Ewigkeitschemikalien und Trinkwasser
Umweltminister Wilmes stellt ersten PFAS-Bericht vor
Ein ministerienübergreifender Bericht verspricht konkrete Aktionen, um mehr über Herkunft und Verbreitung von Ewigkeitschemikalien in Trinkwasser und Lebensmitteln zu erfahren. Landwirtschaftsministerin Hansen verteidigt die hohen Standards der Lebensmittelsicherheit in Luxemburg.
Umweltminister Serge Wilmes betont die internationale Dimension des Problems Montage: Tageblatt
„Unsere luxemburgischen Lebensmittel und unsere luxemburgischen Äpfel sind absolut sicher“, sagt Landwirtschaftsministerin Martine Hansen (CSV) an diesem Morgen und hält sogleich einen Apfel hoch, den sie sich zum Frühstück mitgebracht hat. Luxemburgs Äpfel waren kürzlich in die Schlagzeilen geraten, nachdem die NGO „Pan Europe“ darin das PFAS-Pestizid Fludioxonil entdeckt hatte.
Die Landwirtschaftsministerin will in der gemeinsamen Sitzung von Umwelt-, Landwirtschafts- und Gesundheitskommission im Plenarsaal der Chamber Ängste und Sorgen über mögliche Gesundheitsrisiken aus dem Weg räumen – und hat deshalb gleich eine Reihe von wissenschaftlichen Mitarbeitern mitgebracht, die den Abgeordneten zunächst einen Crash-Kurs in Toxikologie bieten, um im Anschluss die Daten der Luxemburger Veterinär- und Lebensmittelverwaltung (ALVA) zu analysieren. Diese zeigen, dass zwischen 2010 und 2025 kein einziger kontrollierter luxemburgischer Apfel den sogenannten regulatorischen Grenzwert an Pestizidrückständen überschritten hat. Und selbst wenn, erklärt ein Wissenschaftler, bedeute das noch lange kein Gesundheitsrisiko – der regulatorische Grenzwert sei weit unter einer Schwelle möglicher Gefahren angesiedelt.
Hansen verteidigt die hohen Standards der hiesigen Lebensmittelsicherheit: Zum einen habe Luxemburg mit die höchste Kontrollfrequenz für Pestizidrückstände in der EU. Was die Anzahl an Proben pro 100.000 Einwohner angeht, liegt das Großherzogtum auf Platz drei hinter Litauen und Bulgarien. Außerdem sei es in den vergangenen Jahren zu einem deutlichen Rückgang des Einsatzes von Pestiziden gekommen. Die Ziele der „Farm-to-Fork“-Strategie der EU-Kommission erfüllt Luxemburg in dieser Hinsicht bereits, das im nationalen Aktionsplan zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln von 2017 selbst gesteckte Ziel, bis 2027 50 Prozent weniger zu spritzen, liegt laut Ministerium aktuell bei 30 Prozent.
Bislang kein europäischer Grenzwert
In der vergangenen Woche hatten „déi gréng“ Aufmerksamkeit auf das Thema PFAS gelenkt, als die beiden Chamber-Abgeordneten Joëlle Welfring und Djuna Bernard ihr eigenes Blut auf diese sogenannten Ewigkeitschemikalien (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz: PFAS) testen ließen. Sie tragen ihren Namen, weil sie kaum abbaubar sind und über Abfälle in Gewässer, Trinkwasser, Böden, Agrarerzeugnisse, Wein und andere Konsumgüter gelangen und sich „ewig“ dort halten.
Mit diesen Ewigkeitschemikalien hat sich auch eine ministerienübergreifende Arbeitsgruppe beschäftigt, deren Bericht Umweltminister Serge Wilmes (CSV) an diesem Mittwoch vorstellt. Einen Schwerpunkt legt der Minister dabei vor allem auf die Absicherung des Trinkwassers. Die Arbeitsgruppe, so Wilmes, sei ins Leben gerufen worden, nachdem das Wasserwirtschaftsamt (AGE) Trifluoressigsäure (TFA), eine spezielle Ewigkeitschemikalie, im Luxemburger Wasser festgestellt hatte. Grund zur Besorgnis gebe es aber laut Ministerium nicht. „Bisher ist in Luxemburg keiner dieser Werte überschritten worden“, sagt Wilmes im Hinblick auf die europäischen PFAS-Grenzwerte.
Tom Schaul, im Umweltministerium zuständig für die Wasserwirtschaft, erklärt den Abgeordneten, dass man für die Untersuchung von TFA Orientierungswerte aufgesetzt habe, weil es für diese spezielle Chemikalie noch keinen offiziellen europäischen Grenzwert gebe. Aber auch diese Messungen (max. 2,5 Mikrogramm pro Liter) haben deutlich unter dem Orientierungswert (12 Mikrogramm) gelegen. Wilmes versichert indes, er habe die EU-Kommissarin für Umwelt, Jessika Roswall, schon mehrfach daran erinnert, dass es dringend einen europäischen Grenzwert für TFA brauche.
Überhaupt unterstreicht Wilmes an diesem Tag die internationale Dimension des Problems. „Es braucht einen konzertierten und harmonisierten internationalen Ansatz“, so der Umweltminister, um wirkungsvoll Prävention zu betreiben und zu verhindern, dass Ewigkeitschemikalien in Trinkwasser und Lebensmittel gelangen. Weil PFAS sich aber auch in Kühlmitteln, zum Beispiel in Kühlschränken, aber auch in Wärmepumpen befinden, und diese oft importiert werden, ist es für den Minister offensichtlich, dass es einen ganzheitlichen Ansatz braucht.
Der Bericht der Ministerien enthält auch 40 konkrete Handlungsanweisungen. Da die Wissenslage über Ewigkeitschemikalien noch sehr dünn ist, schlägt die Arbeitsgruppe vor, in einem ersten Schritt weitere Informationen vor allem zu den Ursachen der Verschmutzung zu sammeln. Dafür brauche es auch weitere Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der hiesigen Industrie. In weiteren Schritten soll dann das Risiko, sich Ewigkeitschemikalien auszusetzen, minimiert und die Öffentlichkeit transparent über Studien und Datenlage informiert werden.
Kritik aus Reihen der „gréng“
Unmut gibt es an diesem Mittwochmorgen vor allem bei den Grünen. Djuna Bernard kritisiert nach der Vorstellung des Berichts die Organisation der Kommissionssitzung mit zu vielen Tagesordnungspunkten. Weil die Vorstellung des Berichts die vorgesehene Sitzungszeit sprengt, muss Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) die Sitzung bereits verlassen, bevor die Abgeordneten die Möglichkeit haben, ihr Fragen zu stellen. Bernard kritisiert außerdem, dass der 70-seitige Bericht den Abgeordneten nicht im Vorfeld zur Verfügung gestellt wurde, um sich besser auf Fragen vorzubereiten. Wilmes verteidigt sein Vorgehen damit, dass der Bericht erst kurz vor der Kommissionssitzung fertiggestellt worden sei. Raum für eine sicherlich notwendige Debatte zum Thema PFAS bietet eine Interpellation im Sitzungsplan der Chamber in der kommenden Woche.