Editorial

Das reiche Luxemburg und die bequeme Ausrede beim Klimaschutz

Luxemburg könnte den Weg zur Klimaneutralität weisen. Die Regierung scheint aber kein Interesse daran zu haben und agiert unverantwortlich, trotz einer alarmierenden Situation.

Sie stehen für die Versäumnisse in der Klimapolitik: Premierminister Luc Frieden (l.) und Umweltminister Serge Wilmes

Sie stehen für die Versäumnisse in der Klimapolitik: Premierminister Luc Frieden (l.) und Umweltminister Serge Wilmes Foto : Editpress/Fabrizio Pizzolante

Schon bald kann man von Luxemburg aus direkt in die USA fliegen. Wer seinen nächsten Urlaub plant, sollte sich vielleicht trotzdem überlegen, vorher noch einmal in die Alpen zu fahren. Nicht nur, weil man dorthin bequem und deutlich klimaschonender mit dem Zug reisen kann. Sondern auch, um noch einmal einen Blick auf die europäischen Gletscher zu werfen.

Die Zeit der Gletscher läuft ab

Denn deren Zeit läuft ab. Der Luxemburger Wissenschaftler Tom Battin beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Ökosystem der Gletscher. Seine Prognose im Tageblatt-Interview ist ernüchternd. Selbst wenn es gelingt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, lässt sich das Verschwinden vieler Gletscher nicht mehr verhindern. Ohne eine Begrenzung der Erderwärmung könnten bis Ende des Jahrhunderts in den Alpen bis auf den Aletsch- und den Rhonegletscher praktisch alle Gletscher verschwunden sein.

Man könnte das als Problem der Alpenländer abtun. Doch gleichzeitig werden Hitzeperioden und Dürren häufiger. Wasser wird damit auch in Europa zu einer immer wertvolleren Ressource.

Wie real dieses Problem bereits ist, hat dieser Sommer gezeigt. Wegen des historisch niedrigen Wasserstands der Donau musste Rumänien sein einziges Atomkraftwerk im August vollständig abschalten. In Ungarn lief das AKW zeitweise nur noch mit einem Bruchteil seiner Leistung. Und selbst vor unserer Haustür wurde in Cattenom ein Reaktor wegen des niedrigen Moselabflusses vom Netz genommen.

Luxemburg als Vorreiter?

Ausgerechnet in diesem Moment öffnet die CSV-DP-Regierung die Tür für staatliche Beihilfen an Nukleartechnologien. Ein im Sommer eingebrachter Gesetzesentwurf sieht laut Woxx vor, dass künftig auch Atomtechnologien förderfähig sein können.

Luxemburg hat Atomkraft jahrzehntelang aus guten Gründen bekämpft. Nun sollen öffentliche Gelder für eine Technologie möglich werden, deren Abhängigkeit von ausreichenden Wasserressourcen ausgerechnet in diesem Sommer wieder sichtbar geworden ist. Gleichzeitig schwächt die Regierung ihre eigene Glaubwürdigkeit, wenn sie sich weiterhin gegen Atomkraftwerke jenseits der Landesgrenzen ausspricht. Das ist schwer nachvollziehbar.

Die Regierung von Premierminister Luc Frieden und Umweltminister Serge Wilmes (beide CSV) wird ihrer Verantwortung in der Klimapolitik nicht gerecht. Luxemburg wird den Klimawandel nicht alleine aufhalten. Das ist richtig und gleichzeitig die wohl bequemste Ausrede in der Klimadebatte. Denn wenn ein kleines Land nichts tun muss, weil sein Anteil an den weltweiten Emissionen gering ist, warum sollte dann eine Stadt etwas tun? Ein Unternehmen? Ein Mensch? Am Ende ist jeder Anteil zu klein, um einen Unterschied zu machen, und niemand mehr verantwortlich.

Unverantwortliche Politik

Dabei müsste die Logik genau umgekehrt sein. Luxemburg gehört zu den reichsten Ländern der Welt und verfügt über die finanziellen Mittel, den Umbau zu einer klimaneutralen Gesellschaft schneller voranzutreiben als viele andere Staaten. Es müsste deshalb eine Vorreiterrolle einnehmen. Und wie Battin im Tageblatt-Gespräch sagt: „Wir wissen, was zu tun ist, tun es aber nicht. Das ist das größte Problem.“

Hinzu kommt die historische Verantwortung. Wir in den reichen westlichen Ländern haben über Jahrzehnte wesentlich zum Klimawandel beigetragen. Die schwersten Folgen bekommen aber häufig Menschen zu spüren, die am wenigsten dafür können.

Luxemburg kann sich Klimaschutz nicht nur leisten, wir können es uns vor allem nicht mehr leisten, ihn weiter aufzuschieben. Die Folgen sind längst auch hier zu spüren und werden sich verschärfen: Wasserknappheit, Extremwetter und wirtschaftliche Folgen gehören dazu.

Battin sagt am Ende des Interviews: „Wir haben genug gedacht, wir müssen jetzt endlich handeln!“ Bei der Regierung scheint diese Botschaft noch immer nicht angekommen zu sein.

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