Editorial

Warum die Politik den Menschen in den Vierteln richtig zuhören sollte

Am besten kennen die Personen einen Stadtteil, die dort leben. Ihre Expertise sollten Gemeindeverantwortliche nutzen und ihnen echte Mitsprache ermöglichen.

Nach der sogenannten „Apéri‘tour“ im Oktober 2024 in Bonneweg kritisierten gleich mehrere Leute, dass Erklärungen von Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) nur schwer zu verstehen gewesen seien

Nach der sogenannten „Apéri‘tour“ im Oktober 2024 in Bonneweg kritisierten gleich mehrere Leute, dass Erklärungen von Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) nur schwer zu verstehen gewesen seien Foto: Editpress-Archiv/Didier Sylvestre

„Wir sind die Expert*innen unserer Viertel“, sagte Johannes Birgmeier kürzlich bei einem Rundgang durch Bonneweg dem Tageblatt. Damit brachte es der 58-jährige Architekt, der seit 15 Jahren in Bonneweg lebt und sich beim gemeinnützigen Verein „eis Stad“ für eine menschengerechte Stadtentwicklung engagiert, auf den Punkt. Denn wer kennt ein Viertel besser als die Menschen, die dort leben, ihre Freizeit verbringen und dort täglich unterwegs sind?

Anwohnerinnen und Anwohner verfügen über wertvolles Wissen über ihre Stadtteile – und das sollten sich die politisch Verantwortlichen zunutze machen. Denn manche von ihnen leben dort schon länger, als lokale Politikerinnen und Politiker im Amt sind. Sie kennen die Bedürfnisse vor Ort, wissen, was gebraucht wird und wo es noch hakt. Weisen sie auf Missstände hin, wollen sie damit selten die kommunalen Dienste ärgern, sondern auf konkrete Probleme aufmerksam machen.

So forderten die Limpertsbergerin Maureen Stoll und rund 200 weitere Personen im April 2025 nach einem schweren Verkehrsunfall in der Avenue Victor Hugo von der Stadt Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit. Wer die Straße in der Umgebung von mehreren Schulen kennt, weiß: Trotz Tempo 30 waren und sind dort viele noch immer viel zu schnell unterwegs. Inzwischen hat die Stadt Bremsschwellen, sogenannte Berliner Kissen, installieren lassen.

Allein in der Hauptstadt gibt es zahlreiche Personen, die sich in ihrer Freizeit für ihr Viertel einsetzen: Mindestens 84 Anwohner*innen verlangten im Dezember 2025 eine bessere Kommunikation rund um das geplante Leichtathletikstadion in Hamm, fast 70 Personen forderten im Oktober 2025 Tempo 30 im Val Saint-André im Rollingergrund und mehr als 60 beteiligten sich an der Erarbeitung eines im Mai 2025 präsentierten Mobilitätsplans für Gasperich.

Die Probleme, auf die Bürgerinnen und Bürger in Eigeninitiative hinweisen, sind real. Politisch Verantwortliche sollten sie daher ernst nehmen, den Dialog suchen und geeignete Möglichkeiten für einen Austausch auf Augenhöhe schaffen. Die sogenannten „Apéri’tours“ in den Jahren 2024 und 2025 in Luxemburg-Stadt boten dafür eigentlich einen guten Ansatz: Mitglieder des Schöffenrats nahmen sich Zeit, gemeinsam mit den Menschen durch deren Viertel zu gehen und sich ihre Anliegen anzuhören.

Die Teilnahme an mehreren „Apéri’tours“, etwa in Bonneweg, zeigte allerdings, dass vor allem Lydie Polfer (DP) und Co. das Wort ergriffen – und aufgrund fehlender Mikrofone oft nur schwer zu verstehen waren. An Kameras, die alles für die sozialen Medien festhielten, hatte man hingegen gedacht. Der Austausch mit den Menschen vor Ort wirkte dadurch eher halbherzig als wirklich ernst gemeint. Glaubwürdige Mitsprache sieht anders aus.

Dabei kann echte Beteiligung viel bewirken: Sie hilft Gemeinden, Planungsfehler zu vermeiden, bringt kreative Vorschläge hervor und kann Konflikte lösen, bevor sie eskalieren. Dafür müssen die Politiker jedoch zuhören. Das mag herausfordernd und zeitaufwendig sein, lohnt sich aber. Politik wird für die Menschen gemacht – dann sollten sie sich auch einbringen können.

1 Kommentare
Dunord Hagar 29.07.202609:15 Uhr

Die Zeit des Zuhörens ist schon lange verbraucht, liebe Politiker... jetzt ist es Zeit zum Machen, aber ehrlich!

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