Editorial
Ausgemolken: Von Ekabe bleibt nur das Etikett
Ekabe bleibt. Die Luxemburger Milch, auf der die Marke aufgebaut wurde, nicht. Was Lactalis gerade mit 70 Milchbauern macht, ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn regionale Ernährungsstrukturen in Konzernhände geraten.
Hier fließt bald keine Luxemburger Milch mehr Foto: Editpress/Julien Garroy
Fast ein Siebtel aller Luxemburger Milchbauern verlieren auf einen Schlag ihren Abnehmer. 56 Millionen Liter Milch suchen einen neuen Käufer. Dringend. Denn Ekabe, die Luxemburger Traditionsmarke unter dem Dach des französischen Milchriesen, hat keine Verwendung mehr für das Produkt heimischer Kühe.
Lactalis spricht von einer „schwierigen, aber unvermeidbaren Entscheidung“. Mit der Formulierung definieren Konzerne seit Jahrzehnten Verantwortung aus ihren Bilanzen. Unvermeidbar. Als hätte die unsichtbare Hand des Marktes entschieden und nicht ein Vorstand in Laval. Lactalis ist mit knapp 28 Milliarden Euro Milchumsatz der weltgrößte Molkereikonzern. Was für 70 Luxemburger Familienbetriebe eine Existenzkrise ist, war für diesen Konzern ein Tagesordnungspunkt im 11-Uhr-Meeting.
Die Logik ist nachvollziehbar, aber wir sollten aufhören, sie zu normalisieren. Denn was hier passiert, ist keine Marktkorrektur. Es ist die sauber exekutierte Entwertung einer regionalen Lieferkette durch einen Akteur, der nie vorhatte, Verantwortung für das Territorium zu übernehmen, in dem er wirtschaftet. Ekabe wurde gekauft – der Name, die Infrastruktur, die Geschichte und mit ihr auch das Vertrauen der Konsumenten. Die Landwirte haben Millionen investiert, ihre gesamte Existenz auf die Milchproduktion aufgebaut. Nun werden sie fallen gelassen, während die Marke weiterläuft, befüllt mit billiger Importmilch, garniert mit Luxemburger Heimatgefühl. Das ist Etikettenschwindel.
Ernährungssouveränität ist kein Buzzword aus dem Agrarministerium. Sie bedeutet, dass eine Gesellschaft die Kontrolle über das behält, was auf ihren Tellern landet – über Produktion, Verarbeitung, Vermarktung. Weltweit wurde diese Kontrolle teilweise aufgegeben, weil multinationale Konzerne wie Lactalis, Danone oder Nestlé als krisensichere Giganten in einer Welt des Überflusses auch aus der notorisch auf Kante genähten Lebensmittelindustrie noch Rendite schlagen konnten. Und Rendite, das wissen wir, ist ganz wichtig und gut. Zumindest so lange, wie wir Europäer die Nutznießer der Konzerngewinne sind. Die Länder des globalen Südens wissen längst, dass die Gewinnspanne dieser Konzerne sich am Grad ihrer Ausbeutung errechnet.
Was jetzt passiert, ist keine Überraschung, sondern die logische Konsequenz: Wer sein Ernährungssystem an Akteure mit globalen Optimierungszielen auslagert, darf sich nicht wundern, wenn lokale Resilienz nicht auf der Prioritätenliste steht.
Das Gegenmittel liegt auf der Hand — und es existiert bereits. Luxlait ist eine Genossenschaft: Die Lieferanten sind Eigentümer, kein Vorstand kann einfach beschließen, die Rohstoffbasis gegen billigere Importware auszutauschen. Arla, FrieslandCampina, die großen deutschen Molkereigenossenschaften funktionieren nach derselben Logik. Luxlait-Chef Gilles Gerard hat recht, wenn er sagt, luxemburgische Milch sei kein beliebig austauschbarer Rohstoff. Nur hat dieser Satz strukturelle Wirkung allein dort, wo Eigentumsrechte ihn absichern. Das Ekabe-Debakel zeigt, was passiert, wenn sie es nicht tun.
Die Politik darf sich jetzt nicht mit Betroffenheitsrhetorik begnügen. Was es braucht, sind Konsequenzen: genossenschaftliche Strukturen stärken, das Herkunftslabeling für Konsumenten ausbauen, und – konkret und sofort umsetzbar – öffentliche Einrichtungen verpflichten, Milchprodukte und Lebensmittel generell aus Luxemburger Produktion zu beziehen, soweit verfügbar. Schulkantinen, Krankenhäuser, Ministerien: Der Staat ist ein großer Abnehmer. Er kann seine Marktmacht hier zum Guten nutzen. Bevor die Milch sauer wird.