Editorial
Die große Ablenkung: Sportliche Großereignisse und das plötzliche Vergessen
Sportliche Großereignisse scheinen nach ihren eigenen Gesetzen zu funktionieren. Wochenlang wird über Politik, Menschenrechte oder Klimaschutz diskutiert. Doch mit dem ersten Anpfiff verlieren diese Themen oft schlagartig an Aufmerksamkeit.
Seit der Ball rollt, sind viele der im Vorfeld geführten Diskussionen über die XXL-WM plötzlich vergessen Foto: AFP/Alfredo Estrella
Am 11. Juni begann die Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA. Das Turnier der Superlative sorgte im Vorfeld allerdings vor allem wegen politischer Themen für hitzige Diskussionen.
So musste die iranische Nationalmannschaft ihr ursprünglich in den USA geplantes Basiscamp nach Mexiko verlegen und durfte nur an den jeweiligen Spieltagen in die Vereinigten Staaten einreisen. Funktionären, Fans, Journalisten und sogar einem Schiedsrichter aus afrikanischen Ländern, Haiti oder dem Iran wurde die Einreise in die USA verweigert oder sie wurde erheblich erschwert.
Auch die enge Beziehung zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump wurde kontrovers diskutiert. Hinzu kam Kritik am logistischen Gigantismus des Turniers: 48 Mannschaften, drei Gastgeberländer und Tausende Flugmeilen, die die Teams zwischen den Spielorten zurücklegen müssen – und das in einer Zeit, in der der Klimawandel immer stärker in den Fokus rückt.
Doch seit der Ball rollt, entsteht der Eindruck, dass das Sportliche wieder klar im Mittelpunkt steht und viele dieser Debatten beinahe in Vergessenheit geraten sind. Stattdessen wird über Ronaldo, Messi oder Haaland gesprochen, über das blamable Ausscheiden der DFB-Elf, rudernde Norweger, feierfreudige Schotten oder Japaner, die – wie schon so oft – nach den Spielen den Müll auf den Tribünen einsammeln.
Dass die Diskussionen geringer geworden sind, hat dabei nicht einmal etwas damit zu tun, dass sich Donald Trump bis Mittwochabend bei keinem Spiel hat blicken lassen. Es ist vielmehr ein Phänomen, das sich immer wieder beobachten lässt. So war es bereits vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft in Katar, als kaum noch über Menschenrechte gesprochen wurde. Oder 2018 in Russland, als die geopolitischen Aggressionen des Gastgebers und das staatlich organisierte Doping während des Turniers in den Hintergrund rückten.
Dieses Muster beschränkt sich dabei nicht nur auf Fußball-Weltmeisterschaften. Auch bei Olympischen Spielen scheinen Themen wie Klimawandel, Menschenrechte, Korruption oder Doping mit dem ersten Startschuss plötzlich an Bedeutung zu verlieren.
Da stellt sich die Frage: Brauchen die Menschen in politisch schwierigen Zeiten wie diesen einfach eine Möglichkeit, abzuschalten? Zumindest gibt es Hinweise darauf. Laut dem SKL-Glücksatlas haben sportliche Großereignisse wie eine Fußball-Weltmeisterschaft einen messbaren positiven Einfluss auf das Wohlbefinden der Gesellschaft. Einer Studie zufolge lag die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Deutschen während der Europameisterschaft 2024 so etwa um 0,15 Punkte höher als vor und nach dem Turnier.
Sport verbindet Menschen, erleichtert Integration und spricht eine universelle Sprache. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum gesellschaftliche und politische Konflikte während großer Sportereignisse zumindest vorübergehend in den Hintergrund treten.
Immerhin hat sich – im Schatten der Fußball-Weltmeisterschaft – das Internationale Olympische Komitee entschieden, seinen Vergabeprozess für Olympische Spiele anzupassen. Bewerber für die Spiele 2036 erhalten nun drei weitere Jahre Zeit. Vielleicht ist das ein erster Schritt, um künftig Austragungsorte zu finden, die bereits im Vorfeld weniger Anlass zu politischen Diskussionen geben.