Forum – Serie zur Energiewende

Die Gemeinden: Der unterschätzte Motor der Energiewende

Diese Serie befasst sich mit den technischen und organisatorischen Herausforderungen der Energiewende in Luxemburg sowie mit den wichtigsten Hebeln und Chancen. Im vierten Teil steht die Rolle der Gemeinden im Mittelpunkt.

Die Gemeinden: Der unterschätzte Motor der Energiewende

Foto: dpa/Thomas Banneyer

Die Energiewende wird nicht in Ministerien entschieden, sondern in Wohnvierteln: auf Dächern, in Heizungskellern, an Ladesäulen. Genau dort haben die luxemburgischen Gemeinden einen Einfluss, den sie bislang kaum ausschöpfen. Sie genehmigen, wo und wie gebaut wird, sie betreiben öffentliche Gebäude, sie prägen das Ortsbild. Diese Nähe macht sie zum vielleicht wichtigsten Motor der nächsten Etappe – wenn sie ihn nutzen. Das ist die Überzeugung von Eurosolar Lëtzebuerg.

Zur Person

Die Gemeinden: Der unterschätzte Motor der Energiewende

Paul Zens, Spezialist in Humanwissenschaften, ist seit 2020 Präsident von Eurosolar Lëtzebuerg asbl, die sich seit vielen Jahren für technische und gesellschaftliche Wertschöpfung mittels erneuerbarer Energien einsetzt.

Der stärkste Hebel steckt im Bebauungsplan, dem PAP („plan d’aménagement particulier“). Wenn ein neues Viertel entsteht, legt die Gemeinde die Spielregeln fest. Sie kann Bauträger dazu bewegen – oder verpflichten –, von Anfang an eine gemeinsame Nachbarschaftsbatterie und eine große, geteilte Wärmepumpe mit Wärmetauschern in den einzelnen Wohnungen einzuplanen. Der Grund ist einfach: Solche Anlagen nachträglich einzubauen, ist teuer und aufwendig; von Beginn an mitgeplant kosten sie einen Bruchteil. Ja, es gibt anfängliche Mehrkosten. Doch über die Lebensdauer rechnen sie sich – für die Bewohner durch niedrigere Energierechnungen, für die Gemeinde durch ein Viertel, das das Stromnetz entlastet statt belastet. Für größere Speicheranlagen ist ohnehin der Bürgermeister gefragt: Die Baugenehmigung für Batterieprojekte läuft über die Gemeinde, seit die Klima-Agence 2026 ein einheitliches Verfahrenshandbuch für alle Genehmigungsschritte veröffentlicht hat1).

Viel Luft bei Wärme

Besonders die Wärme bietet enorme Größenvorteile. Eine einzige große Wärmepumpe oder ein kleines Wärmenetz für zwanzig Wohnungen ist effizienter und günstiger als zwanzig einzelne Geräte. In Europa gibt es bereits über 650 Wärmenetze, die direkt den Bürgern gehören und 1,9 Millionen Haushalte versorgen2). Weil die Menschen die Anlage selbst besitzen, entscheiden sie über den Wärmepreis – und die Gewinne bleiben im Ort statt bei einem fernen Großkonzern. Heiz- und Kühltechnologien gemeinsam zu fördern, gehört damit zur Kernverantwortung jeder Gemeinde, die es mit dem Klimaschutz ernst meint.

Für diese Aufgabe müssen die Gemeinden nicht allein losziehen. Ihre natürlichen Partner sind die lokalen Energiegemeinschaften und -kooperativen. In Luxemburg sind beim Regulator ILR mittlerweile über 120 solcher Energiegemeinschaften registriert3) – Tendenz weiter steigend. Seit 2026 ist ihr Rahmen deutlich einfacher: Strom darf nun innerhalb desselben Niederspannungsnetzes geteilt werden, was faktisch ein ganzes Quartier abdeckt, und die Netzkosten für geteilte Energie sind reduziert. Verschiedene informatische Plattformen wie E-Community helfen dabei, das Teilen und den Eigenverbrauch zu organisieren. Dass dieses Modell in Luxemburg funktioniert, zeigen Pioniere wie die Gemeinde Beckerich, die seit Jahren auf lokale Energieproduktion setzt, oder regionale Kooperativen wie der Energiepark Mëllerdall. Bemerkenswert ist zudem, dass mittlerweile eine ganze Reihe von Gemeinden als Mitglieder von Energiegemeinschaften auftreten4). Das zeigt: Die Gemeinde muss nicht nur Genehmigungsbehörde sein, sie kann Mitspielerin werden.

