Editorial
Das Kind im PFAS-Brunnen: Hat die Politik aus ihren Fehlern gelernt?
Die kommende Klimakrise scheint kaum mehr abwendbar, da bahnt sich die nächste Umweltkatastrophe schon an. Wie ernst nehmen Politik und Gesellschaft die Ewigkeitschemikalien?
Umweltaktivisten haben im März vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel demonstriert Foto: AFP
Serge Wilmes hat den Umweltschützer in sich entdeckt. Pestizide sollen in Wasserschutzzonen komplett verboten werden, verlangt der neu-grüne CSV-Umweltminister. Und legt sich dafür sogar mit Landwirtschaftsministerin und Parteikollegin Martine Hansen an. Wie ernst er diese neu gefundene Rolle interpretiert, wird sich auch an der PFAS-Problematik ablesen lassen.
PFAS, das sind per- und polyfluorierte Chemikalien, die seit den 1940er Jahren künstlich hergestellt werden. In der Natur kommen diese aufgrund ihrer Langlebigkeit auch „Ewigkeitschemikalien“ genannten Stoffe nicht vor. Stattdessen werden sie für Kochgeschirr über Zahnseide bis hin zu Textilien industriell hergestellt und verwertet – und landen letztlich in der Umwelt und im Trinkwasser. Mit schädlichen Folgen für Umwelt und Gesundheit.
Die Luxemburger Grünen machen bereits seit Anfang des Jahres vermehrt Druck. Joëlle Welfring und Djuna Bernard haben Rückstände der Chemikalien im eigenen Körper getestet und nachgewiesen, und eine Interpellation in der Chamber angefragt. Am Mittwoch wird der interministerielle Bericht über PFAS, der bereits im März in der Chamber vorgestellt wurde, in dem zuständigen Parlamentsausschuss diskutiert. Für Diskussion und Nachfragen war im März nicht genügend Zeit eingeplant worden. Sinnbildlich für den stiefmütterlichen Umgang mit Umweltthemen in Luxemburg. Und vielleicht auch in Europa und der Welt.
Wohl auch, weil die PFAS für viele Menschen ähnlich schwer konkret zu erfassen sind wie die Klimakrise. Während einige Facebook-Kommentatoren nicht müde werden, die immer häufiger und früher auftretenden Hitzewellen mit aggressiv vorgetragener Ignoranz – der deutsche Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker gebrauchte dafür jüngst den Begriff der Aggnoranz – als „Sommer, wie er früher einmal war“, zu verharmlosen. Nur: Daten und Zahlen lügen nicht.
Im Rahmen der PFAS bedeutet das hauptsächlich eins: Unsicherheit. Genau abzuschätzen sind die Langzeitauswirkungen für die Flora und Fauna bislang nicht. Nur, dass sich die Chemikalien über Jahre hinweg in jedem Einzelnen von uns, im Trinkwasser oder in den Böden akkumulieren werden, steht außer Frage. Und bevor die Ü50-Klima- und Umweltexperten aus den Social-Media-Kommentarspalten Sturm laufen, die sich an der Farbe Rot auf Klimadiagrammen für Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius stören und wieder reine Panikmache hinter solchen Artikeln vermuten: Es sind die U30-Generationen, die die Konsequenzen des heutigen Handelns noch Jahrzehnte ertragen müssen.
In puncto Klimawandel hat die Politik bisher gezeigt, wie man Langzeitkrisen nicht angehen sollte. Und ähnlich den Regulierungsmaßnahmen zugunsten des Klima- und Umweltschutzes laufen Lobbyverbände und Industrieunternehmen Sturm gegen eine strengere Regulierung. Auch in Luxemburg weist die Fedil auf eine abfallende „Kompetitivitéit“ bei weitgehenden Verboten hin. DuPont ist bereits vor zwei Jahren bei Außenminister Bettel deswegen vorstellig geworden. Das Kind liegt, wie beim Klimaschutz auch, bereits im Brunnen. Die Frage ist nur: Wie viele PFAS-verseuchte Schlucke es übersteht, bevor es absäuft.