ihre Türen öffnen. Dort stehen künftig 31 Schlafplätze für obdachlose Menschen zur Verfügung, neun mehr als bisher. Der Escher Gemeinderat verabschiedete am Freitag einstimmig das neue Betriebskonzept, die Hausordnung und die Unterbringungsverträge.

Die neue Unterkunft bietet zehn Einzelzimmer, zwei Doppelzimmer, vier Dreibettzimmer, zwei barrierefreie Zimmer sowie einen Schlafsaal mit drei Notfallbetten. Hinzu kommen ein Speisesaal, Aufenthaltsräume, eine Krankenstation und Büros für die Sozialarbeiter. Das Gebäude soll damit nicht nur bessere Unterbringungsbedingungen schaffen, sondern auch eine intensivere Betreuung ermöglichen.

Das neue Abrisud verfügt über Einzel-, Doppel- und Dreibettzimmer sowie insgesamt 31 Schlafplätze

Das neue Abrisud verfügt über Einzel-, Doppel- und Dreibettzimmer sowie insgesamt 31 Schlafplätze Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Klare Regeln und individuelle Betreuung

„Eine Sozialstruktur muss menschlich und verständnisvoll sein, aber das bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist“, sagte Sozialschöffe Bruno Cavaleiro (CSV). Das neue Konzept lege deshalb fest, unter welchen Bedingungen Menschen aufgenommen werden und wie ihr Aufenthalt organisiert wird.

Eine Sozialstruktur muss menschlich und verständnisvoll sein, aber das bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist

Bruno Cavaleiro

Escher Sozialschöffe (CSV)

Sozialschöffe Bruno Cavaleiro (CSV)

Sozialschöffe Bruno Cavaleiro (CSV) Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Das neue Abrisud soll mehr sein als ein Schlafplatz und eine warme Mahlzeit. Die Bewohner erhalten Unterstützung bei administrativen Angelegenheiten, gesundheitlichen Problemen und der Suche nach einer dauerhaften Wohnlösung. Eine psychiatrische Krankenpflegerin begleitet Menschen mit psychischen Erkrankungen und anderen gesundheitlichen Schwierigkeiten.

„Eine Person, die ein festes Bett im Abrisud bekommt, engagiert sich auch mit einem Sozialarbeiter, ein individuelles Konzept auszuarbeiten“, erklärte Cavaleiro. Dieser Betreuungsplan wird alle sechs Wochen überprüft. „Wir erwarten nicht von jeder Person das Gleiche“, betonte der Sozialschöffe. Die Menschen hätten unterschiedliche Voraussetzungen und benötigten deshalb eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Begleitung.

Verträge von drei Monaten

Die Verträge für einen festen Schlafplatz gelten zunächst drei Monate und können verlängert werden. Wer die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern verweigert oder sich nicht an seinem Betreuungsplan beteiligt, riskiert allerdings, dass der Aufenthalt nicht verlängert wird. Eine erneute Aufnahme ist dann erst nach drei Monaten möglich.

Das neue Abrisud bietet neben den Schlafzimmern auch Gemeinschaftsräume und Bereiche für die Betreuung der Bewohner

Das neue Abrisud bietet neben den Schlafzimmern auch Gemeinschaftsräume und Bereiche für die Betreuung der Bewohner Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Auch bei den Öffnungszeiten soll eine gewisse Flexibilität gelten. Grundsätzlich bleibt Abrisud eine Nachtunterkunft, die unter der Woche von 17 bis 9 Uhr und an Wochenenden von 16.15 bis 10 Uhr geöffnet ist. Die Bewohner müssen spätestens um 21.30 Uhr zurückkehren. Für Menschen, die wegen ihrer Arbeitszeiten später kommen, sind Ausnahmen vorgesehen. „Wenn wir wollen, dass Menschen sich beruflich stabilisieren, dann müssen wir auch eine gewisse Flexibilität haben“, sagte Cavaleiro.

Enesa Agovic (LSAP)

Enesa Agovic (LSAP) Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Platz reicht nicht für alle

„Das ist ein großer Schritt nach vorne“, sagte LSAP-Gemeinderätin Enesa Agovic. Sie begrüßte die neuen Infrastrukturen, verwies aber auf die langen Wartelisten und die weiterhin hohe Nachfrage. „Was passiert mit den Menschen, die im kalten Winter keinen Platz finden?“, fragte sie. Agovic nahm dabei auch die anderen Gemeinden in die Pflicht. Esch übernehme seit Jahren Verantwortung bei der Unterbringung obdachloser Menschen, aber andere größere Südkommunen müssten dies auch tun. „Auch die, die sozialistische Majoritäten haben.“

Marc Baum („déi Lénk“)

Marc Baum („déi Lénk“) Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Auch Gemeinderat Marc Baum („déi Lénk“) sieht mit dem neuen Gebäude noch keine ausreichende Antwort auf die Obdachlosigkeit. Die Nachfrage gehe nicht zurück. „Es wird eher mehr“, sagte er. Baum begrüßte die Flexibilität des Konzepts, stellte aber die Frage, ob zusätzliche Angebote notwendig seien. „Brauchen wir nicht eine erweiterte Struktur, die noch niedrigschwelliger ist? Wir wissen, dass wir auch mit Abrisud nicht alle Menschen abfangen können.“ Darüber müsse eine Diskussion ohne Tabus geführt werden.

