Was Kinder und Schulen wirklich brauchen

Wer mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen will, muss nicht nur bestimmen, was Kinder lernen sollen, sondern auch, welche Voraussetzungen sie brauchen, um überhaupt erfolgreich lernen zu können. Denn gute Bildung beginnt lange vor dem ersten Schultag und endet nicht mit dem Unterricht. Sie braucht faire Chancen, frühzeitige Unterstützung und ein System, das Kinder, Eltern und Lehrkräfte gleichermaßen stärkt.

Was Kinder und Schulen wirklich brauchen

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Forum von Sacha Pulli

Unter dem Titel „Endlich mal anfangen. Was Kinder und Schulen wirklich brauchen“ erschien kürzlich das Buch des ehemaligen Hamburger Lehrers und Bildungssenators Ties Rabe.1 Während seiner dreizehnjährigen Amtszeit als Bildungssenator haben sich die Leistungen der Hamburger Schüler*innen nachweislich verbessert. In seinem Buch schlägt er konkrete Lösungen vor, um der Bildungslandschaft neue Impulse zu geben. Impulse, die auch in Luxemburg nötig wären, um die bestehenden Ungleichheiten und Herausforderungen im Bildungssystem anzugehen.

Zur Person

Was Kinder und Schulen wirklich brauchen

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Sacha Pulli ist LSAP-Generalsekretär und Mitglied des Escher Gemeinderats.

Welche Reformen sind es also, die Luxemburg braucht, um endlich Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu schaffen?

Zunächst sollte man sich eingestehen, dass nicht nur Bildung im Kleinkindalter beginnt, sondern auch Chancengerechtigkeit. Eine Analyse des deutschen Nationalen Bildungspanels (NEPS) belegt, dass zwischen Kindern aus sozial benachteiligten und privilegierten Familien bereits im Alter von zwei Jahren erhebliche Entwicklungsunterschiede bestehen. Diese zeigen sich beispielsweise in den sprachlichen und sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder.2 Die Unterstützung von Familien muss also deutlich früher beginnen als bisher. Inspirieren könnte man sich an Finnland. Dort setzt die gezielte Unterstützung bereits ein, bevor das Kind auf die Welt kommt. Ab dem 154. Schwangerschaftstag hat jede werdende Mutter Anspruch auf die Begleitung durch eine Neuvola-Pflegerin. In Luxemburg wäre dies eine Art Hebamme, Krankenschwester und Sozialarbeiterin in einer Person. Sie begleitet Familien über mehrere Jahre hinweg, denkbar wäre dies bis zum Eintritt des Kindes in das „Précoce“, und kennt deren Lebenssituationen genau. Ziel ist nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die frühzeitige Unterstützung der Familien und damit die Förderung von Chancengerechtigkeit.

Vorbeugen wirksamer als spätere Fördermaßnahmen

Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wurde das System, das heute von 99% der Familien genutzt wird, nie in Frage gestellt. Die Politik hat verstanden, dass Vorbeugen wirksamer und günstiger ist als spätere Förder- und Unterstützungsmaßnahmen. Finnland gehört auch deshalb zu den OECD-Ländern, in denen Auswirkungen der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen gering sind.3

Auch wenn es in Luxemburg einzelne Initiativen gibt, die lobenswert und richtig sind, bleibt das System insgesamt zu komplex und zersplittert. Anstelle zahlreicher Einzelprojekte brauchen wir ein kohärentes Unterstützungssystem. Ein Neuvola-System in Luxemburg würde Eltern frühzeitig beraten und Entwicklungsprobleme erkennen, bevor sie sich verfestigen.

Am Ende ihrer Begleitzeit könnte die Neuvola-Pfleger*in zudem sicherstellen, dass die Kinder Angebote der frühkindlichen Bildung wahrnehmen. Die Forschung zeigt, dass insbesondere benachteiligte Kinder von hochwertiger frühkindlicher Förderung profitieren. Deshalb sollten Maßnahmen ergriffen werden, die den Besuch des „Précoce“ fördern.

Laut einer Studie der Beobachtungsstelle für schulische Qualität, Kindheit und Jugend (OEJQS) stagnieren die Anmeldungen im „Précoce“. Es bedarf daher politischer Maßnahmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Sinnvoll wäre die Einführung eines Opt-out-Modells, wie es das Observatorium in seiner Analyse der schulischen Bildungslaufbahnen ebenfalls vorschlägt.4

Kinder werden dabei automatisch für das „Précoce“ angemeldet, sofern die Eltern nicht ausdrücklich widersprechen. Dieses Prinzip könnte die Teilnehmerquote erhöhen, insbesondere bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien, und wäre somit ein weiterer Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Gleichzeitig müssten die verfügbaren Plätze ausgebaut und die Qualität der Förderung sichergestellt werden.

