Forum von Fari Khabirpour

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Haben wir aus der Geschichte gelernt?

Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnt Psychologe Fari Khabirpour vor Nationalismus, Rassismus und Extremismus und plädiert für Bildung, soziale Gerechtigkeit und gemeinsame Menschlichkeit.

Alice Weidel (r.) und Tino Chrupalla (l.), die Bundesvorsitzenden der AfD, äußern sich zusammen mit Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, in der Bundespressekonferenz zum Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Alice Weidel (r.) und Tino Chrupalla (l.), die Bundesvorsitzenden der AfD, äußern sich zusammen mit Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, in der Bundespressekonferenz zum Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt las ich einen Beitrag von Udo Lindenberg, der mich nachdenklich gemacht hat. Er appellierte an die Menschen, ihre Wahlentscheidung nicht von Wut, Frustration und einfachen Parolen bestimmen zu lassen, sondern genauer hinzuschauen und zu hinterfragen, was wirklich hinter den Worten und Versprechungen steht. Nun ist die Wahl vorbei. Eine vom Verfassungsschutz des Landes als rechtsextremistisch eingestufte Partei ist mit großem Abstand stärkste politische Kraft geworden.

Zur Person

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Haben wir aus der Geschichte gelernt?

Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Fari Khabirpour ist Psychologe mit einem Doktortitel in Bildungspsychologie und einer Weiterbildung in adlerianischer Psychotherapie.

Ich möchte dies nicht parteipolitisch kommentieren. Aber das Ergebnis berührt eine Entwicklung, die mich seit längerer Zeit beschäftigt, nicht nur als Psychologen, sondern einfach als Mensch.

Wenn wir heute in die Welt schauen, erleben wir vielerorts ein Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Gesellschaften polarisieren sich zunehmend, und Menschen werden immer häufiger in „wir“ und „die anderen“ eingeteilt. Da stellt sich für mich eine beunruhigende Frage: Haben wir die Lektionen unserer Geschichte wirklich verstanden? Als Psychologe interessiert mich dabei vorwiegend das Warum.

Angst als Nährboden für Hass

Menschen werden nicht von einem Tag auf den anderen nationalistisch, rassistisch oder fremdenfeindlich. Solche Haltungen wachsen häufig in einem Klima von Angst, Unsicherheit, sozialer Frustration und Vertrauensverlust. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Sorgen nicht mehr gehört werden, wenn die Welt immer komplizierter erscheint und das Vertrauen in gesellschaftliche und politische Institutionen schwindet, wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Und einfache Antworten benötigen leider oft einen Schuldigen.

Dann sind plötzlich „die anderen“ verantwortlich: die Ausländer, eine andere Religion, eine andere Kultur oder eine andere gesellschaftliche Gruppe. Aus psychologischer Sicht kann die Abwertung anderer vorübergehend sogar ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Wenn ich mir sage: „Wir sind besser“ oder „Die anderen bedrohen uns“, wird eine komplizierte Welt scheinbar einfacher. Aber genau hier beginnt die Gefahr.

Die Gefahr beginnt dort, wo aus der Liebe zum Eigenen der Glaube an die eigene Überlegenheit entsteht

Nationalismus darf dabei nicht mit der natürlichen Liebe zu unserem Land, unserer Kultur oder unserer Sprache verwechselt werden. Ich kann mein Land lieben, ohne ein anderes Land abzuwerten. Ich kann stolz auf meine Kultur sein und gleichzeitig eine andere Kultur respektieren. Die Gefahr beginnt dort, wo aus der Liebe zum Eigenen der Glaube an die eigene Überlegenheit entsteht.

Das Universale Haus der Gerechtigkeit, das internationale Leitungsgremium der weltweiten Bahá’í-Gemeinde, warnte bereits 2019 vor dem erneuten Erstarken von Rassismus, Nationalismus und gesellschaftlicher Spaltung und vor den möglicherweise katastrophalen Folgen einer weiteren Verschärfung der weltweiten Unordnung. Diese Warnung erscheint mir heute aktueller denn je.

Die Menschheit verfügt heute über Waffen und Technologien mit einer Zerstörungskraft, die frühere Generationen kaum hätten erahnen können. Ein neuer weltweiter Krieg wäre deshalb nicht einfach eine Wiederholung vergangener Kriege. Seine Folgen könnten für die gesamte Menschheit verheerend sein. Deshalb genügt es meines Erachtens nicht, Nationalismus, Rassismus und Extremismus lediglich zu verurteilen. Wir müssen uns mit ihren Ursachen beschäftigen.

Hoffnung und Vertrauen stärken

Menschen benötigen wieder Hoffnung, Zugehörigkeit und Vertrauen. Wir benötigen soziale Gerechtigkeit, Bildung und echte Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Vor allem benötigen wir eine Erziehung, die unseren Kindern von klein auf vermittelt, dass Verschiedenheit keine Bedrohung ist. Vielleicht müssen wir ihnen helfen, eine Identität zu entwickeln, die größer ist als Nationalität, Hautfarbe, Religion oder Herkunft.

Wir können Luxemburger, Deutsche, Franzosen, Iraner oder Angehörige einer anderen Nation sein. Wir können Christen, Muslime, Bahá’í, Juden, oder Atheisten sein oder einer anderen Weltanschauung folgen. All diese Identitäten dürfen ihren Platz haben und unser Leben bereichern. Aber vor all diesen Identitäten sind wir Menschen. Vielleicht liegt darin eine der größten Herausforderungen unserer Zeit: nicht weniger Vielfalt, sondern mehr Einheit.

Nicht „wir gegen die anderen“, sondern die Erkenntnis, dass es auf diesem kleinen Planeten letztlich keine „anderen“ gibt. Wir sitzen alle im selben Boot. Entweder lernen wir, miteinander zu leben, unsere Unterschiede zu respektieren und gleichzeitig unsere gemeinsame Menschlichkeit zu erkennen, oder wir werden eines Tages vielleicht alle den Preis dafür bezahlen, dass wir es nicht gelernt haben.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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