Abrisud soll laut Cavaleiro allerdings eine überschaubare Einrichtung bleiben, in der eine individuelle Begleitung möglich sei. Die Stadt setze bewusst auf eine Struktur „à taille humaine“.

Aufnahme über eine Warteliste

Wer einen festen Schlafplatz erhalten möchte, muss sich persönlich auf eine Warteliste setzen lassen und grundsätzlich gültige Identitäts- und Aufenthaltsdokumente vorlegen. Die Betroffenen müssen anschließend einmal monatlich bestätigen, dass sie weiterhin einen Platz benötigen. Andernfalls werden sie von der Liste gestrichen. Menschen ohne festen Schlafplatz können sich zudem um 21.30 Uhr direkt an die Unterkunft wenden und nach einem freien Bett für eine Nacht fragen. Drei Schlafplätze sind ausdrücklich für Notfälle vorgesehen.

Das neue Gebäude verfügt über moderne Sanitäranlagen

Das neue Gebäude verfügt über moderne Sanitäranlagen Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Die Hausordnung regelt auch den Alltag der Bewohner. Alkohol ist in den Schlafzimmern verboten, maßvoller Konsum von Getränken mit weniger als 15 Prozent Alkohol wird im Gemeinschaftsraum jedoch toleriert. Der Drogenkonsum bleibt untersagt. Feste Bewohner dürfen grundsätzlich höchstens zwei Nächte pro Woche fehlen, ohne ihren Schlafplatz zu gefährden.

Hunde erlaubt

Eine Neuerung betrifft die Unterbringung von Haustieren. „Wir wissen, dass für verschiedene Menschen, die auf der Straße leben, ihr Tier eine wichtige Rolle spielt“, sagte Cavaleiro. Damit sich Betroffene nicht zwischen ihrem Haustier und einem Schlafplatz entscheiden müssen, stehen im Untergeschoss zwei Hundezwinger und Unterbringungsmöglichkeiten für kleinere Tiere zur Verfügung. Katzen sind laut Konzept allerdings ausgeschlossen. Hunde müssen einen Maulkorb tragen und dürfen nicht mit in die Schlafzimmer. Ausnahmen gelten für zertifizierte Assistenzhunde.

Wir wissen, dass für verschiedene Menschen, die auf der Straße leben, ihr Tier eine wichtige Rolle spielt

Bruno Cavaleiro

Escher Sozialschöffe (CSV)

Die Sicherheit im neuen Gebäude übernehmen neben den Mitarbeitern ein privater Sicherheitsdienst und eine Videoüberwachung. Kameras sind an Zugängen, in Fluren und bestimmten Gemeinschaftsbereichen vorgesehen. Die Aufnahmen werden nach spätestens 15 Tagen gelöscht.

Die Stadt will auch die Bewohner des Viertels über das neue Nachtasyl informieren. Deshalb seien Besichtigungen für Menschen aus der direkten Nachbarschaft vorgesehen. „Wir wissen, dass die Eröffnung Fragen und manchmal Sorgen bei den Bewohnern auslösen kann“, erklärte Cavaleiro.

Ein langer Umzug

Die Escher Obdachlosenunterkunft Abrisud ist momentan in einer provisorischen Containeranlage in der rue Berwart untergebracht

Die Escher Obdachlosenunterkunft Abrisud ist momentan in einer provisorischen Containeranlage in der rue Berwart untergebracht Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Esch beteiligte sich 2005 erstmals an der landesweiten Winteraktion für obdachlose Menschen. In einem ehemaligen Polizeigebäude in der rue du Canal entstanden 15 Schlafplätze. Die Nachfrage war so groß, dass sich die Gemeinde nach einer weiteren Winteraktion entschied, die Unterkunft ganzjährig zu betreiben. Im Juni 2007 zog Abrisud in eine Containeranlage in der Rue Berwart. Was ursprünglich als Übergangslösung gedacht war, blieb 19 Jahre lang bestehen. Die Suche nach einer dauerhaften Unterkunft führte die Gemeinde 2020 zu einem Gebäude in der Rue de la Fontaine – sechs Jahre später soll Abrisud nun umziehen.

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