Regeln des Bürgers

Wie weit diese Mitgestaltung reichen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der nationalen „Späicherstrategie Lëtzebuerg“: Bei der Entwicklung eines eigenen Netztarifs für Batteriespeicher sitzen neben Creos auch die kommunalen Netzbetreiber Ettelbrück und Diekirch sowie Sudstroum mit am Tisch5). Gemeinden mit eigenem Stromnetz gestalten damit unmittelbar die Regeln mit, nach denen künftig im ganzen Land gespeichert und geteilt wird – ein Ansporn auch für Gemeinden ohne eigenes Netz, sich in solchen Prozessen Gehör zu verschaffen.

Die Gemeinden sind also der Ort, an dem Strom- und Wärmewende sichtbar und greifbar werden. Ihr wirksamster Hebel ist der Bebauungsplan, mit dem sie Speicher und geteilte Wärme von Anfang an ins Quartier holen. Und ihr stärkster Partner sind die Energiegemeinschaften, die aus Bewohnern Mitgestalter machen.

Der Charme dieses Modells liegt in der Bürgerbeteiligung. Wer Anteile an der Batterie oder dem Wärmenetz seines Viertels hält, ist nicht mehr nur Kunde, sondern Mitbesitzer seiner eigenen Energieversorgung. Das schafft Akzeptanz vor Ort, hält die Wertschöpfung in der Region und macht die Menschen unabhängiger von schwankenden Marktpreisen. Auch die Finanzierung ist heute leichter zugänglich: Programme wie die von REScoop.eu koordinierte Energy Communities Facility stellen Gemeinschaften, Startkapital und fachliche Begleitung bereit, zudem unterstützt die europäische Enercom-Fazilität, bei der Eurosolar Luxemburg der zuständige nationale Experte ist, die Ausarbeitung tragfähiger Geschäftsmodelle6). Wichtig zu wissen: Diese Zuschüsse finanzieren die Planung und Konzeptentwicklung, nicht die Hardware selbst – sie senken also die Einstiegshürde, ersetzen aber nicht die Investition ins Viertel.

Die Gemeinden in die Verantwortung nehmen

Was Gemeinden konkret tun können, ist wirkungsvoll: in neuen Bebauungsplänen Speicher und gemeinschaftliche Wärmelösungen verankern, kommunale Dächer und Grundstücke für Bürgeranlagen öffnen, einer Energiegemeinschaft beitreten oder deren Gründung anstoßen und gemeinsam mit der Klima-Agence über die wachsende Zahl an Förderungen informieren – von der Batterie über das häusliche Energiemanagementsystem bis zur bidirektionalen Ladestation. Keine dieser Maßnahmen erfordert eine technologische Revolution – nur den politischen Willen, den ersten Schritt zu gehen.

Die Gemeinden sind also der Ort, an dem Strom- und Wärmewende sichtbar und greifbar werden. Ihr wirksamster Hebel ist der Bebauungsplan, mit dem sie Speicher und geteilte Wärme von Anfang an ins Quartier holen. Und ihr stärkster Partner sind die Energiegemeinschaften, die aus Bewohnern Mitgestalter machen. Wenn Luxemburgs Kommunen diese beiden Karten ausspielen, werden sie vom Verwalter der Energiewende zu ihrem Motor.

1) Klima-Agence, „Manuel des procédures d‘autorisation de projets d’énergies renouvelables“, 18.6.2026

2)REScoop.eu, „Community-led heating and cooling: A future-proof solution“

3) ILR, Liste des communautés énergétiques, Stand 3.6.2026

4) ILR, Liste des communautés énergétiques, Stand 3.6.2026

5) Creos Luxembourg/Ettelbréck/Diekirch/Sudstroum, „New Tariff Design for Batteries“, 18.6.2026 (Späicherstrategie Lëtzebuerg, 2. Sitzung der Begleitgruppe)

6) REScoop.eu, Energy Communities Facility

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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