Gute Bildung braucht auch starke Lehrkräfte

Gute Bildung braucht jedoch nicht nur starke Kinder, sondern auch starke Lehrkräfte. Bereits 2008 veröffentlichte der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie die weltweit größte Metastudie zu den Faktoren, die schulisches Lernen beeinflussen.5 Die Studie wurde mehrfach aktualisiert und umfasst inzwischen die Daten von 400 Millionen Schüler*innen. Die Erkenntnis bleibt dieselbe: Bildungserfolg hängt vor allem von der Qualität des Unterrichts und den Lehrkräften ab. Umso wichtiger ist es, dass Lehrkräfte ihrer Kernaufgabe, dem Unterrichten, nachgehen können. Aufgrund der immer komplexer werdenden Anforderungen im schulischen Alltag müssen Lehrkräfte heute häufig Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet wurden.

Deshalb brauchen wir auch in den luxemburgischen Grundschulen Schülerfürsorge-Teams (Pupil Welfare Teams). In den skandinavischen Ländern sind sie längst ein fester Bestandteil des Schulsystems. Die multiprofessionellen Teams, bestehend unter anderem aus Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Förderlehrkräften und Schulkrankenschwestern, kümmern sich um Verhaltensauffälligkeiten sowie emotionale, soziale oder familiäre Probleme von Schüler*innen. Alle Berufsgruppen, die zum Wohlbefinden der Schüler*innen beitragen, sollten zusammenarbeiten und direkt in der Schule präsent sein. Auf diese Weise hätten Lehrkräfte wieder mehr Zeit für Unterricht und individuelle Förderung.

Stärkere Leitstrukturen in der Grundschule

Es liegt auf der Hand, dass solche Reformen auch Personen benötigen, die die verschiedenen Berufsgruppen koordinieren und den schulischen Alltag organisieren. Deshalb wäre die Einführung von Schulleitungen (Schuldirektoren) in den luxemburgischen Grundschulen, wie es sie in den meisten europäischen Ländern sowie bereits in den luxemburgischen Sekundarschulen gibt, äußerst sinnvoll. Wir brauchen eine Schulleitung, die „effizient a pragmatesch Entscheedungen treffe kann an dat och gesetzlech maachen däerf. Eng Schulleitung, déi duerch hir Tâche d’Enseignanten organisatoresch an administrativ entlaascht“, wie es der Grundschullehrer Ben Hoscheit bereits vor einigen Jahren in einem Vergleich des luxemburgischen mit dem Schweizer Schulsystem im Tageblatt formulierte.6

Auch die von der Beobachtungsstelle für schulische Qualität, Kindheit und Jugend (OEJQS) veröffentlichte Studie zur „evidenzorientierte Qualitätsentwicklung auf Schulebene“ verweist daraufhin, dass es durchaus wissenschaftliche Argumente für stärkere Leitstrukturen in der Grundschule gibt.7 Zudem könnten die Schulleitungen im Hinblick auf die bevorstehende französische Alphabetisierung wichtige organisatorische Aufgaben übernehmen. Die Einführung von Schulleitungen müsste allerdings so gestaltet werden, dass sie die heute bestehenden Regionaldirektoren ergänzt und nicht ersetzt. Diese würden weiterhin eine wichtige Rolle bei Schulentwicklung auf regionaler Ebene spielen.

Wer mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen will, muss also früh ansetzen, Familien gezielt unterstützen und die Schulen so organisieren, dass sie ihren Bildungsauftrag bestmöglich erfüllen können. Die hier vorgeschlagenen Reformen werden natürlich nicht alle Probleme lösen und müssen mit den Akteuren des Bildungssystems weiterentwickelt werden. Sie sind jedoch Schritte zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Denn Bildungsgerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Verantwortung, und nicht nur eine bildungspolitische.

1) Rabe, Ties: Endlich mal anfangen, Was Kinder und Schulen wirklich brauchen, um Bildung zu sichern, Berlin 2026.
2) Attig, Manja/Weinert, Sabine: Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. In: NEPS Forschung kompakt Ausgabe 2. Bamberg 2025.
3) Grabbe, Hanna: Ein Ort für 99 Prozent der Familien, Fast alle Kinder gut versorgt unabhängig von der Herkunft? In Deutschland utopisch, in Finnland selbstverständlich. In: Die Zeit, 8. August 2025.
4) Observatoire national de la qualité scolaire (ONQS): Analyse du parcours scolaire à l’aide des indicateurs, Luxembourg 2024.
5) Hattie, John: Visible Learning, London 2008.
6) Hoscheid, Ben: De Fondamental brauch Schulleitungen. In: Escher Tageblatt, 8. Dezember 2022.
7) Observatoire national de la qualité scolaire (ONQS): Evidenzorientierte Qualitätsentwicklung auf Schulebene, Themenbericht zur ganzheitlichen Governance der Qualitätsentwicklung (Teil B), Luxembourg 2024.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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