Editorial

Ohne Bürgerbeteiligung trifft der Radweg auf Unverständnis

Weniger Parkplätze, neue Radwege, Tempo 30: Sobald Klimaschutz konkret wird, fürchten viele Politiker den Widerstand. Die Escher Bürgerversammlung zeigt jedoch, dass Bürger einschneidende Maßnahmen mittragen können – wenn sie frühzeitig informiert und beteiligt werden.

Einbahnstraße auf der Kanalstraße mit kritischen Gastronomen und veränderten Verkehrsbedingungen

Die Umgestaltung der Kanalstraße zur Einbahnstraße sorgte bei Teilen der betroffenen Gastronomen für Kritik Foto: Editpress/Julien Garroy

Weniger Parkplätze, höhere Gebühren, Tempo 30, gesperrte Straßen, neue Fahrradspuren, Baustellen vor der Haustür: Kaum werden Klimaschutzmaßnahmen konkret, wachsen auch die politischen Ängste. Viele Politiker scheuen solche Schritte. Zu groß ist die Sorge, an der Urne abgestraft zu werden. Dabei muss das nicht der Fall sein. Wer Bewohner früh einbezieht, erhöht die Bereitschaft, einschneidende Maßnahmen für Klimaschutz und Klimaanpassung mitzutragen.

Dabei ist die Frage längst nicht mehr, ob Städte sich verändern müssen. Die jüngste Hitzewelle in Europa wäre ohne den menschengemachten Klimawandel wohl deutlich weniger heftig ausgefallen. „Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich“, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Studie der internationalen Forschungsgruppe „World Weather Attribution“. In Remich wurde am selben Tag mit 41,1 Grad zudem eine neue Rekordtemperatur für Luxemburg gemessen.

Die erste Escher „Assemblée citoyenne“ zeigt, dass die Bevölkerung für Veränderungen womöglich weiter ist, als es die politische Rhetorik vermuten lässt. Sechs Monate lang diskutierten 40 unterschiedlichste Einwohner, erhielten Informationen und wogen Interessen ab. Am Donnerstag präsentierten sie mehr als 70 Einzelmaßnahmen. Darunter: ein grüneres Zentrum, weniger Autoverkehr und mehr Radwege.

Dass sich eine so unterschiedlich zusammengesetzte Gruppe auf Vorschläge einigen kann, die politisch oft als heikel gelten, ist nicht selbstverständlich. „Am Anfang lagen teilweise völlig gegensätzliche Ideen auf dem Tisch“, sagte Teilnehmer René Reimen. Durch Dialog habe sich jedoch fast immer ein gemeinsamer Nenner gefunden. Wer nur hört, dass Parkplätze wegfallen oder eine Straße umgestaltet wird, sieht zunächst den eigenen Nachteil. Wer zugleich versteht, dass dadurch kühlere Plätze, weniger Lärm, sichere Wege und mehr Aufenthaltsqualität entstehen sollen, kann anders urteilen.

Wie schnell eine grundsätzlich sinnvolle Maßnahme an Akzeptanz verlieren kann, zeigte vergangenes Jahr die Umgestaltung der Kanalstraße. Die Kommune machte die Straße zur Einbahnstraße, um Platz für einen Radweg zu schaffen und die Sicherheit zu erhöhen. Die betroffenen Gastronomen beschwerten sich über kompliziertere Zufahrten und einen deutlichen Rückgang ihrer Kundschaft. Ob die neue Verkehrsführung allein dafür verantwortlich ist, lässt sich kaum beantworten. Doch viele fühlten sich mit ihren Sorgen nicht ausreichend abgeholt. Wenn Politik nicht erklärt und zu spät zuhört, sehen die Bewohner nur die weggefallenen Parkplätze – nicht den Nutzen.

Klimaschutz braucht politischen Mut – dringend. Dieser Mut besteht nicht darin, Maßnahmen rasch durchzudrücken und anschließend auf Verständnis zu hoffen. Er besteht darin, früh mit den Bewohnern eines betroffenen Viertels nach Lösungen zu suchen. Die „Assemblée citoyenne“ hat gezeigt, dass dies mithilfe von guter Moderation und fachlichen Informationen gelingen kann. Nun ist die Escher Politik am Zug: Sie muss die Empfehlungen der Bürgerversammlung ernst nehmen und nachvollziehbar sagen, was umgesetzt wird, was nicht und warum das geschieht.

2 Kommentare
Peggy Simon 29.06.202614:03 Uhr

Als gebürtige Escherin besuche ich Esch an sich gerne, es ist aber in letzter Zeit schwer möglich.Vom Norden in den Süden ist schon schwierig aber einen Parkplatz in Esch noch schwieriger. Da fahre ich doch lieber zum Shopping nach Luxembourg Stadt.

Grober J-P. 29.06.202612:44 Uhr

Weniger Parkplätze, apropos. Habe mal im Süden von E-Rikscha profitiert, vom Parkhaus bis zum Restaurant und wieder zurück, für eine Minigebühr. Vom Brill bis zum "Meereswerk", was würde das Schule machen, und Pincanha würde noch besser schmecken, da vorher kein Stress bei der Platzsuche.
Und wieder 2 Jobs geschaffen.

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