Editorial
Diagnose: Totalschaden – Die Vertrauenskrise im Gesundheitswesen nach dem Fall Wilmes
Der Fall Philippe Wilmes hat das Gesundheitswesen erschüttert. Zwischen politischen Intrigen und schweren Anschuldigungen geht es um mehr als nur einen einzelnen Skandal.
Martine Deprez (CSV) und Philippe Wilmes (DP): Der Geruch von Interessenskonflikten und politischen Intrigen liegt in der Luft Fotos und Collage: Editpress
In der Causa Philippe Wilmes sind fast alle Fragen noch offen. Vor allem die: Wer hat recht und wer nicht? Der Schaden aber ist längst angerichtet. Das Klima im Gesundheitswesen ist vergiftet. Ärzte scheinen sich feindlich gesinnt. Das „Collège médical“ ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Der Skandal wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen und dürfte längst nicht begraben sein. Der Geruch von Interessenskonflikten und politischen Intrigen liegt in der Luft. Das könnte noch richtig schmutzig werden. Dazu kommen die gravierenden Anschuldigungen. Für Patientinnen und Patienten sind das schwere Zeiten. Wem ist noch zu trauen?
Das ist schlecht. Für die Ärzte. Auch für die Politik. Beiden droht ein Rufschaden. Und für das ganze Gesundheitssystem, wo es vielleicht schon zu lange zu wenig um „Gesundheit“ und zu viel um den riesigen Markt und die Verdienstmöglichkeiten geht, die dieses „System“ bereithält.
Der medizinische Streitfall ist also längst ein Politikum. Wilmes wollte das so. Sein Anwalt stellt ihn in der Öffentlichkeit auch als politisches Opfer dar. Wilmes’ Werdegang und seine Herkunft eignen sich für dieses Narrativ. Sein Bruder ist der CSV-Minister Serge Wilmes. Philippe Wilmes ist nicht nur Mediziner, sondern auch DP-Politiker, verhandelte das Kapitel zur „Santé“ des Koalitionsabkommens mit. Und er ist streitbarer Lobbyist. In seiner Zeit als AMMD-Vizepräsident trat er für ein liberalisiertes Gesundheitssystem ein. Zuletzt sorgte die von ihm mitinitiierte „Findel Clinic“ für Aufregung. Die AMMD hätte das Gesundheitssystem am liebsten ruckartig umgestellt. Daran ist sie gescheitert. Aber auch einzelne medizinische Bereiche können aus dem öffentlichen System herausgebrochen und privatisiert werden. Wilmes’ „Findel Clinic“ ist ein Puzzlestück.
Am vergangenen Montag machte das Radio 100,7 den Namen Philippe Wilmes, dem unnötige Operationen an Knien vorgeworfen werden, als erstes Medium des Landes publik. Seitdem ist nur die Wilmes-Seite öffentlich zu hören. Sei es durch die Medienauftritte seines Anwalts oder durch ein Interview von Wilmes mit dem Wort. Prozeduren infragezustellen, ist juristisches Einmaleins. So wirkt die Verteidigungslinie wie ein in der Öffentlichkeit geführter Prozess, der eigentlich vor einem Gericht oder in einem Disziplinarverfahren mit dem „Collège médical“ stattfinden müsste. Da das Ministerium laufende Prozeduren nicht kommentiert, ist aber nur eine Seite zu hören.
Wie unter einem Brennglas lässt die Causa Wilmes alle Probleme, alle Streitereien, alle Richtungskämpfe und die Art, wie sie von den einzelnen Protagonisten ausgetragen wurden, noch einmal besonders sichtbar werden. Liberalisierung, Dekonventionierung, ob es Ärztegesellschaften geben soll, und falls ja, in welcher Form, es sind diese Themen, die die Debatte bis zuletzt dominierten. Viel Lärm um falsche Prioritäten? Hätte nicht statt der ewigen Systemfrage (die zuvorderst eine Frage des Geldes ist) die Sicherheit von Patientinnen und Patienten sowie jene der Ärzteschaft Vorrang haben müssen?
In Luxemburg gibt es keine unabhängigen Kontrollen, ob Operationen erfolgreich verlaufen sind oder nicht. In anderen Ländern sind diese gängig. Ein Skandal wie der aktuelle wäre mit solchen Prozeduren vermeidbar gewesen. Zum Wohl der Patientinnen und Patienten. Und zum Wohl des beschuldigten Arztes und all seiner „Confrères“.