Europa

Luxemburger Fondsbranche warnt vor Paris und dem Versagen der Altersvorsorge

Viele Milliarden Euro schlummern auf europäischen Sparkonten unproduktiv vor sich hin, während die Altersvorsorge bröckelt, beklagt die ALFI. Am Donnerstag hat der Luxemburger Investmentfondsverband seine Ziele, Sorgen und Hoffnungen für das laufende Jahr vor der Presse vorgestellt.

Serge Weyland, CEO der Alfi, porträtiert in professioneller Geschäftskleidung vor neutralem Hintergrund

Serge Weyland, CEO der ALFI Foto: Editpress/Hervé Montaigu

„Die Menschen in Europa müssen mehr investieren“, unterstreicht Serge Weyland gleich zu Beginn seiner Rede. In ganz Europa schlafen Milliardenbeträge untätig auf Sparkonten. Diese Gelder fehlen damit zum Investieren in die Wirtschaft, sagt er. Hinzu komme, dass den Menschen dadurch gewaltig Kaufkraft verloren gehe.

Serge Weyland ist CEO der ALFI, des Luxemburger Verbandes der Investmentfondsindustrie. Die im Jahr 1988 gegründete ALFI ist keine kleine Organisation. Sie beschäftigt 40 Angestellte. Finanzieren tut sie sich durch Beiträge ihrer 1.400 Mitglieder. „Wir erhalten kein Geld vom Staat“, hebt Weyland hervor.

Zu den Missionen der ALFI zählt das Unterstützen der Mitglieder wie auch das Mitwirken an der Gestaltung von Regulierungen in Europa und Luxemburg – vier Mitarbeiter zählt man hierzu in Brüssel. Hinzu kommt das Werben für die Branche, wozu weltweit bis zu 50 Veranstaltungen pro Jahr organisiert werden. Auch mit dazu zählt es, „Standards, Integrität und Qualität hochzuhalten“, so der Vertreter der Branche. „Es gilt, den Ruf des Standortes Luxemburg zu verteidigen. Das Letzte, was wir wollen, ist ein Skandal.“

In Bezug auf die Markenbekanntheit ist Luxemburg für Investmentfonds das, was Gillette für Rasierklingen ist

Serge Weyland

CEO der ALFI

Dabei gehe es dem Verband um mehr als nur um Luxemburg, so Weyland weiter. UCITS – das europäische Regelwerk für Investmentfonds – habe ein „erfolgreiches europäisches Exportprodukt“ geschaffen. Dieses gelte es, weiter auszubauen. Beispielsweise im Bereich der Rentensysteme, deren Finanzierung europaweit unter Druck stehen. Künftig müsse mehr in private Zusatzversicherungen investiert werden. Und Investmentfonds seien dazu die „sicherste und einfachste“ Art, wirbt Weyland.

Corinne Lamesch von der ALFI hofft, dass sich dadurch auch Möglichkeiten für Produkte der Luxemburger Fonds ergeben könnten. „Das kann eine Gelegenheit für Luxemburg sein“, sagt sie. Neben Versicherern und Banken sollten auch Vermögensverwalter stärker in die Branche eingebunden werden.

„Unser Luxemburger System ist nicht gut“

Leider gebe es derzeit noch keine europaweiten Regelungen zu privaten Zusatzrentenversicherungen, nur lauter separate nationale Märkte, bedauert Weyland. Die EU-Kommission habe lediglich Empfehlungen an die Länder ausgegeben. Die ALFI hofft, dass die EU-Kommission in Zukunft Vergleichslisten erstellt und aufzeigt, in welchen Ländern das System gut funktioniert und in welchen nicht.

Im Sinne des Investierens in private Zusatzpensionen hat die ALFI bereits eine Vergleichsstudie in Auftrag gegeben, um zu analysieren, welche Systeme gut funktionieren. Das Ergebnis fällt für Luxemburg sehr ernüchternd aus. „Unser Luxemburger System ist nicht gut“, so Weyland unverblümt. Es gebe kaum Wettbewerb und nur wenige Anbieter. Niedrige Renditen und hohe Preise seien die Folge. Das Luxemburger System müsse demnach nicht nur gestärkt, sondern auch grundlegend neugestaltet werden“, so der ALFI-Chef.

In Schweden derweil gebe es ein gutes, effizientes und kostengünstiges System, das in den letzten 20 Jahren aufgebaut wurde. Gehaltsempfänger sind dort zum Investieren verpflichtet, der Staat definiert die Rahmenbedingungen und die Bürger können zwischen vielen Produkten wählen.

Sorge vor französischer Zentralisierung

Nicht alle europäischen Entwicklungen stoßen jedoch auf Gegenliebe der ALFI. Zwar unterstützt man die Ziele der von der EU-Kommission geplanten Spar- und Investitionsunion ebenfalls voll und ganz und setzt große Hoffnungen darauf, gleichzeitig macht man sich bei der ALFI aber Sorgen über die von Frankreich angestrebte Zentralisierung bei der Branchenaufsicht ESMA in Paris.

„Das könne die gesamte Branche schwächen“, warnt Weyland. Heute sei der europäische Fondssektor sehr divers und innovativ, mit unterschiedlicher Expertise an verschiedenen Standorten, doch eine Zentralisierung wäre schlecht für die Innovation. „Wir hoffen, dass die Vernunft auf EU-Ebene siegt.“ Getrieben sei das Ganze viel vom französischen Nationalinteresse. Frankreich hoffe, mehr Geschäft für sich zu gewinnen. In den nächsten Monaten werden diesbezüglich viele Verhandlungen anstehen.

Auch beklagt Weyland, dass Frankreich seinen Markt auf unrechtmäßige Weise vor europäischen ELTIF-Fonds abschotte. „So etwas tötet Europa“, sagt er und erwähnt das bekannte Zitat, das die globale Situation der EU-Mitgliedstaaten beschreibt: „In Europa gibt es zwei Arten von Ländern: die kleinen und die großen, die noch nicht gemerkt haben, dass sie klein sind.“

Weltweit hat sich Luxemburg, vor allem dank der schnellen Umsetzung von harmonisierten europäischen Regeln im Bereich der Investmentfonds seit 1985, gut positionieren können. Das Land gilt als zweitwichtigster Fonds-Standort nach den USA und als wichtigster Standort bei grenzüberschreitenden Fonds.

In Hongkong oder Singapur beispielsweise stammen mehr als die Hälfte der ausländischen Fonds, die dort verkauft werden, aus Luxemburg. „In Bezug auf die Markenbekanntheit ist Luxemburg für Investmentfonds das, was Gillette für Rasierklingen ist“, so Serge Weyland.

Für die Wirtschaft des Landes spielt die Branche, die die ALFI vertritt, eine überaus wichtige Rolle. Der Bereich steht für etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung des Finanzsektors und für rund 15.000 Jobs. Hinzu kommen jährliche Steuerzahlungen von weit mehr als einer Milliarde Euro.

1 Kommentare
Grober J-P. 14.02.202613:34 Uhr

"Investmentfondsindustrie." Industrie habe ich mir anders vorgestellt. In welche Fonds soll ich denn jetzt bei der nächsten Indextranche investieren? Die letzte habe ich dem Pizzaiolo versprochen.
Die 2 Kröten welche in die Arceloraktie gesteckt wurden sind bald Geschichte.
Hat Rheinmetall noch eine Zukunft? Werde jetzt zu Battin übergehen. Pow.

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