Editorial

Der Staat lässt Käufer von Neubauwohnungen im Stich

Wer in Luxemburg eine Neubauwohnung kauft, folgt einem politisch gewollten Weg. Doch wenn Projekte scheitern, tragen oft allein die Käufer das Risiko – finanziell, rechtlich und psychisch.

Terrasse eines unfertigen Neubaus steht unter Wasser, Käufer zahlen trotz Bauverzögerung Kreditraten

Die Terrasse eines unfertigen Neubaus steht unter Wasser, während Käufer schon Kreditraten zahlen Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Der Traum vom Eigenheim gilt in Luxemburg als vernünftige Lebensentscheidung. Wer eine Wohnung vom Plan kauft, handelt so, wie es Politik, Banken und Markt seit Jahren nahelegen. Doch immer häufiger wird aus diesem Traum ein finanzielles und psychisches Risiko – und am Ende stehen die Käufer allein auf der Baustelle.

Pit Frank steckt in genau so einer Situation. Er schilderte dem Tageblatt, wie er sich durch Paragrafendschungel, Telefonchaos und Juristenfranzösisch kämpfen musste – und trotzdem steht das Gebäude mehr als vier Jahre nach Vertragsunterzeichnung noch immer nicht. Aber was passiert, wenn man der französischen Sprache nicht gewachsen ist? Wenn man alle finanziellen Mittel in den Kauf dieser Wohnung gesteckt hat und sich nun keinen Anwalt leisten kann? Wenn man neben Job, Kindern und anderen Verpflichtungen keine Zeit hat, von einer Kontaktstelle zur nächsten weitergereicht zu werden, weil niemand sich verantwortlich fühlt?

VEFA-Käufer berichten immer wieder, dass sie sich nach Baustopp und Insolvenz alleingelassen fühlen. Das Schlimmste daran: Es ist kein neues Problem. Doch die Regierung scheint vorerst nichts daran ändern zu wollen. Premierminister Luc Frieden (CSV) meinte vergangenen November im Tageblatt-Interview, dass die bisherigen Maßnahmen im Bausektor „erst mal ihre Wirkung zeigen“ müssten. „Zusätzliche Maßnahmen sind a priori nicht geplant. Politik ist etwas, was man immer wieder anpassen muss. Wir werden nie alle Probleme unserer Gesellschaft lösen können“, sagte Frieden.

Besonders viel Verständnis für die schwierige Situation der Käufer scheint der CSV-Politiker nicht zu haben. Doch hier stehen Existenzen auf dem Spiel. Nicht die Bauunternehmer leiden am meisten unter dem Luxemburger Bausystem. Sie können eine Firma für insolvent erklären lassen und mit einer anderen weitermachen. Bei Neubauwohnungen leiden jene am stärksten unter dem Baustopp, die am wenigsten für das Scheitern des Projekts können. Lebenspläne müssen pausiert und alltägliche Ausgaben zurückgeschraubt werden, wenn Betroffene jeden Monat sowohl Kredit als auch Miete bezahlen.

Am Ende landet das gesamte Risiko bei den Käufern. Die Regierung kann so viele steuerliche Vorteile und Hilfsmaßnahmen für die Baufirmen einführen, wie sie will: Solange Menschen ohne eigenes Verschulden in finanzielle und mentale Not geraten, nur weil sie dem Traum vom Eigenheim gefolgt sind, wird das Vertrauen in VEFA-Verträge nicht steigen. Verantwortlich dafür sind politische Rahmenbedingungen und unternehmerische Praktiken – nicht die Presse, die über die Schicksale der Betroffenen berichtet.

Wenn der Staat die VEFA-Verträge fördern will, dann muss er den Menschen auch Garantien geben, dass das Projekt sie nicht ruiniert. Die „garantie d’achèvement“ klingt in der Theorie gut, funktioniert in der Praxis aber nicht – wie unsere Berichterstattung mehrfach gezeigt hat. Als Anfang wäre es wichtig, eine staatliche Anlaufstelle für Betroffene einzuführen, die den Käufern nach Baustopp dabei hilft, das Projekt so schnell wie möglich abzuschließen: Weniger bürokratisches Weiterreichen und mehr staatliche Verantwortung.

In keinem anderen Bereich würde man es akzeptieren, dass Privatpersonen Hunderttausende Euro vorstrecken und bei Scheitern jahrelang um Informationen betteln müssen. Warum ist das dann hier der Fall?

1 Kommentare
Manfred Reinertz Barriera 09.02.202610:07 Uhr

Die VEFA-Alternative ist ein totaler Misserfolg, schlecht konzipiert und alles zu Lasten des Käufers. Da haben der Staat und der CEO eben total versagt das zu berichtigen, was an der Grundidee VEFA falsch liegt, nämlich eine gute Absicherung im Falle eines Falles, so aber lässt man die Käufer einfach im Dreck stehen....

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