Forum – Serie zur Energiewende (Teil 1)
Die Energiewende funktioniert, die Richtung stimmt, das Tempo nicht
Diese Serie befasst sich mit den technischen und organisatorischen Herausforderungen der Energiewende in Luxemburg sowie mit den wichtigsten Hebeln und Chancen. Im ersten Teil geht es um das Tempo der Umsetzung und warum in dieser Hinsicht noch Luft nach oben ist.
Eine Fotovoltaikanlage in der Provinz Guizhou in China, wo hauptsächlich ethnische Minderheiten leben Foto: CN-STR/AFP/China OUT; Eurosolar Lëtzebuerg asbl
Wie die Natur in einer extremeren Form abläuft, die immer heftiger werdenden Wechselwirkungen der Gesetze der Physik, erlebt man diesen Sommer. Das ist ebenso wenig überraschend wie unangenehm, teilweise existenzbedrohend und nervt. Die entscheidenden Werkzeuge liegen auf dem Tisch, entschieden wird nur noch über das Tempo ihres Einsatzes. Das ist die Überzeugung von Eurosolar Lëtzebuerg – und sie lässt sich an harten Zahlen festmachen.
Zur Person
Paul Zens, Spezialist in Humanwissenschaften, ist seit 2020 Präsident von Eurosolar Lëtzebuerg asbl, die sich seit vielen Jahren für technische und gesellschaftliche Wertschöpfung mittels erneuerbarer Energien einsetzt.
Zwischen Weltuntergangsstimmung und Technikeuphorie verläuft eine dritte, unspektakulärere Wahrheit: Die Energiewende ist keine Wette auf die Zukunft mehr, sondern ein Prozess, der längst läuft – messbar, weltweit und schneller, als viele annehmen. Das klingt nüchtern, ist aber gerade deshalb die eigentliche gute Nachricht. Der Astrophysiker Harald Lesch bringt es in seinen Vorträgen und Büchern auf den Punkt: Die Natur verhandelt nicht, Naturgesetze lassen sich nicht durch Mehrheiten verändern und die technischen Antworten liegen längst bereit.
Erneuerbare noch und nöcher
Nehmen wir Europa: 2025 stammten 47,2 Prozent des in der EU erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen1) – mehr als aus jeder anderen einzelnen Energieart. In Dänemark waren es 92 Prozent, in Österreich 83, in Portugal fast ebenso viel. Auffällig: Ausgerechnet Luxemburg und Belgien verzeichneten im zweiten Quartal 2025 die größten Zuwächse der gesamten EU – Luxemburg allein plus 13,5 Prozentpunkte binnen eines Jahres, fast vollständig getragen vom Solarausbau2). Auch beim Zubau bleibt Europa in der Spur: Weltweit deckte der Zuwachs an Solarstrom 2025 rund 83 Prozent der gestiegenen globalen Stromnachfrage3).
Parallel dazu schrumpft die Kohle. 2025 ging die Kohlenachfrage in der EU um rund 16 Prozent zurück, ihr Anteil an der Stromerzeugung fiel auf etwa ein Zehntel; bis 2027 rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) mit einem weiteren Rückgang auf rund sieben Prozent4). Belgien, Österreich, Schweden, Portugal und Irland haben ihre letzten Kohlekraftwerke bereits vom Netz genommen, weitere Länder folgen in den kommenden Jahren. Luxemburg selbst hatte, zusammen mit Estland, Lettland, Litauen, Malta und Zypern, ohnehin nie ein einziges Kohlekraftwerk5).
Bares durch Erneuerbare
Der wichtigste Treiber dieses Tempos ist simpel: Erneuerbare sind schlicht billiger geworden. Laut der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (Irena) lagen die Stromgestehungskosten neuer Solarparks 2025 weltweit im Schnitt bei rund 44 US-Dollar pro Megawattstunde, Onshore-Windkraft bei etwa 33 Dollar. Seit 2010 sind die Kosten für Solarstrom um 89 Prozent gefallen, für Onshore-Wind um 71 Prozent. Über 90 Prozent aller 2025 weltweit neu gebauten Großanlagen für erneuerbare Energien produzierten günstiger als das billigste neue fossile Kraftwerk am jeweiligen Standort – neue Gaskraftwerke kosten in Ländern wie Deutschland, Italien oder Japan inzwischen fast 100 Dollar pro Megawattstunde, mehr als doppelt so viel wie Solarstrom6). In der Summe vermieden installierte erneuerbare Anlagen 2025 weltweit geschätzte 480 Milliarden Dollar an fossilen Brennstoffkosten, die sonst ins Ausland geflossen wären7).
