Forum – Serie zur Energiewende

Warum wir wissen, was zu tun ist – und trotzdem zögern

Diese Serie befasst sich mit den technischen und organisatorischen Herausforderungen der Energiewende in Luxemburg sowie mit den wichtigsten Hebeln und Chancen. Im fünften Teil geht es darum, wieso der Mensch in puncto Klimawandel weiß, was zu tun ist, und dennoch nicht sofort handelt.

Windräder in Trierweiler

Windräder in Trierweiler Foto: Guido Romaschewsky

Der Mensch versteht sich gern als Beobachter der Natur – dabei ist er ihr größter Umgestalter. Menschliche Aktivität eignet sich schätzungsweise ein Fünftel bis ein Drittel der pflanzlichen Nettoprimärproduktion an, die durch Photosynthese jährlich entsteht und die Grundlage praktisch aller Nahrungsketten bildet.1) Von neun planetaren Belastungsgrenzen, die ein sicheres Fortbestehen der Zivilisation markieren, sind inzwischen sechs überschritten: Klima, Biosphäre, Landnutzung, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, neuartige Stoffe und Süßwasser.2) Der Mensch ist somit integraler und zunehmend destabilisierender Teil des Ökosystems Erde, nicht bloß Zuschauer.

Zur Person

Warum wir wissen, was zu tun ist – und trotzdem zögern

Paul Zens, Spezialist in Humanwissenschaften, ist seit 2020 Präsident von Eurosolar Lëtzebuerg asbl, die sich seit vielen Jahren für technische und gesellschaftliche Wertschöpfung mittels erneuerbarer Energien einsetzt.

Warum handeln wir dann nicht entsprechend? Verhaltensökonomische Forschung zeigt, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleich große Gewinne und dem Status quo einen eigenen, oft irrationalen Wert beimessen: Veränderung wirkt zunächst bedrohlich, selbst wenn sie objektiv vorteilhaft wäre. Die klassische Mikroökonomie geht von einem rationalen Akteur aus, der die Kosten und Nutzen abwägt. Herbert Simons Konzept der „begrenzten Rationalität“ korrigiert dies: Menschen entscheiden mit begrenzter Information und Zeit und verlassen sich auf Daumenregeln.3) Wandel muss also einfach, sichtbar und unmittelbar lohnend sein, um akzeptiert zu werden.

Beim Klimawandel kommt die kognitive Dissonanz hinzu: 85 Prozent der Europäerinnen und Europäer halten den Klimawandel für ein ernstes Problem, 81 Prozent unterstützen die EU‑Ziele der Klimaneutralität bis 2050.4) Gleichzeitig zeigt eine Untersuchung des „Observatoire de la politique climatique“ in Luxemburg, dass Befragte die Wirkung einfacher Maßnahmen wie Recycling überschätzen und wirksamere, aber aufwendigere Schritte wie Wärmedämmung unterschätzen.5) Das Wissen ist da, das Verhalten bleibt dahinter zurück – und um diese Spannung aufzulösen, wählt der Mensch selten den anstrengendsten Weg, die eigene Lebensweise zu ändern, sondern wertet Alternativen ab oder verweist auf die vermeintlich geringe Wirkung des eigenen Beitrags.

Eigeninteresse und Zusammenhalt

Genau hier setzen Energiegemeinschaften an. Wer Strom mit Nachbarn oder in einer Kooperative teilt, profitiert unmittelbar: Beim kollektiven Eigenverbrauch senkt gemeinsam genutzter Solarstrom direkt die eigene Rechnung, ohne technisches Vorwissen.6) Anders als bei staatlichen Subventionen, deren Wirkung abstrakt bleibt, erlebt jedes Mitglied den Zusammenhang zwischen der eigenen Entscheidung, mitzumachen, und dem Ergebnis auf der Rechnung – ohne Verzicht auf Komfort. Es wird nicht weniger geheizt, sondern gemeinsam und effizienter eingekauft. Diese Verbindung aus Eigeninteresse, Selbstwirksamkeit und Zusammenhalt macht Kooperativen zu einem seltenen Fall, in dem ökologisch Sinnvolles und individuell Attraktives zusammenfallen – und löst genau jene Dissonanz auf, die sonst Verhaltensänderung verhindert.

