Forum – Serie zur Energiewende
Wie man Sonnenenergie auch abends nutzen kann
Diese Serie befasst sich mit den technischen und organisatorischen Herausforderungen der Energiewende in Luxemburg sowie mit den wichtigsten Hebeln und Chancen. Im zweiten Teil geht es um die Energieproduktion und Speicherung.
Fotos: dpa/Karl-Josef Hildenbrand; Eurosolar Lëtzebuerg asbl
2025 war für Luxemburg ein Wendepunkt: Zum ersten Mal wurde die Fotovoltaik zur wichtigsten heimischen Stromquelle des Landes. Die installierte Solarleistung stieg um knapp 36 Prozent auf 746 Megawatt, die Produktion aus Sonnenlicht wuchs um über 74 Prozent auf 627 Gigawattstunden und übertraf damit erstmals die Windkraft1). Ende 2025 zählte der Regulator ILR 33.304 Solaranlagen im Land. Diese Zahlen lügen nicht – und sind zugleich der Beginn einer neuen, unbequemeren Aufgabe.
Zur Person
Paul Zens, Spezialist in Humanwissenschaften, ist seit 2020 Präsident von Eurosolar Lëtzebuerg asbl, die sich seit vielen Jahren für technische und gesellschaftliche Wertschöpfung mittels erneuerbarer Energien einsetzt.
Denn die Sonne scheint mittags, nicht um 19 Uhr, wenn Luxemburg nach Hause kommt, kocht und lädt. Je mehr erneuerbarer Strom ins Netz fließt, desto weniger geht es darum, noch mehr Anlagen aufzustellen. Es geht darum, den erzeugten Strom zu speichern, ihn zur richtigen Zeit verfügbar zu machen und den Verbrauch dorthin zu lenken, wo gerade erneuerbare Energie vorhanden ist. Speicher, Disponibilität und flexible Tarife sind die eigentlichen Stellschrauben der Energiewende ab 2026 – davon ist Eurosolar Lëtzebuerg überzeugt.
Dass diese Verschiebung längst auch politisch angekommen ist, zeigt die „Späicherstrategie Lëtzebuerg“, die die Regierung im Juli 2025 vorgestellt hat: 20 Maßnahmen in fünf Handlungsfeldern, von der Netzintegration über die Tarifstruktur bis zur Förderung. Eine Begleitgruppe aus Ministerium, ILR, Creos und Klima-Agence prüft die Umsetzung regelmäßig mit ihren Partnern – zuletzt im Juni 2026 –, eine Gesamtevaluierung folgt 20272).
Batterien als fehlendes Puzzleteil
Der erste Hebel sind Batterien. Ende 2025 gab es in Luxemburg bereits 9.843 Batteriespeicher mit rund 101 Megawattstunden Kapazität. Doch eine einzelne Hausbatterie ist teuer und steht oft ungenutzt herum, wenn das eigene Dach gerade nicht produziert. Deutlich sinnvoller sind Nachbarschaftsbatterien: ein gemeinsamer Speicher für mehrere Haushalte oder ein ganzes Quartier, besser ausgelastet, mit auf vielen Schultern verteilten Kosten3). Die Genehmigung wurde vereinfacht: Kleine Batterien bis 400 Amperestunden benötigen keine Sondergenehmigung mehr, größere folgen einem klaren Verfahrenshandbuch der Klima-Agence4).
Forum – Serie zur Energiewende
Die Energiewende funktioniert, die Richtung stimmt, das Tempo nicht
Doch wer finanziert eine solche Anlage – und rechnet sich das überhaupt? Das ist derzeit die entscheidende, oft unbeantwortete Frage. Eine Studie von „Neon – Neue Energieökonomik“ im Auftrag des Wirtschaftsministeriums vergleicht vier Szenarien5): reine Solaranlage, Solar-Batterie ohne Netzzugang sowie zwei Varianten mit Netzzugang. Eine erste Simulation – 1,2 Megawatt Solarleistung, eine halbe Megawatt-Batterie mit zwei Megawattstunden Kapazität – zeigt: Erst der Netzzugang macht den Unterschied. Nur wenn die Batterie zusätzlich zum Eigenverbrauch handeln darf – günstig kaufen, teuer verkaufen, dazu Erlöse aus Regelenergie –, kommen genug Einnahmequellen zusammen, um sie zu tragen6). Das Prinzip heißt „Revenue Stacking“: Eine Batterie mit nur einer Erlösquelle rechnet sich selten, eine mit mehreren gleichzeitig kann es. Um dieses Modell auch für Nachbarschaftsbatterien zu öffnen, arbeiten Creos mit verschiedenen Partnergemeinden und Sudstroum an einem eigenen Anschlussregime: Batterien sollen wie Erzeuger behandelt werden, mit mehr freier Netzkapazität und weniger Konkurrenz um Anschlussleistung7). Kombiniert mit einer Solaranlage, winkt zudem eine Investitionsbeihilfe von 30 bis 50 Prozent je nach Unternehmensgröße8); ein erster Förderaufruf hat bereits neun PV-Speicher-Projekte mit 100 bis 600 Kilowattstunden ausgewählt9). Das Pumpspeicherkraftwerk in Vianden (1.040 Megawatt) zählt bereits zu den größten Speichern seiner Art in Kontinentalwesteuropa – die Aufgabe ist nun, dieses Prinzip im Kleinen, in den Wohnvierteln, nachzubauen.
