PFAS
Belastung für Umwelt und Körper: Luxemburg und EU suchen nach Antworten
Vier Chamber-Kommissionen beraten am Mittwoch über den ersten luxemburgischen PFAS-Bericht. Die EU arbeitet währenddessen an einer weitreichenden Beschränkung der gesundheitsschädlichen Ewigkeitschemikalie. Doch Umweltorganisationen warnen vor einer Verwässerung durch die Chemieindustrie.
Der Blick in einen Sitzungssaal des Europaparlaments bleibt unscharf. Auch bei den geplanten Regeln gegen PFAS ist noch offen, welche Ausnahmen und Fristen am Ende bleiben. Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
„Was ich Ihnen erzählen werde, wird leicht deprimierend sein.“ Der Satz passt. Hans van Scharen, Lobbyforscher beim Corporate Europe Observatory, nimmt während seiner Präsentation kein Blatt vor den Mund. Er redet von einer dystopischen Situation. Von einem Gift, das überall zu finden ist. Und von der Chemikalien-Lobby, die das EU-Parlament „gekapert“ habe. Fünf eingeladene luxemburgische Influencerinnen und Influencer filmen ihn dabei. Die Handys, die sie dafür benutzen, sind belastet. Genau wie die Kleidung, die sie tragen, der Stuhl, auf dem sie sitzen, und das Wasser, das sie trinken. Denn die Ewigkeitschemikalien PFAS sind überall zu finden – und stellen eine reelle Gefahr für die Gesundheit der Menschen dar.
PFAS-Bluttest
Was sind PFAS?
PFAS stecken in Produkten, die Wasser, Fett, Hitze oder Schmutz abweisen sollen: etwa in Outdoorjacken, Schuhen, Teppichen, Kosmetika, Pizzakartons, Mikrowellen-Popcornbeuteln, Antihaftpfannen, Skiwachs, Elektronik, Feuerlöschschäumen und bestimmten Medizinprodukten. Für Hersteller sind sie attraktiv, weil sie Materialien besonders widerstandsfähig und langlebig machen. Die Stoffgruppe umfasst Tausende Chemikalien. Weil viele von ihnen kaum abgebaut werden, reichern sie sich in Umwelt und Körpern an. Deshalb heißen sie auch Ewigkeitschemikalien.
So erklären es jedenfalls van Scharen und Noémie Jégou, „Policy Officer for Chemicals“ beim Europäischen Umweltbüro (EEB) an einem Dienstagmittag in Brüssel. Etwa 20 Personen sitzen auf Einladung der Grünen/EFA-Fraktion des EU-Parlaments in einem großen Konferenzraum des EU-Parlaments und hören den Erklärungen zu. Darunter auch ein Tageblatt-Journalist. Zum eintägigen Event gehört auch eine Blutprobe für die Anwesenden. Denn bei fast jedem Menschen sind die Chemikalien im Blut zu finden. Um das zu verbildlichen, hat die Fraktion Menschen aus ganz Europa zu einem Bluttest in der belgischen Hauptstadt eingeladen. Die Grünen wollen die Resultate im September als Teil einer Aufklärungskampagne vorstellen.
Denn das Problem wirkt akut. PFAS finden sich längst nicht nur an einzelnen belasteten Standorten. Sie wurden in Böden, Flüssen, Trinkwasser und im Blut von Menschen nachgewiesen. Einige der tausenden PFAS-Verbindungen werden unter anderem mit geschwächten Abwehrkräften, Leber- und Schilddrüsenproblemen, Fruchtbarkeitsstörungen sowie einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebsarten in Verbindung gebracht. Der Nachweis von PFAS im Blut bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jemand krank wird. Wie groß das gesundheitliche Risiko ist, hängt unter anderem davon ab, um welche PFAS es geht, wie hoch die Belastung ist und wie lange sie anhält.
Vom Eisbären in der Arktis bis zum ungeborenen Kind: Alle sind betroffen
Hans van Scharen
Lobbyforscher beim Corporate Europe Observatory
„Vom Eisbären in der Arktis bis zum ungeborenen Kind: Alle sind betroffen“, sagt Hans van Scharen. Gerade weil die Stoffe kaum abgebaut werden, wächst die Belastung weiter, solange neue PFAS in die Umwelt gelangen. Das internationale Rechercheprojekt „Forever Pollution“ bezeichnet PFAS als die „schlimmste Verschmutzungskrise, der die Menschheit bisher begegnet ist“.
