Editorial
Warum Friedens Technooptimismus die Umwälzungen durch KI unterschätzt
Die KI-Revolution lässt sich nicht mit der industriellen Revolution vergleichen. Sie ersetzt nicht Muskeln durch Maschinen, sondern das menschliche Denken.
Captain Luc Frieden auf dem Weg in die glorreiche KI-Zukunft Screenshot: Video zur Kampagne „AI4LUX“
Luxemburg soll Pionier bezüglich KI werden. Das ist der ambitionierte Plan von Luc Frieden, den der Premier auch vergangene Woche beim „KI-Dësch“ in Senningen noch einmal betonte. Um das den Leuten im Land nahezubringen, schlüpft der Regierungschef zuweilen höchstselbst in unterschiedliche Kostüme, mit weißem Forscherkittel oder gleich in eine Weltraumrüstung.
Das mag eine dynamische Werbekampagne abgeben, dem Ernst der Lage ist es jedoch nicht angemessen. Ebenso wenig wie die freundliche Runde im „Dreier-Format“ auf Schloss Senningen, die doch keinesfalls als Krisen-Tripartite verstanden werden soll. Vergangenen Donnerstag gab es keine zukunftsweisenden Signale, die angesichts der Umwälzungen, die immer schneller auf uns zustürmen, dringend notwendig gewesen wären. Keine Entscheidungen, keine Weichenstellungen. Erst einmal eine Studie in Auftrag geben. Aber wenigstens sind sich alle einig. Von Regierung über Gewerkschaften bis zum Patronat. Man schaut optimistisch in die Zukunft, mit mehr und minder kleinen Abstrichen.
Im Großen und Ganzen, so macht es den Anschein, ruht man sich auf den europäischen Regeln, dem AI Act, aus. Der wird schon die ganz großen bösen technologischen Wölfe fernhalten, Überwachungs-KI und „Social Scoring“, anders als in den USA und China. Und das stimmt auch. Dennoch kommt in Europa eine gesellschaftliche Umstrukturierung auf uns zu, die keinen historischen Präzedenzfall kennt.
Eine Statec-Studie hatte vergangenen Dezember prognostiziert, dass sich neun von zehn Arbeitsplätzen in Luxemburg durch KI verändern werden, zwischen einem und zwei von zehn Arbeitsplätzen könnten gar ganz verschwinden. Besonders gefährdet: Frauen, junge Menschen und Menschen mit niedrigen Qualifikationen.
Vorschläge, wie sich eben diese besonders vulnerablen Gesellschaftsgruppen schützen lassen, gibt es nicht. Stattdessen wischt der Premier allzu große Sorgen gerne mit historischen Vergleichen weg. Was hat Frieden allein in den letzten Tagen alles bemüht, um seinen Technooptimismus zu erklären: Computer, Schreibmaschinen, Digitalisierung, Elektrizität, Tonbandgeräte, Maschinen in der Stahlindustrie. Damit ist er nicht allein. Viele vergleichen die kommende KI-Transformation mit der Industrialisierung.
Doch der Vergleich hinkt. Die industrielle Revolution hat die körperliche Arbeit mechanisiert. Sie hat Muskelkraft durch Stahl ersetzt. Die KI-Revolution mechanisiert das Denken. Es geht nicht nur darum, menschliche Jobs durch neue Maschinen und Technologie zu ersetzen. Unsere ganze menschliche Denkweise ist auf dem Prüfstand – und mit ihr die Frage, welche Aufgaben uns überhaupt noch bleiben. Grundlegende philosophische Konzepte wie der Wahrheitsbegriff, Kreativität, gar die Bedeutung des Menschseins an sich werden infrage gestellt. Das haben weder der Hochofen noch die Dampflok vollbracht.
Und trotzdem bleiben Friedens Technooptimismus und sein Glaube an Fortschritt durch Technik hierzulande grundsätzlich unwidersprochen. Dabei gibt es auch unter KI-Experten ganz andere Stimmen. Stimmen, die sagen, KI könnte ab einem gewissen Punkt immer dümmer werden, weil sie sich nur noch von KI-generierten Daten „ernährt“. Schon heute verkommen weite Teile des Internets zu Müllhalden aus KI-Schrott.
KI im Dienst des Menschen, das ist das Motto, auf das sich auch der „KI-Dësch“ geeinigt hat. Maschinen helfen dem Menschen. Selbst wenn man diesen Optimismus kurz teilt und sich eine Welt imaginiert, in der alle weniger und weniger hart arbeiten müssen und die Produktivität dank KI trotzdem steigt – der historische Vergleich vermiest das Paradies: Denn das ist nie passiert im vergangenen Jahrhundert. Schon vor rund 95 Jahren hatte der britische Ökonom John Maynard Keynes vorhergesagt, dass Arbeitnehmer heute dank technischer Fortschritte nur noch 15-Stunden-Wochen arbeiten müssten. Auf die warten wir bis heute vergeblich.