Grosbous

Baustopp, Insolvenz, Garantie-Chaos: Wie ein Wohntraum zum Albtraum wurde

Eine unfertige Wohnung, steigende Kosten und jahrelange Ungewissheit: Pit Frank wartet in Grosbous seit 2021 auf sein neues Zuhause. Während der Käufer von Stillstand und Existenzangst spricht, sieht sich der Promoteur selbst als Opfer außergewöhnlicher Umstände.

Stillgelegte Bauarbeiten an Wohnungsgebäude in Grosbous mit unvollendetem Rohbau und Baustelle im Freien

Die Bauarbeiten an dem Wohnungsgebäude in Grosbous stehen seit Monaten still Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Pit Frank steht auf einer Baustelle in Grosbous. Hier wollte er sich eigentlich vor Jahren den Traum eines Eigenheims erfüllen. Die Realität sieht anders aus: Fenster fehlen, Pfützen bedecken den Boden und grüner Algenbewuchs unterbricht vereinzelt das Grau der Betonwände. In der Entfernung hört man den Lärm einer aktiven Baustelle – seine steht schon seit Jahren still. Der französische Promoteur Alexandre Noguès hat den Bau mehrmals unterbrochen und schlussendlich meldete seine Projektgesellschaft „Fort Conchée“ Insolvenz an. „Am schlimmsten sind die ganzen Pläne deines Lebens, die durcheinandergeworfen werden“, sagt Frank, während er sich in dem Rohbau umschaut. „Finanziell wird man ruiniert – aber auch mental macht es einen fertig.“

Der 32-Jährige hat den notariellen Akt für die „Vente en l’état futur d’achèvement“ (VEFA) am 16. Dezember 2021 unterschrieben. Eigentlich hätte er längst hier wohnen sollen. „Man sagt dir: Dezember 2023 bist du drin, und jetzt sind wir Januar 2026 und es ist noch nicht in Aussicht, wie es weitergeht.“ Er ist einer von sechs, die sich in die Immobilie eingekauft haben. Die anderen warten ebenfalls noch immer auf die Fertigstellung der Wohnungen.

Grüne Flecken an Wänden und Decken eines Gebäudes nach langer Baupause und Feuchtigkeitsschäden

Durch die lange Baupause haben sich überall im Gebäude grüne Flecken gebildet Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Acht Monate Baustopp

Das Projekt sei gezeichnet von ständigem Baustopp, schlechter Kommunikation und nach Darstellung von Frank wiederholten Falschauskünften. Schon zwei Tage nach Baubeginn am 26. Mai 2022 gibt es Probleme: Das Wasserwirtschaftsamt schließt die Baustelle, weil sich das Gebäude in einer Trinkwasserschutzzone II befindet. Promoteur Alexandre Noguès hatte laut Frank die entsprechende Genehmigung nicht beantragt. „Als wären die durch Zufall dort vorbeigekommen und hätten nach einer Autorisation gefragt“, meint Pit Frank. So habe Noguès es jedenfalls dargestellt. Die Pläne mussten angepasst, das Untergeschoss um einen Meter angehoben und in einer Wohnung zusätzliche Stufen vorgesehen werden. Die Baufirma nimmt die Arbeiten am 27. Januar 2023 – also acht Monate später – wieder auf.

Nach einer weiteren einmonatigen Pause im Juni laufen die Bauarbeiten bis zum Sommer 2024 vorerst ohne größere Probleme weiter. Doch: Noguès hebt die Gesamtkosten mehrmals an – für Frank um insgesamt 92.000 Euro. „Als ich unterschrieben habe, waren es 648.000 Euro für 100 m² Wohnraum, 20 m² Terrasse und 60 m² Garten“, sagt der 32-Jährige. Begründet worden seien die Erhöhungen laut Frank unter anderem mit gestiegenen Baukosten. Zusätzlich droht der Promoteur damit, den Bau wieder zu stoppen, wenn die unbezahlten Rechnungen nicht von allen Beteiligten bezahlt werden. Die Käufer bezahlen die Tranchen. „Wir haben uns an alles gehalten und die andere Partei nicht. Und wir sind dann diejenigen, die bestraft werden“, sagt Frank. Dem widerspricht Alexandre Noguès auf Tageblatt-Nachfrage: Das Scheitern des Projekts sei keine Folge bewusster Verzögerungen, sondern außergewöhnlicher Umstände (siehe Kasten „Alexandre Noguès bezieht Stellung“).

