Editorial
Skandal oder Stimmungsmache? Neue „Enthüllungen“ über den Finanzplatz
Panama Papers, LuxLeaks, OpenLux – drei Namen, ein Muster? Wer die drei Fälle nebeneinanderlegt, merkt schnell: Es handelt sich um sehr unterschiedliche Anschuldigungen gegen Luxemburg und seinen Finanzplatz, die scheinbar bewusst in einen Topf geworfen werden.
Mal ist die Kritik am Finanzplatz Luxemburg berechtigt – mal ist sie jedoch nur Stimmungsmache Foto: Editpress/Julien Garroy
Es gab echte Skandale. Die Panama Papers enthüllten ein weltweites Netz an Briefkastenfirmen, mit dem Superreiche und Diktatoren Geld wuschen und Steuern hinterzogen – illegal, systematisch, absolut verwerflich. Die im Rahmen von LuxLeaks bekannt gewordenen Steuerdeals bewegten sich zwar meist im legalen Rahmen, warfen aber berechtigte Fragen über die moralische Grenze zwischen Steuerplanung und Steuervermeidung auf.
Aufbauend auf den Enthüllungen der Vergangenheit veröffentlichten die französische Tageszeitung Le Monde nun, Ende Juni, gemeinsam mit der Journalistenplattform OCCRP, weitere Recherchen über in Luxemburg registrierte Gesellschaften.
Liest man die unter dem Markennamen „OpenLux – Untersuchung zu Luxemburg, dem Tresor Europas“ zusammengefassten Artikel, kann man sich nur die Augen reiben. Was das Konsortium enthüllt hat, lässt sich größtenteils in einem Satz zusammenfassen: Reiche Ausländer haben Firmen in Luxemburg.
Die Nachrichtenplattform EuroNews schreibt von „neuen Firmen im Umfeld großer spanischer Vermögen“. Berichtet wird beispielsweise über den Inditex-Gründer Amancio Ortega, der hierzulande Gesellschaften mit Vermögenswerten von mehr als zehn Milliarden Euro hält.
Im gleichen Atemzug geht aus einer von den belgischen Zeitungen Le Soir und De Tijd „durchgeführten Untersuchung“ hervor, dass 9.800 Belgier Anteile an über 11.000 luxemburgischen Gesellschaften halten. Ehrlicherweise fügt man am Schluss des Artikels noch die Bewertung eines Steueranwalts hinzu: „Beunruhigend, aber nicht unbedingt illegal.“
Der betreffende Artikel von Le Monde aus der OpenLux-Serie von Juni 2026 ist schon interessanter, sieht aber auch mehr nach Stimmungsmache als nach objektivem Journalismus aus. Der Bericht mit dem Titel „Zwischen Luxemburg und Dubai: Die versteckten Millionen von Fabrice Andjoua“ beschreibt, dass der Sohn des früheren gabunischen Präsidenten Omar Bongo „mehrere undurchsichtige Strukturen, insbesondere in Luxemburg, geschaffen hat, um ein bisher unbekanntes, beträchtliches Vermögen anzuhäufen“. Der Artikel ist Teil einer langfristigen Recherche, „die sich damit befasst, wie luxemburgische Unternehmen Geldwäsche und Steuerhinterziehung erleichtern“. Dass hierzulande gegen Andjoua eine „information judiciaire“ läuft, erfährt der Leser erst im letzten Abschnitt.
Die Gemeinsamkeit zwischen den drei Artikeln ist klar: In Luxemburg ist alles schlecht und verwerflich. Dass Europa ein Binnenmarkt ist, wird komplett vergessen. In der EU können Unternehmen sich dort niederlassen, wo es passt. Deutschland hat sich auf Autos spezialisiert, Luxemburg auf grenzüberschreitende Finanzdienstleistungen. Das ist kein Skandal, das ist die gewachsene Spezialisierung der Volkswirtschaften.
Ja, über Luxemburg lässt sich steuereffizient strukturieren. Das gilt aber auch für Belgien, Irland, Zypern oder Monaco. Für diese Standorte scheint sich das Konsortium aber kaum zu interessieren.
Was treibt diese Recherche also an? Eine mögliche Antwort findet sich im aktuellen politischen Kontext. Luxemburg wehrt sich derzeit gegen Bestrebungen Frankreichs, die europäische Finanzaufsichtsbehörde ESMA, mit Sitz in Paris, mit mehr Macht auszustatten. Wäre es nun abwegig zu fragen, ob Artikel, die Luxemburgs Image beschädigen, auch geopolitischen Interessen dienen – nämlich denen jener Hauptstädte, die selbst gerne mehr vom europäischen Finanzgeschäft hätten?
Dass der Kampf um Marktanteile im Finanzsektor gerade auf Hochtouren läuft, zeigt ein anderer Artikel aus Le Monde, der praktisch zeitgleich veröffentlicht wurde. Während man mit großen Vorwürfen über den Finanzplatz Luxemburg schreibt, berichtet dieselbe Zeitung am selben Wochenende über den Aufstieg von Paris als Finanzplatz – in bemerkenswert wohlwollendem Ton. Stolz gibt man sich darüber, dass die britische Bank Barclays ihren Europasitz von Dublin nach Paris verlegt. Gut findet man auch, dass das US-Kryptounternehmen Circle sich für Frankreich entschieden hat, da die französische Regierung „die größte Unterstützung hat zukommen lassen“.
So ist das Ansiedeln von Finanzfirmen in Paris wohl etwas Gutes – kommen sie aber nach Luxemburg, dann ist es moralisch verwerflich.