Vergessene Wärmewende
Der zweite Hebel wird oft vergessen: die Wärme. Über die Energiewende wird fast nur beim Strom gesprochen, dabei verbraucht das Heizen einen Großteil unserer Energie. Hier ist die Wärmepumpe die Schlüsseltechnologie: Sie erzeugt aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme. Der Staat fördert den Umstieg 2026 kräftig: bis zu 10.000 Euro (Luft/Wasser) oder 12.000 Euro (Erdwärme) beim Heizungstausch10), für einkommensschwache Haushalte sogar doppelt so viel. Damit Wärmepumpe, Batterie, Solaranlage und Ladepunkt als ein System zusammenspielen, gibt es ab Oktober 2026 eine Förderung von 500 Euro für ein häusliches Energiemanagementsystem (HEMS), sobald mindestens zwei Geräte eingebunden sind11).
Elektroauto als rollender Speicher
Der dritte Hebel steht bei vielen schon in der Garage: das Elektroauto, ein rollender Speicher, der im Schnitt 95 Prozent der Zeit ungenutzt parkt. Mit bidirektionalem Laden lässt es sich auch wieder entladen – ins Netz (V2G), ins Gebäude (V2B) oder ins eigene Haus (V2H). Dieses Feld, welches allgemein als „Vehicle to X“ (V2X) bezeichnet werden kann, steht in Luxemburg noch am Anfang. Der Staat bezuschusst bidirektionale Ladepunkte inzwischen mit bis zu 1.400 Euro, sofern sie den Standard ISO 15118-20 erfüllen12).
Der Zubau von Sonne und Wind war die erste Etappe und ist weitgehend geschafft. Die zweite, entscheidende Etappe heißt Speichern, Verfügbarkeit und Flexibilität – und Luxemburg hat mit der „Späicherstrategie“ bereits einen Fahrplan dafür. Entscheidend ist jetzt, dass sich Nachbarschaftsbatterien über mehrere Erlösquellen tatsächlich rechnen und in den nächsten zwei Jahren in den Quartieren ankommen. Damit all das funktioniert, braucht es den vierten Hebel: den Preis. Solange Strom rund um die Uhr gleich viel kostet, hat niemand einen Grund, dann zu laden, wenn die Sonne scheint. Das bis 2028 geplante Tarifmodell für Batteriespeicher – dessen Grundzüge Creos im Juni 2026 vorgestellt hat – besteht aus drei Bausteinen: einer festen Kapazitätsgebühr für die allgemeinen Netzkosten, einem Bonus-Malus für den Beitrag zur landesweiten Lastspitze sowie einer lokalen Komponente für Engpässe im Verteilnetz. Wer antizyklisch lädt und entlädt, zahlt weniger oder wird belohnt; wer die Spitzenlast verschärft, trägt einen Teil der Mehrkosten13).
1) ILR, Statistische Kennzahlen Strom/Gas 2025 (veröffentlicht 30.6.2026), www.ilr.lu/espace-statistiques/les-statistiques-par-secteur/le-secteur-electricite/
2) Ministère de l’Economie/Klima-Agence/Creos, „Späicherstrategie Lëtzebuerg – 2e réunion du groupe de suivi“, 18.6.2026 (Präsentationsunterlagen der Begleitgruppe)
3) ILR, Statistische Kennzahlen Strom/Gas 2025 (9.843 Batteriespeicher, rd. 101 MWh Kapazität Ende 2025), www.ilr.lu/espace-statistiques/les-statistiques-par-secteur/le-secteur-electricite/
4) Klima-Agence, „Manuel des procédures d’autorisation de projets d’énergies renouvelables“, präsentiert am 18.6.2026 im Rahmen der Späicherstrategie-Begleitgruppe
5) Neon Neue Energieökonomik im Auftrag des Ministère de l’Economie, „Etude MECO: PV+BESS“, präsentiert am 18.6.2026 (Späicherstrategie Lëtzebuerg, 2. Sitzung der Begleitgruppe)
6) Neon Neue Energieökonomik/MECO, Ergebnis einer Simulation für 1,2 MW PV/0,5 MW-2 MWh BESS, 18.06.2026 (Präsentationsunterlagen Späicherstrategie-Begleitgruppe)
7) Creos Luxembourg, „New Tariff Design for Batteries“, Sebastian Dietz, vorgestellt am 18.6.2026 (Späicherstrategie Lëtzebuerg, 2. Sitzung der Begleitgruppe)
8) Loi du 8 décembre 2025 ayant pour objet le renouvellement du régime d’aides à la protection de l’environnement, Art. 8 (Aide à l’investissement stockage), präsentiert am 18.6.2026 durch das Ministère de l’Economie
9) Ministère de l’Economie, Bilan des appels à projets PV + stockage (erster Aufruf Juli 2025), präsentiert am 18.06.2026 (Späicherstrategie-Begleitgruppe)
10) Klima-Agence, Klimabonus Wunnen 2026, www.klima-agence.lu
11) Ministère de l’Economie/Klima-Agence, Förderung häusliches Energiemanagementsystem (HEMS) ab Oktober 2026, präsentiert am 18.6.2026 (Späicherstrategie-Begleitgruppe)
12) Klima-Agence, Aides financières pour les bornes de charge bidirectionnelles (Top-up, Norm ILNAS EN ISO 15118-20:2022, gültig bis 31.12.2026), präsentiert am 18.6.2026 (Späicherstrategie-Begleitgruppe)
13) Creos Luxembourg, „New Tariff Design for Batteries“ – Tarifkomponenten (Grid Financing, System Service Costs Incentive, Local Grid Load Incentive), 18.6.2026 (Späicherstrategie-Begleitgruppe)
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.