„Nichts davon ist anonym“
Krankenhausdirektoren weisen Vorwurf anonymen Denunziantentums in Wilmes-Affäre zurück
Nach der Suspendierung von Philippe Wilmes sprach dieser von anonymen Anschuldigungen. Die Leiter von HRS und CHL stellen klar: Die Vorwürfe sind nicht anonym, sondern stammen von bekannten Fachkollegen und Patienten.
Wilmes zufolge sind die Vorwürfe anonym, doch das bestreiten die Direktoren der HRS und des CHL Fotos: Editpress/Herve Montaigu, Alain Rischard
Der Fall um den Orthopäden Philippe Wilmes beschäftigt Luxemburg weiterhin. Vor zwei Wochen erließ die CSV-Gesundheitsministerin Martine Deprez eine Verordnung, die seine medizinische Tätigkeit einschränkt. Drei Monate lang darf er vorläufig nicht operieren.
Wilmes selbst bestreitet die Vorwürfe. Der Orthopäde argumentiert, dass für seine Suspendierung keine Beweise, sondern nur Vorwürfe weitgehend anonymer „Denunzianten“ vorliegen würden. Das „Collège médical“ habe diese Vorwürfe dann als Fakten an die Gesundheitsministerin weitergeleitet. Wilmes sprach in den vergangenen Wochen von einer „politischen Intrige“ und einer „Hexenjagd“. Auch in einem Schreiben an seine Patienten wies er die gegen ihn vorliegenden Vorwürfe als „anonym und unbegründet“ zurück. Über seinen Anwalt hatte er zudem die rechtliche Grundlage seiner Suspendierung anzweifeln lassen.
Worum es geht
Dem Orthopäden Philippe Wilmes wird vorgeworfen, bei Kreuzbandoperationen am Knie Eingriffe zur Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes vorgenommen zu haben, die medizinisch nicht indiziert gewesen sein sollen. Ärzte aus dem CHL sprechen von auffälligen Abweichungen zwischen Anamnese, klinischer Untersuchung, Bildgebung und der gewählten OP-Methode. Aus dem Brief des „Collège médical“ an Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) geht hervor, dass Wilmes auch nachträglich die Änderung eines Bildgebungsberichtes eingefordert haben soll, um eine Operation zu rechtfertigen. Mehrere Patienten, mit denen das Tageblatt sprechen konnte, bekräftigten die Vorwürfe. (siw)
„Nein, es sind keine anonymen Vorwürfe“, sagt hingegen der Direktor der „Hôpitaux Robert Schuman“ (HRS), Dr. Marc Berna, am Dienstag im gemeinsamen Interview mit der CHL-Direktorin Dr. Martine Goergen gegenüber RTL. Die sechs CHL-Ärzte, die sich Anfang Januar an ihre Direktorin richteten, seien „Fachkollegen, die sich sehr gut in der Disziplin auskennen, seit vielen Jahren im Land tätig sind und auch europaweit stark vernetzt sind – insbesondere in der Kniepathologie“.
Das bestätigt auch Goergen: „Nichts daran ist anonym: weder die Ärzte, die den Brief geschrieben haben, noch die Patienten“, sagt sie gegenüber RTL. Die betroffenen Ärzte seien „erfahrene Fachleute mit guter nationaler und internationaler Reputation“. Was die Patienten betrifft, so seien Zweitmeinungen eingeholt worden – sowohl bei Patienten, die noch nicht operiert wurden, als auch bei solchen, die bereits einen Eingriff hinter sich hatten und weiterhin über Probleme klagten.
Keine Konkurrenz zwischen Krankenhäusern
Philippe Wilmes ist laut Berna „ein Arzt mit hoher operativer Aktivität“, allerdings sei das allein keine Auffälligkeit. In diesem Fachbereich gebe es „generell eine hohe Operationszahl“. Darüber hinaus gehe nicht darum, ob Wilmes ein guter oder schlechter Arzt sei, sondern ob in den vorliegenden Fällen der richtige Patient zum richtigen Zeitpunkt die richtige Operation erhalten habe. Das zu klären, sei eine Aufgabe für die genannten Experten. Berna warnt außerdem davor, die Ärzteschaft insgesamt unter Generalverdacht zu stellen.
Goergen betont, dass es bei der Affäre nicht um Konkurrenz zwischen Krankenhäusern oder Abteilungen gehe. Es handele sich nicht um „angestellte Medizin gegen liberale Medizin“. Es gehe allein um Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung. „Der Kodex schreibt vor, Kollegen nicht zu denunzieren. Doch wenn die Sicherheit der Patienten betroffen ist, hat jeder Arzt die Pflicht, Hinweise zu melden“, so die CHL-Direktorin. (les)