Individuelles Verhalten ist aber nur die halbe Geschichte. Im marktwirtschaftlichen System orientieren sich Unternehmen an maximaler Rendite – und deren zuverlässigster Quelle ist aber nicht der freie Wettbewerb, sondern seine Einschränkung: Marktmacht, Monopolstellungen oder Kartellabsprachen schützen bestehende Geschäftsmodelle vor Wandel. Wo ein etabliertes Modell wie der Verkauf fossiler Energieträger über Jahrzehnte enorme Gewinne abwirft, liegt der naheliegende erste Schritt nicht in der eigenen Disruption, sondern in deren Verzögerung.

Diese Verzögerung ist gut dokumentiert. Eine Analyse von über 100 ExxonMobil-Dokumenten aus den Jahren 1972 bis 2019 durch die Harvard University zeigt, wie die Kommunikationsstrategie des Konzerns von offener Leugnung zu subtilerer „Verzögerungsrhetorik“ wechselte – mit Mustern, die denen der Tabakindustrie ähneln, die jahrzehntelang den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs bestritt.7) Nach der Fusion von Exxon und Mobil 1999 wurde der Klimawandel in Mitteilungen fast nur noch als „Risiko“ statt Realität bezeichnet – ein Begriff, der danach deutlich häufiger auftauchte.8) Diese Verschiebung der Verantwortung auf Konsumenten ist, so eine Studie, ein Echo der Taktik, mit der die Tabakindustrie ihre eigene Haftung abwehrte.9)

Hoher Verbrauch an Fossilen

Der Effekt lässt sich beziffern. Die fünf größten Öl- und Gaskonzerne und ihre Lobbyverbände gaben seit 2010 mindestens 251 Millionen Euro für EU-Lobbyarbeit aus.10) ExxonMobil allein meldete für 2025 rund 4 bis 4,5 Millionen Euro.11) Ziel ist selten die Beschleunigung des Ausstiegs, sondern seine Streckung. 2026 fließen weltweit rund 1,2 Billionen US-Dollar in fossile Förderung – gegenüber 2,2 Billionen für Erneuerbare, Netze und Effizienz zusammen.12) Trotzdem wächst der Energieverbrauch schneller, als Fossile verdrängt werden: 2024 deckten Kohle, Öl, und Gas noch rund 86 Prozent des globalen Verbrauchs – kaum weniger als vor einem Jahrzehnt.13) Es findet bislang keine Substitution statt, sondern eine Addition: Erneuerbare kommen hinzu, Fossile bleiben.

Genau hier setzt die Energiesuffizienz an. Ihr Grundsatz ist unbequem einfach: Die beste Energie ist die, die gar nicht erst gebraucht wird.14) Keine wirtschaftliche Aktivität kommt ohne Energie aus – Wachstum war stets an wachsenden Energieeinsatz gekoppelt. Die Annahme, fossile Energieträger könnten diesen Bedarf beliebig lange decken, hat die Frage nach seiner Größe lange verdrängt. Suffizienz fragt nicht nur, woher die Energie kommt, sondern auch, wie viel davon für ein gutes Leben nötig ist.

Der Mensch ist Teil eines Ökosystems, dessen Grenzen er längst überschritten hat, und der weiß das inzwischen sehr genau. Dass er trotzdem zögert, liegt nicht am fehlenden Wissen, sondern an psychologischer Trägheit, an wirtschaftlichen Interessen, die von Verzögerung profitieren, und an einer über Jahrhunderte gewachsenen Abhängigkeit von fossiler Energie. Energiegemeinschaften zeigen, dass sich diese Trägheit überwinden lässt, wenn Wandel sich unmittelbar lohnt. Die Aufgabe ist, dieses Prinzip auf größere Maßstäbe zu übertragen – gegen den Widerstand jener, deren Geschäftsmodell von der Verzögerung lebt.