Auch das alte Gegenargument – die Sonne scheint nicht immer, der Wind weht nicht immer – verliert an Kraft. Kombinierte Solar-Batterie-Systeme, die rund um die Uhr verlässlich Strom liefern, kosteten 2020 noch über 100 Dollar pro Megawattstunde; 2025 lagen sie an guten Standorten bei rund der Hälfte, mit weiter fallender Tendenz8). Die zweite Etappe der Energiewende – Speichern und Verfügbarmachen von Ökostrom, statt bloß Anlagen zu bauen – ist damit kein Zukunftsversprechen mehr, sondern ein Kostenpfad, der längst eingeschlagen ist.
Für Luxemburg
Für Luxemburg war 2025 ein Wendepunkt: Erstmals wurde Fotovoltaik zur wichtigsten heimischen Stromquelle des Landes, mit einem Zubau von knapp 36 Prozent bei der installierten Leistung binnen eines einzigen Jahres9). Der nationale Energie- und Klimaplan (PNEC) sieht bis 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien von 37 Prozent am Endenergieverbrauch sowie eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenüber 2005 vor. Die aktuellen Ausbauzahlen zeigen: Diese Ziele sind erreichbar, wenn das Tempo gehalten wird10). Die Energiewende ist kein Hoffnungsprojekt mehr, sondern eine Frage der Physik – und die Zeit arbeitet inzwischen für sie. Europa und Luxemburg liefern dafür längst den Beweis in Zahlen: sinkende Kosten, wachsende Anteile von erneuerbaren Energien, schrumpfende Anteile von fossilen Energien.
Damit ist nicht gesagt, dass alles glattläuft. Netzengpässe, komplizierte Tarifsysteme und regulatorische Maßnahmen bremsen den Fortschritt. Diesen Fragen – der Speicherung, der Tarifgestaltung und der Rolle der Gemeinden – widmen sich die drei folgenden Beiträge dieser Serie. Doch die Grundthese steht: Die Technologien, um fossile Energien im großen Stil zu ersetzen, existieren, sind wettbewerbsfähig und werden bereits ausgerollt – in Gigawatt-Schritten, nicht in Pilotprojekten. Was jetzt entscheidet, ist nicht mehr die Technik, sondern das Tempo ihrer Umsetzung. Darin besteht noch Luft nach oben.
1) Eurostat, „47% of EU’s electricity came from renewables in 2025“, 19.3.2026, ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260319-2
2) Eurostat, „Solar: main source of EU electricity in June with 22%“ (Angaben zu Q2 2025, LU +13,5 Prozentpunkte), 29.9.2025, ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20250929
3) energiezukunft.eu, „Novum im ersten Halbjahr 2025: Weltweit mehr Strom aus Erneuerbaren als aus Kohle“, 13.10.2025, www.energiezukunft.eu/wirtschaft/weltweit-mehr-strom-aus-erneuerbaren-als-aus-kohle
4) Internationale Energieagentur (IEA), zitiert nach klimareporter.de, „IEA: Weltweite Kohlenachfrage auf Rekordhoch“, klimareporter.de/finanzen-wirtschaft/iea-weltweite-kohlenachfrage-auf-rekordhoch
5) taz, „Der Kohleausstieg in Europa läuft“, 12.10.2024, taz.de/Der-Kohleausstieg-in-Europa-laeuft/!6039633/
6) Irena, „Renewable Power Generation Costs in 2025“, zitiert nach ee-news.ch, „Irena: Erneuerbaren-Boom vermeidet 2025 480 Mrd. US-Dollar Ausgaben für fossile Brennstoffe“, sowie Telepolis, „Irena-Bericht: Erneuerbare schlagen fossile Kraftwerke bei Kosten“, ee-news.ch/a/irena-erneuerbaren-boom-vermieden-2025-480-mrd-us-dollar-ausgaben-fuer-fossile-brennstoffe
7) Irena, „Renewable Power Generation Costs in 2025“ (480 Mrd. US-Dollar vermiedene fossile Brennstoffkosten weltweit 2025), ee-news.ch/a/irena-erneuerbaren-boom-vermieden-2025-480-mrd-us-dollar-ausgaben-fuer-fossile-brennstoff
8) Irena/PV Tech, zitiert nach Energy-Storage.News, „Irena: Renewables with storage cost-competitive with fossil fuels for round-the-clock power“, 13.5.2026, www.energy-storage.news/irena-renewables-with-storage-cost-competitive-with-fossil-fuels-for-round-the-clock-power/
9) ILR, Statistische Kennzahlen Strom/Gas 2025, www.ilr.lu/espace-statistiques/les-statistiques-par-secteur/le-secteur-electricite/
10) Ministère de l’Economie, Plan national intégré en matière d’énergie et de climat (PNEC) 2021-2030, meco.gouvernement.lu/de/dossiers.gouvernement+de+dossiers+2023+2023-pnec.html
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.