Editorial

Warum wir wieder vom Mond träumen sollten

Teure Weltraumprogramme sind kein Luxus und keine Geldverschwendung. Gerade in düsteren Zeiten braucht die Menschheit eine Projektionsfläche für ihre kühnsten Träume.

Die Erde geht auf über der Oberfläche des Mondes: eine Projektionsfläche für unsere kühnsten Träume

Die Erde geht auf über der Oberfläche des Mondes: eine Projektionsfläche für unsere kühnsten Träume Foto: AFP Photo/Handout/NASA

65 Millionen Euro. So viel Geld steckt die Europäische Weltraumorganisation ESA in die Entwicklung und den Flug von „Magpie“, Europas erstem Rover zur Erforschung des polaren Eises auf dem Mond. Ein bescheidenes Sümmchen, wenn man dagegen aufrechnet, was die US‑Raumfahrtorganisation NASA in Artemis, den Nachfolger des berühmten Mondprogramms Apollo, steckt. Nach mehr als 50 Jahren wollen die USA wieder Menschen auf den Mond bringen und dort eine dauerhafte Basis errichten, von der aus Flüge zum Mars vorbereitet werden sollen. An die 100 Milliarden US-Dollar hat das Programm bis heute bereits verbraucht. Bevor es überhaupt zum ersten Mondspaziergang seit Dezember 1972 kommen kann, rechnen Experten noch einmal mit einer Verdopplung der Kosten.

Man könnte sich nun fragen: Ist es nicht absurd, solche Summen für einen Flug zum Mond auszugeben, angesichts der Polykrise hier unten auf der Erde? Haben wir nicht genug Probleme, für deren dringliche Lösungen solche Gelder besser aufgehoben wären: Klima, Kriege, Arten- und Demokratiesterben?

Die klare Antwort auf diese Fragen lautet: Nein. Es ist ein neues Rennen zum Mond ausgebrochen, nicht unähnlich dem „Space Race“, damals zu Zeiten des Kalten Krieges. Auch heute gibt es in der Weltraumerkundung wieder eine Art Kräftemessen der Systeme. Die USA haben 2020 das Artemis-Abkommen initiiert, ein Regelwerk für die zivile Erforschung und friedliche Nutzung des Mondes und anderer Himmelskörper. 70 Länder haben es unterzeichnet, darunter auch Luxemburg. China und Russland nicht.

Es ist geopolitisch von strategischer Wichtigkeit, im Wettlauf um den Mond und mögliche Ressourcen nicht den Anschluss zu verlieren. Aber das kann nicht der einzige Grund sein, so viel Geld in die Hand zu nehmen. Gerade in düsteren Zeiten braucht die Menschheit den Mond und das Weltall als strahlende Projektionsfläche ihrer kühnsten Träume, als Vision einer lebenswerten Zukunft. Keine hat das so schön in Worte gefasst wie die US-amerikanische Science-Fiction-Autorin Octavia Butler.

In ihren beiden Romanen „Die Parabel vom Sämann“ und „Die Parabel der Talente“ entwarf Butler in den Neunzigern mit beinahe prophetischer Weitsicht eine dystopische Zukunftsversion der USA, die heute beinahe Realität geworden ist: Waldbrände zerstören die Natur, ein christlich-rechtsextremer Diktator-Präsident zerlegt unter dem Slogan „Make America Great Again“ die Demokratie und Unternehmer herrschen in eigenen „corporate towns“ wie Sonnenkönige über ihre entrechteten Arbeitnehmer-Untertanen. In diese sich in die Apokalypse schraubende Welt wirft Butler eine Protagonistin, die von einer neuen Bewegung namens „Earthseed“ träumt, die das Schicksal der Menschheit erfüllen soll, „in den Sternen Wurzeln zu schlagen“.

In der finstersten und prekärsten Stunde der Menschheit wagt es jemand, beinahe unverschämt weit in die Zukunft zu blicken. Doch es ist exakt dieser hoffnungsvolle Blick, der die Menschheit in Butlers „Parabeln“ langsam ihre tiefste Krise überwinden lässt.

Am Ende ihres Lebens sieht die Protagonistin dem Raumschiff „Christopher Columbus“ nach, das Siedler zur ersten menschlichen Kolonie auf einer anderen Welt bringt. Es ist ein Echo der Entdeckungsfahrten der Neuzeit, aber die Afroamerikanerin Butler macht aus ihrer Weltraumerkundung keine Neuauflage des Kolonialismus. Es ist der Traum, der die Menschheit zusammenbringt, der das Beste in ihr hervorbringt, und sie schließlich auf eine neue Stufe der Zivilisation hebt – jenseits von Krisen und Kriegen.

Solche Träume dürfen wir hier und heute nicht Elon Musk oder Jeff Bezos überlassen, die im All nur staatlicher Kontrolle entfliehen wollen.

1 Kommentare
JJ 25.08.202608:47 Uhr

Das Leben auf Mars wird eine Illusion bleiben. Der menschliche Körper ist nicht ausgestattet für die dortigen Verhältnisse. Sogar wenn man die Dauer der Hinreise (die Rückreise können wir vergessen) vernachlässigt ,bleiben unüberwindliche physikalische Gefahren. Die Strahlung der Sonne,die Schwerelosigkeit,die Einöde (rote Wüste und schwarzer Himmel) und die Größe der Raketen(Treibstoff) werden dem Abenteuer ein schnelles Ende bereiten. Wir wissen aus den ISS-Erfahrungen dass Astronauten,trotz täglichen Trainings,als Wracks auf die Erde zurückkehren. Also nein.Mit dem Mars sind wir auf dem Holzweg,aber schon das Abenteuer Mond wird sich aus Kostengründen in Luft auflösen.Mit oder ohne Wasser.

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