Pit Frank und Freunde decken Fenster ab, um Innenräume vor Regen zu schützen, Schutzmaßnahmen bei schlechtem Wetter.

Pit Frank hat mit Freunden versucht, die Fenster abzudecken, um die Innenräume vor dem Regen zu schützen Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Versicherungsfirma übernimmt

Reporter.lu veröffentlicht Anfang Oktober 2024 einen Artikel über das Immobilienunternehmen „Vauban patrimoine“, das Noguès über eine Holdingstruktur gehört. „Vauban patrimoine“ ist einziger Teilhaber von „Fort Conchée“. Auch bei dem von reporter.lu erwähnten Projekt hat Noguès die Arbeiten an den Häusern eingestellt. Die Käufer sprechen den Unternehmer sofort auf den Artikel an. Der Projektleiter antwortet: Das sei anders, die Käufer hätten den Aufpreis nicht bezahlen wollen. Zwei Tage später verschickt Noguès einen eingeschriebenen Brief an die Käufer: Er wolle die „Garantie d’achèvement“ aktivieren. Das bedeutet, dass der Garant – laut Vertrag ist das EuroCaution – die Fertigstellung übernehmen soll. Diese Versicherungsfirma sei nun der Ansprechpartner für die Käufer.

Was den Käufern Sicherheit geben sollte, hat sich für Frank allerdings zum zermürbenden Papierkrieg entwickelt. „Die Garantie ist schön in der Theorie, aber das zieht sich.“ Statt klarer Zuständigkeiten erlebte er ein Weiterverweisen von einer Stelle zur nächsten. „Man hat keine Anlaufstelle. Niemanden, der sagen kann: Geh dorthin für Informationen“, sagt Frank. Viele Schreiben seien zudem in einem juristischen Französisch verfasst, das er persönlich mit Mühe verstehen konnte, für Laien allerdings kaum verständlich sei.

Überflutete Zimmer mit stehendem Wasser, Wasserschaden in Innenräumen, Wohnraum unter Wasser nach Hochwasser

Mehrere Zimmer stehen komplett unter Wasser Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Schulden führen zu Insolvenz

Noguès informiert die Käufer am 23. Oktober 2024, dass er dabei sei, Insolvenz anzumelden. Die Kommunikation stellt sich laut Frank in den Monaten danach als kompliziert heraus. Mehrere Käufer fordern Ende Februar 2025 über einen Anwalt die „Indemnité de retard“ ein. Laut Gesetz stehen ihnen 100 Euro pro Tag Verzögerung zu. „Mit diesem Schreiben konnten wir vor Gericht beweisen, dass sie Schulden haben.“ Das ermöglicht es dem Unternehmen „Fort Conchée“, am 5. Mai 2025 für insolvent erklärt zu werden. Dadurch kann die „Garantie d‘achèvement“ aktiviert werden – und die Käufer auf einen Abschluss der Bauarbeiten durch EuroCaution hoffen.

In Absprache mit EuroCaution begleiten die Käufer im Juni 2025 zwei Experten bei der Analyse der stillstehenden Baustelle. EuroCaution fordert anschließend noch eine zusätzliche Analyse. „Unser Experte und Anwalt haben gesagt, das sei nicht nötig.“ Trotzdem wurde am 15. Oktober eine weitere Analyse durchgeführt. Auf das Resultat warten die Betroffenen bis heute – eine weitere Geduldsprobe. „Ich habe viele Nächte nicht geschlafen“, sagt Frank. Auch seine Eltern litten unter der Situation. Ein Teil des familiären Ersparten, das ihm Eltern und Großeltern für den Wohnungskauf zur Verfügung gestellt haben, steckt nun in einem unfertigen Gebäude.

