Editorial
Mehr als nur ein Werbespot: Wie der Frauensport sich gegen Sexualisierung wehrt
Der Werbespot von Sydney Sweeney für eine Sportwettenplattform hat die Sportwelt aufgewühlt. Doch während der kalkulierte Tabubruch die Schlagzeilen dominiert, gerät etwas fast in Vergessenheit. Abseits der Kameras kämpfen Athletinnen und Verbände längst gegen die Sexualisierung im Sport, zum Teil bereits mit Erfolg.
Zielstrebigkeit, Kraft und Athletik – es sind Eigenschaften, die nicht nur den Herren-, sondern auch den Damensport ausmachen, und genau so wollen Sportlerinnen auch gerne gezeigt werden Foto:Editpress/Gerry Schmit
Es ist ein Werbespot, der nur wenige Sekunden braucht, um eine hitzige Debatte zu entfachen: Schauspielerin Sydney Sweeney posiert für die Sportwettenplattform Novig in verschiedenen Sportkulissen – teilweise nahezu unbekleidet und lediglich von Sportgeräten bedeckt.
Die Reaktionen aus der Sportwelt ließen nicht lange auf sich warten. Schwimm-Olympiasiegerin Ariarne Titmus war eine der ersten, die genau diese Sexualisierung von Frauen im Sport scharf kritisierte, mit der sich viele Sportlerinnen schon konfrontiert sahen. Die britische Sprinterin Amy Hunt wandte sich nach ihrem 200-Meter-Finale bei den World Athletics Ultimate Championships sogar direkt an Sweeney: „This is what women in sport look like.“ Muskeln, harte Arbeit, Schweiß, Blut und Tränen – darum gehe es im echten Sport.
Dabei gab es in den vergangenen Monaten und Jahren durchaus positive Entwicklungen, die angesichts der jüngsten Diskussionen fast schon wieder in Vergessenheit geraten. Die European Broadcasting Union (EBU) hat gemeinsam mit dem Kontinentalverband European Athletics in diesem Jahr den Leitfaden „Raising the Bar“ eingeführt, um der Sexualisierung von Athletinnen in TV-Übertragungen gezielt entgegenzuwirken. Bestimmte voyeuristische Nahaufnahmen von Gesäß, Schritt oder Brust sollen in der Leichtathletik nicht mehr gezeigt werden. Gleiches gilt für die sogenannte Froschperspektive, die etwa beim Startblock oder beim Hochsprung direkt unter der Latte eingesetzt wurde. Auch Zeitlupen, die keinen sportlichen oder technischen Mehrwert bieten, sondern sich lediglich auf einzelne Körperpartien konzentrieren, sollen nicht mehr verwendet werden.
Auch im Turnen hat sich in dieser Hinsicht viel bewegt. Der Schweizer Turnverband hat beispielsweise einen detaillierten Leitfaden für Fotografen und Kameraleute eingeführt. Bilder, die gezielt den Schritt einer Athletin fokussieren, sollen nicht mehr entstehen – Aufnahmen, die gerade bei Übungen am Stufenbarren früher durchaus üblich waren. Gleichzeitig haben Turnerinnen inzwischen mehr Freiheit bei der Wahl ihrer Wettkampfkleidung: Sie können sich je nach persönlicher Präferenz für den klassischen Turnanzug oder für einen Ganzkörperanzug entscheiden.
In anderen Sportarten wie dem Beachvolleyball werden ähnliche Richtlinien immer häufiger umgesetzt. Dabei geht es nicht darum, Frauen vorzuschreiben, wie viel Haut sie zeigen dürfen. Es geht um die Frage, wie sie gezeigt werden – und wer darüber entscheidet. Das Thema Sexualisierung ist längst bei den Verbandsverantwortlichen angekommen, die bei der Ausarbeitung dieser Leitfäden bewusst die Zusammenarbeit mit Spitzenathletinnen gesucht und deren Perspektive einbezogen haben. Diese beklagen, dass vor allem in den sozialen Medien ungünstige Aufnahmen die Runde machen und sie sich dadurch oft Beschimpfungen und Beleidigungen ausgesetzt sehen.
Initiativen sind lanciert, Richtlinien werden angepasst und Athletinnen zunehmend in diese Prozesse integriert. Das ist eine wegweisende Entwicklung, über die angesichts der aktuellen Sweeney-Debatte viel mehr gesprochen werden sollte als über einen Werbespot, der bewusst provoziert. Auch wenn noch immer viel zu tun bleibt.