Editorial
Trump entgleitet der Nahe Osten: Keine Lösungen für Konflikte in der Region in Sicht
Donald Trumps Unvermögen führt dazu, dass immer mehr Staaten im Nahen Osten abseits der USA ihre eigenen Wege gehen.
US-Präsident Donald Trump irrlichtert durch die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten Foto: AFP/Jim Watson
Die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran hält derzeit wieder, doch wie es zwischen den beiden Kriegsparteien weitergehen soll, ist alles andere als klar. Und daran dürfte sich auch in den nächsten Wochen und Monaten nichts Wesentliches ändern. Es sei denn, US-Präsident Donald Trump bläst zum Rückzug und belässt die Situation in der Golfregion im gegenwärtigen Zustand. Denn die Ziele, die er mit seinem Waffengang gegen die Islamische Republik verfolgt, wird er nicht erreichen. Es sei denn, er geht „all in“, wie es so schön heißt, und setzt die geballte Feuerkraft der Vereinigten Staaten ein. Doch beides kann und wird er nicht tun. Auch wenn Trump in der Vergangenheit solche Aussagen bereits widerlegt hat. Demnach dürfte der momentane Status quo – neuerliche Scharmützel, Verhandlungsversuche, gegenseitige Drohungen –, vielleicht mit einigen Abweichungen, auf unbestimmte Zeit anhalten.
Die US-Blockade, die das wirtschaftlich ohnehin geschwächte Land täglich 377 Millionen Euro kostet, und die Sanktionen könnten für den US-Präsidenten zu einem Ausweg führen, spekulierte dieser Tage das Wall Street Journal. Dabei erwartet die Zeitung auch noch, dass sich Trump in Geduld übt. Die Realitätsferne scheint sich demnach jenseits des Atlantiks breitflächiger Bahn zu brechen.
Was vielmehr geschieht, ist, dass Donald Trump zusehends der gesamte Nahe und Mittlere Osten entgleitet. Denn das Debakel, das sich das Weiße Haus mit dem Iran-Krieg eingehandelt hat, zeitigt bereits erste Reaktionen. So stellten vergangene Woche die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan im symbolträchtigen Mekka ein neues Verteidigungsbündnis vor, das ähnlich dem NATO-Vertrag auf einer Beistandsklausel basiert. Das heißt: Ein Angriff auf einen Bündnispartner wird als Angriff auf alle angesehen. Insbesondere Saudi-Arabien scheint in den Vereinigten Staaten keinen verlässlichen Partner mehr zu erkennen. Und auch der NATO‑Verbündete Türkei setzt außerhalb des transatlantischen Bündnisses auf neue Partner.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beteuerte zwar, dass sich die Allianz gegen niemanden richte, auch nicht gegen den Iran. Dennoch dürften die Mullahs in Teheran, die mit Trumps Hilfe ihren Status als Regionalmacht in den letzten Monaten festigen konnten, nun ein Argument mehr haben, den Bau einer Atombombe voranzutreiben. Insbesondere da dem sunnitischen Dreierbündnis, dem sich möglicherweise Ägypten anschließen könnte, die Nuklearmacht Pakistan angehört.
Israel wiederum hat Trumps Friedensplan für den Gazastreifen abgelehnt, sodass auch hier ein Weiterkommen hin zu einer Beilegung des Konflikts weiter aufgeschoben ist. Zumindest bis zu den Wahlen in Israel am 27. Oktober. Es sind nicht nur die Meinungsverschiedenheiten über das Vorgehen im Gazastreifen – sollte sich zuerst das israelische Militär zurückziehen oder vorher die Hamas entwaffnet werden? –, sondern das nach Ansicht des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu unentschlossene Vorgehen Trumps gegen den iranischen Erzfeind, das die beiden entzweit hat.
Damit hat die ohnehin komplizierte Region an Unwägbarkeiten und Komplexität zugenommen, was vor allem auch ein Resultat von Donald Trumps politischer Inkompetenz ist. Am Ende dürften die USA den gesamten Nahen und Mittleren Osten noch instabiler gemacht haben, als er es ohnehin schon war.