Wasser läuft an mehreren Stellen der Wohnungswand herunter, zeigt Feuchtigkeitsschäden und mögliche Rohrleckage

Das Wasser läuft in verschiedenen Teilen der Wohnung die Wand runter Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Doppelte finanzielle Belastung

Pit Frank und seine Frau wohnen in einer Mietwohnung, während gleichzeitig der Kredit für die unfertige Wohnung läuft. „Ich bezahle jetzt schon den kompletten Kredit zurück.“ Mit seinem früheren Gehalt hätte er sich das nicht leisten können, sagt er. Heute arbeitet er beim Staat, seine Frau ist Lehrerin. Finanziell sei die Situation also noch tragbar.

Für Frank ist sein Fall Ausdruck eines grundsätzlichen Problems. Es werde viel versprochen und es stehe viel auf dem Papier, „aber schlussendlich drückt jeder sich vor seiner Verantwortung“.

An ein Leben in der Wohnung denkt der 32-Jährige inzwischen nicht mehr. „Wir werden versuchen, die Immobilie so früh wie möglich loszuwerden.“ Seine Kritik richtet sich auch an die Politik. „Es kann nicht sein, dass unsere Regierung die großen Promoteure unterstützt.“ Bei großen Projekten gehe vieles schneller, kleinere Vorhaben wie in Grosbous fühlten sich dagegen vergessen an. Er wünscht sich stärkere staatliche Schutzmechanismen für Käufer, die unverschuldet in solche Situationen geraten. „Man hat wirklich das Gefühl, als wäre es der Regierung egal. Das System ist eine Katastrophe“, sagt Frank.

Alexandre Noguès bezieht Stellung

Der französische Projektentwickler Alexandre Noguès weist die Vorwürfe der Käufer auf Tageblatt-Nachfrage zurück. Das Scheitern des Projekts sei keine Folge bewusster Verzögerungen, sondern außergewöhnlicher Umstände. Niemand profitiere von einem Baustopp, schreibt er, auch für ihn selbst sei das Projekt zu einer „déflagration pour l’ensemble des parties prenantes“ geworden.

Noguès macht vor allem frühere Geschäftspartner verantwortlich, denen er schwere Unregelmäßigkeiten beim Kauf von Grundstücken vorwirft. Der finanzielle Schaden für seine Gruppe belaufe sich auf rund sechs Millionen Euro, hinzu kämen mehrere Millionen Euro an Folgekosten. Die Vorgänge seien Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren. Die Staatsanwaltschaft konnte diese Information bis Redaktionsschluss nicht bestätigen. Trotz erheblicher finanzieller Verluste habe er versucht, die Projekte weiterzuführen – „par respect pour nos engagements envers nos clients“.

Zusätzlich hätten Pandemie, stark gestiegene Baukosten und höhere Zinsen die wirtschaftlichen Grundlagen zerstört. Auch der erste Baustopp sei auf Versäumnisse eines beauftragten Ingenieurbüros zurückzuführen, das eine notwendige Genehmigung nicht eingeplant habe. Zwischen Juni 2022 und Oktober 2024 habe man die Käufer in 14 Schreiben und bei zwei Versammlungen informiert.

Den endgültigen Baustopp im Oktober 2024 bezeichnet Noguès als bewusste Entscheidung, um eine Übernahme durch die „Garantie d’achèvement“ zu ermöglichen. Ein Bauträger habe kein Interesse daran, Projekte scheitern zu lassen. „Ce sont quatre années sacrifiées“, sagt er.

Terrasse ohne sichtbaren Abfluss, wasserstau Gefahr bei Regen, Außenbereich ohne Entwässerungssystem

Auf der Terrasse scheint es bisher keinen Abfluss zu geben Foto: Editpress/Hervé Montaigu

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