Editorial

Tod durch KI: Wenn Einsen und Nullen über Leben oder Sterben entscheiden

Eine autonome KI-Drohne tötet in der Ukraine drei Menschen. Reaktionen auf den Vorfall bleiben vorerst aus. Wie viel Entscheidungsmacht wird dem Menschen vorenthalten, wenn es um Leben und Tod geht?

Die ukrainische Skyfall-Shrike-FPV-Drohne hat ebenfalls KI‑Kapazitäten, um Störsignale zu überbrücken

Die ukrainische Skyfall-Shrike-FPV-Drohne hat ebenfalls KI‑Kapazitäten, um Störsignale zu überbrücken Foto: AFP

„Eine Drohne tötete drei Ukrainer. Sie wurde vollständig von einer KI gesteuert.“ So titelt die New York Times am Montag über einen Drohnenangriff der Russen, der bereits im Juli stattgefunden haben soll. Eine autonome Drohne hat dabei einen Anschlag auf eine ukrainische Tankstelle verübt. Zielerfassung, Zielerkennung und Wirkungsentscheidung liefen dabei voll automatisiert ab. Das schlussfolgern Ermittler, die aus den Überresten der Drohne einen KI-fähigen Computerchip bargen. Ziel waren wohl ursprünglich Propantanks an der Tankstelle. Getroffen hat es Ukrainer, die den Anschlag mit ihrem Leben bezahlt haben. Eine Schlagzeile, die ein kaum nennenswertes Echo hervorrief; Reaktionen auf den Bericht blieben in Europa weitestgehend aus.

Doch warum eigentlich? Weil uns der seit Jahren andauernde Krieg in der Ukraine mittlerweile derart abgestumpft hat, dass drei Getötete bei den Hunderttausenden Todesopfern des Ukrainekrieges keine nennenswerte Anzahl an verlorenen Menschenleben mehr darstellen? Weil die ubiquitären Berichte von der ukrainischen Front mittlerweile in einem Informationsstrudel zusammenfließen und uns in Westeuropa letzten Endes nicht mehr auf existenzieller Ebene tangieren? Oder hat die Künstliche Intelligenz unseren Alltag mittlerweile derart durchdrungen, dass selbst das Töten von Menschen ausschließlich auf Basis von Algorithmen nicht mehr schockiert? Diese Fragen muss sich wohl jeder selbst beantworten.

Dass der russische Invasionskrieg die Art der modernen Kriegsführung und besonders den Einsatz von Drohnen für die kommenden Jahre prägt, ist kein Geheimnis mehr. Mittlerweile laden europäische Heere ukrainische Militärs zur Ausbildung ihrer eigenen Soldaten ein, um diese mit Taktiken und dem Einsatz von Drohnen sowie mit modernen Abwehrmethoden vertraut zu machen. Bisher galt jedoch immer: Die Entscheidung, den Abzug dieser Drohnen zu betätigen, hat immer noch ein Mensch getroffen. Und keine Aneinanderreihung von Einsen und Nullen.

Der ehemalige Verteidigungsminister François Bausch („déi gréng“) hatte vor drei Jahren zur „Luxembourg Autonomous Weapons Systems Conference“ eingeladen. Das Kriegsrecht liefert keine präzise Anleitung im Hinblick auf autonome Waffen, woraus sich zwei Denkrichtungen ergeben, wie der Experte Paul Scharre bereits damals erklärt hat. Die eine vertritt die Meinung, dass es nicht darauf ankommt, wer die Entscheidung trifft, ob jemand auf dem Schlachtfeld getötet werden soll. Was zählt, ist die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit, um zivile Opfer so gut es geht zu vermeiden. Die andere Sichtweise ist, dass es in der Rechtsstaatlichkeit keine Bestimmungen darüber gibt, wer die Entscheidung trifft, weil diese bisher immer implizit von Menschen getroffen wurde.

Die Russen sind nicht die Ersten, die komplett autonome Waffensysteme eingesetzt haben. Die IAI Harop, ein unbemanntes Luftfahrzeug der israelischen Armee, ist darauf ausgelegt, gegnerische Radarsysteme zu erkennen und auszuschalten. Auch hier wird die Wirkungsentscheidung vom Algorithmus getroffen. Todesopfer von komplett autonomen Waffensystemen sind bisher nicht dokumentiert. Der Fall einer türkischen Kargu-2-Drohne in Libyen im Jahr 2020 gilt bisher nur als Verdachtsfall.

Es ergibt sich daraus die entscheidende Frage: Muss der Mensch als Entscheidungsträger bei der Anwendung tödlicher Gewalt einbezogen werden – und wenn ja, auf welcher Ebene? Nicht der Mensch, sondern die Maschine hat jetzt inmitten der Kriegswirren darauf eine Antwort geliefert.

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