1) Vitousek et al., „Human Appropriation of the Products of Photsynthesis“ (1986), zitiert nach Haberl et al., „Human Appropriation of Net Primary Production: Patterns, Trends and Planetary Boundaries“, Annual Review of Environment and Resources; globale Schätzung 19-40% (Typischerweise ein Viertel), https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-environ-121912-094620

2) Richardson et al., „Earth beyond six of nine planetary boundaries“, Science Advances, 13.09.2023 (Klimawandel, Biosphärenintegrität, Landsystemwandel, biochemische Flüsse, neuartige Stoffe, Süßwasser als überschrittene Grenzen), DOI: 10.1126/sciadv.adh2458

3) Herbert A. Simons „Theories of Decision-Making in Economics and Behavioral Science“. The American Economic Review, Bd 49, Nr 3, 1959, S. 253-283; siehe auch Wikipedia, „die begrenzte Rationalität“, https://de.wikipedia.org/wiki/Begrenzte_Rationalität

4) Europäische Kommission, Eurobarometer-Umfrage zum Klimawandel, 30.06.2023 (85% halten Klimawandel für sehr ernstes oder ziemlich ernstes Problem, 81% EU27 unterstützen Klimaneutralitätsziel 2050). https://germany.representation.ec.europa.eu/news/eurobarometer-umfrage-grosse-mehrheit-unterstützt-ziel-der-klimaneutralitat-2025-06-30_de

5) Woxxx.lu, „Meinungsumfrage: Der Klimakonsens“ (Bericht des Observatoire de la politique climatique OPC, zur Diskrepanz zwischen Besorgnis und Verständnis 6) wirksamer Klimaschutzmaßnahmen, https://www.woxx.lu/meinungsumfrage-der-klimaschutzkonsens/

6) Creos, „Ich teile meine Energie“ – kollektiver Eigenverbrauch und Energiegemeinschaften, https://www.creos-net.lu/de/privatkunden/stromanschluss/ich-teile-meine-energie

7) Supran/Oreskes, Harvard University, Studie zu über 200 öffentlichen und internen ExxonMobil-Dokumenten 1972-2019, zitiert nach CNN Business, „Exxon uses Big Tobacco's playbook to downplay the climate crises, Harvard study finds“, 13.05.2021, https://www.cnn.com/2021/05/13/business/exxon-climate-change-harvard/index.html

8) ABC17NEWS, „ Exxon uses Big Tobacco's playbook to downplay the climate crisis, Harvard study finds“, 25.05.2021 (Häufigkeit des Begriffs „Risiko“ vor und nach Exxon-Mobil-Fusion 1999), https://abc17news.com/money/2021/05/25/exxon-uses-big-tobaccos-plysbook-to-doewnplay-the-climate-crises-harvard-study-finds/

9) Harvard gazette, „Oil companies discourage climate action, study says“, Interview mit Geoffrey Supran, https://news.harvard.edu/gazette/story/2021/09/oil-companies-discourage-climate-action-study-says/

10) Friends of the Earth Europe, „ Big oil spent over 250 million euros lobbying the EU“ (BP, Chevron, ExxonMobil, Shell, Total und Verbände seit 2010), https://friendsoftheearth.eu/press-release/big-oil-spent-over-250-million-euros-lobbying-the-eu/

11) Reclaim Finance, „ Have fossil fuel lobbyists captured the European Parliament?“, 25.03.2026 (ExxonMobil-Lobbyausgaben 2025 : 4-4,5 Moi. Euro), https://reclaimfinance.org/site/en/2026/03/25/have -fossil-fuel-lobbyists-captured-the-european-parliament/

12) IEA, „World Energy Investment 2026“ (globale Energieinvestitionen 2026: rund 3,4 Billionen USD, davon rund 1,2 Billionen für Öl, Erdgas und Kohle sowie rund 2,2 Billionen für Erneuerbare, Netze, Speicher und Effizienz), https://iea.blob.core.windows.net/assets/64594543-cf6e-4fd9-8238-d3cae35daf48/WorldEnergyInvestment2026.pdf

13) Taz.de, „Bericht zum globalen Energieverbrauch: mehr Erneuerbare, mehr Fossile, mehr Emissionen“ (Statistical Review of World Energy Institute London; fossile Energien 2025 rund 86 % der weltweiten Energieproduktion), 30.06.2026, https://taz.de/Bericht-zum-globalen-Energieverbrauch/!6191796/

14) Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (Österreich), Energieeffizienz (Die beste Energie ist die, die nicht verbraucht wird) https://bmluk.gv.at/themen/klima-und-umwelt/klima/energiewende/energieeffizienz.html

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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