Die Verhandlungen im EU-Parlament in Brüssel über strengere PFAS-Regeln werden wohl in den nächsten Monaten und Jahren weiterlaufen Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
Krisenkommunikation
Es sind solche Sätze, die in Zeiten von Krieg, Energie- und Klimakrise schwer zu vermitteln sind. PFAS sind unsichtbar, aber fast überall nachweisbar. Und weil sie sich kaum abbauen, lässt sich die Verschmutzung nicht einfach wieder rückgängig machen. Das kann Menschen alarmieren – oder sie schlicht überfordern. Für Umweltorganisationen stellt sich deshalb die Frage, wie man vor dieser Krise warnt, ohne dass der Eindruck entsteht, ohnehin nichts mehr tun zu können.
Die Realität ist bereits beängstigend. Lasst sie uns wenigstens nicht noch schlimmer machen
Noémie Jégou
„Policy Officer for Chemicals“ beim Europäischen Umweltbüro

Noémie Jégou ist Chemikalienexpertin beim Europäischen Umweltbüro EEB, einem Brüsseler Netzwerk von Umweltorganisationen, das auf strengere EU-Regeln für Gesundheit und Umwelt drängt Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
Für Noémie Jégou vom Europäischen Umweltbüro ist das ein Dilemma. „Wir wollen, dass die Menschen es wissen. Gleichzeitig wissen wir, dass es sehr beängstigend sein kann“, sagt sie. Aber gerade deshalb dürfe die Krise nicht kleingeredet werden. „Die Realität ist bereits beängstigend. Lasst sie uns wenigstens nicht noch schlimmer machen.“ Es gehe darum, das Problem sichtbar zu machen – und zu verhindern, dass noch mehr PFAS in die Umwelt gelangen.
Neu ist die Debatte allerdings nicht. Seit rund 20 Jahren fordern Umweltorganisationen ein Verbot der Stoffgruppe, sagt Jégou. Doch lange sei es schwierig gewesen, aus der komplizierten Chemiefrage ein Thema zu machen, das auch außerhalb von Fachkreisen verstanden werde. Die Industrie habe von dieser Komplexität profitiert. Ihr Argument laute oft: „Einige PFAS sind gefährlich, andere nicht.“ Jégou hält dagegen, dass alle PFAS extrem langlebig seien. Für viele Einzelstoffe sei zudem noch unklar, welche gesundheitlichen Folgen sie bei langfristiger Belastung haben können. Für sie ist das allein ein Grund, ihren Einsatz grundsätzlich infrage zu stellen. Und: „Es gibt Anwendungen, bei denen der Ausstieg sehr einfach wäre – etwa bei Textilien, Kosmetika und anderen Konsumprodukten. Dort wissen wir, dass es viele Alternativen gibt.“
EU arbeitet an Maßnahmen
Dass PFAS nun wieder stärker im Fokus stehen, hängt laut Jégou auch mit dem Vorschlag für eine EU-weite Beschränkung zusammen. Deutschland, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Norwegen hatten 2023 bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA eine Beschränkung für tausende PFAS vorgeschlagen. Der Entwurf sieht neben einem grundsätzlichen Ausstieg auch Übergangsfristen und Ausnahmen für Anwendungen vor, für die es noch keine ausreichenden Alternativen gibt – etwa in Teilen der Medizin oder der Industrie. Die wissenschaftliche Prüfung bei der ECHA soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Erst danach wird die EU-Kommission einen konkreten Gesetzesvorschlag vorlegen.

Hans van Scharen ist Lobbyforscher beim Corporate Europe Observatory, einer Brüsseler Organisation, die den Einfluss von Unternehmen und Lobbyverbänden auf die EU-Politik untersucht Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
Hans van Scharen fürchtet, dass die geplanten Regeln durch die Arbeit von Lobbyisten der Chemieindustrie verwässert werden. „Immer wieder dominiert dieselbe einseitige Sicht: Wenn wir regulieren, kostet das wirtschaftlich zu viel“, sagt der Lobbyforscher. „Worüber sie nie sprechen, ist, was es die Gesellschaft kostet.“ Gemeint sind Gesundheitskosten, verseuchte Böden und Gewässer sowie die Sanierung von PFAS-Hotspots. Das sind Orte, an denen Böden, Gewässer oder Menschen besonders stark belastet sind – etwa rund um Produktionsanlagen, Flughäfen oder frühere Einsatzorte von Löschschaum. Wenn PFAS weiter in die Umwelt gelangen, könnte ihre Sanierung in Europa in den kommenden 20 Jahren laut Forever Lobbying Project rund zwei Billionen Euro kosten.

