Flutkatastrophe
Vom Schlamm verschlungen: Überlebende schildern Sturzflut in Nepal
Nach der verheerenden Sturzflut in Nepal suchen Rettungskräfte nach Vermissten. Überlebende berichten von zerstörten Städten, Dörfern und zahlreichen Toten.
Anwohner begutachten Häuser, die nach den Sturzfluten im nepalesischen Distrikt Nuwakot unter Schlamm begraben sind. Foto: Prabin Ranabhat/AFP
Unablässig landen und starten Hubschrauber auf einem Fußballfeld in der von der Sturzflut in Nepal schwer zerstörten Stadt Bidur. Sie bringen Überlebende in Sicherheit, die der Welle aus Schlamm, Geröll und Wasser entgangen sind. Manche werden auf Tragen gebracht, andere können ohne Hilfe laufen, ihre Gesichter von den Schrecken der vorangegangenen 24 Stunden gezeichnet.
Unter den Überlebenden ist der Zollbeamte Omkar Joshi. Die Nacht zum Donnerstag hat er auf einem Hügel über der Stadt Timure nahe der Grenze zu Tibet ausgeharrt, bevor er gerettet wurde. „Alles ist vorbei“, sagt der 35-Jährige mit bebender Stimme. Die ganze Stadt wurde nach seinen Schilderungen von der Sturzflut aus Schlamm, Geröll und Wasser vernichtet. „90 Prozent“ der Bewohner seien tot, verschlungen vom Schlamm, sagt er: „Es ist ein riesiger Friedhof. Nur Sand und blutbeschmierte Kiesel sind noch übrig.“
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Überlebende fliehen auf die Hügel
Viele Menschen in der Region überlebten nur, indem sie in letzter Minute auf umliegende Hügel flohen, während unter ihnen die Wassermassen durch das Tal tobten, sagt Joshi. „Es hat die ganze Nacht geregnet. Wir haben gewartet, bis die Hubschrauber gekommen sind.“
Wie ein Tsunami ergoss sich die Flutwelle entlang der Flüsse Bhote Koshi und Trishuli fast 170 Kilometer quer durch Nepal. 359 Leichen haben Rettungskräfte dort bis Donnerstagnachmittag gezählt, hunderte Einheimische und Touristen werden noch vermisst.
Angehörige warten auf Nachrichten
In Bidur drängeln sich besorgte Bewohner vor dem Stacheldrahtzaun, der den Fußballplatz von der Straße trennt. Sie hoffen, unter den per Hubschrauber Geretteten ein bekanntes Gesicht zu sehen. Unter ihnen ist Sita, die auf Nachrichten von ihrem Bruder Ramchandra wartet, der als Lehrer in Timure arbeitet. „Ich habe noch am Mittwochmorgen mit ihm telefoniert, kurz bevor ich die Nachricht von der Flutwelle gehört habe“, sagt die 37-Jährige. „Seitdem ist sein Telefon nicht mehr zu erreichen.“
Sita bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. „Die Behörden sagen, dass es ihr wichtigstes Ziel ist, Menschen zu retten, zu denen es Kontakt gibt“, sagt sie. „Doch den gibt es zu meinem Bruder nicht.“
Die Ungewissheit der Familien
Nicht weit entfernt sitzt Anisha Nepali still in einer Ecke, während ihr Tränen über die Wangen laufen. Die 24-Jährige ist aus der Hauptstadt Kathmandu nach Bidur geeilt, nachdem sie von der Sturzflut gehört hat. Sie hat keine Nachricht von ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder. „Ich habe den Behörden ihre Namen genannt, aber ich habe noch nichts gehört“, klagt sie.
Auf dem Fußballplatz landet ein weiterer Hubschrauber mit Geretteten. Heraus klettern zwei kleine Mädchen, die noch ihre knallgrünen Schuluniformen tragen. Ein Retter streicht den Kindern über die Köpfe und bietet ihnen Kekse und Wasser an, bevor er sie wegführt.
Ganze Dörfer von Flut zerstört
Weiter stromabwärts am Trishuli-Fluss ist das Dorf Devighat fast völlig zerstört. Nur ein einziges der rund 150 Häuser am Flussufer hat die Flutwelle nach Angaben von Bewohnern überstanden – ein vierstöckiges Altenheim.
Dank Warnungen der Behörden konnten sich jedoch viele Bewohner des Ortes in Sicherheit bringen, wie der Überlebende Sabir Miyan berichtet. „Viele von uns sind mit dem Leben davongekommen, aber alles andere ist fort“, sagt er. „Es gibt nur noch Ruinen.“