Die EU bereitet eine Beschränkung für Tausende Ewigkeitschemikalien vor Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
Für dieses Rechercheprojekt haben 46 Journalistinnen und Journalisten aus 16 Ländern mehr als 14.000 interne und öffentliche Dokumente zur PFAS-Debatte ausgewertet. Das im Januar 2025 veröffentlichte Projekt kommt zu dem Schluss, dass mehrere zentrale wissenschaftliche Argumente der Branche falsch oder irreführend seien. Zum Beispiel: In ihren Stellungnahmen bezeichnen Industrievertreter vor allem Fluorpolymere, eine Untergruppe der PFAS, als wenig besorgniserregende Polymere – und berufen sich dabei auf die OECD. Doch: Die OECD erklärte gegenüber dem Forever Lobbying Project, dass sie die Kriterien für diese Einschätzung nie endgültig festgelegt habe.
Nicht auf Brüssel warten
Gerade weil offen ist, wie viel von der geplanten Beschränkung nach den Verhandlungen noch übrig bleibt, sollten sich die Mitgliedstaaten laut Noémie Jégou nicht allein auf Brüssel verlassen. „Unabhängig davon, was auf EU-Ebene geschieht, sollten sie dort für einen möglichst ambitionierten Vorschlag eintreten und auf nationaler Ebene tun, was sie können, um zumindest ihre Bürger zu schützen“, sagt die Chemikalienexpertin. Nationale Maßnahmen könnten zudem ein Signal an die gesamte EU senden.
„Luxemburg bleibt nicht von PFAS verschont“, sagt die EU-Abgeordnete von „déi gréng“, Tilly Metz, dem Tageblatt gegenüber. Die Regierung könne sich deshalb nicht darauf beschränken, auf eine Lösung aus Brüssel zu warten. „Die nationalen Ministerien sitzen in den Räten von Anfang an mit am Tisch. Sie können jetzt schon sagen, dass sie ein Phasing-out wollen“, sagt Metz.

Tilly Metz („déi gréng“) fordert, dass Luxemburg bei den EU-Verhandlungen für einen schrittweisen Ausstieg aus PFAS eintritt Foto: Editpress/Cédric Feyereisen
PFAS-Kommissionssitzung
Mit diesen Fragen befassen sich am Mittwoch auch die Umwelt-, Agrar-, Gesundheits- und Arbeitskommissionen in einer gemeinsamen Sitzung. Auf der Tagesordnung steht unter anderem die Diskussion des ersten interministeriellen PFAS-Berichts. Landwirtschaftsministerin Martine Hansen (CSV) und Umweltminister Serge Wilmes (CSV) präsentierten im März während einer Kommissionssitzung den ersten interministeriellen PFAS-Bericht, der 40 vorgeschlagene Maßnahmen enthält.
Die Abgeordnete Djuna Bernard von „déi gréng“ bemängelte damals, dass der 70-seitige Bericht den Abgeordneten erst kurz vor der Sitzung vorlag und für eine ausführliche Diskussion kaum Zeit blieb. Der Bericht enthält bislang weder einen nationalen Ausstiegsplan noch konkrete Verbote. Zunächst will die Regierung genauer erfassen, woher PFAS stammen und wie stark Menschen und Umwelt belastet sind.
Die PFAS-Belastung lässt sich nicht vollständig rückgängig machen, sagt Chemikalienexpertin Noémie Jégou. Aber sie müsse nicht einfach hingenommen werden. „Unabhängig davon, was auf EU-Ebene geschieht, sollte ein Staat dort für eine möglichst ambitionierte Regelung eintreten – und zugleich auf nationaler Ebene alles tun, um zumindest seine Bürger zu schützen.“ Entscheidend sei nun, den weiteren Eintrag von PFAS in die Umwelt zu stoppen. „Wenn wir den Hahn zugedreht haben, gibt es Möglichkeiten, die am stärksten belasteten Orte zu sanieren und dafür zu sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt.“