Editorial

Ein Standort ist mehr als Steuersätze: Luxemburg kann sich nicht nur mit steigendem BIP zufrieden geben

Der Wettbewerb der Standorte wird immer vor allem in wirtschaftlichen Zahlen beschrieben. Steuersätze, Gehälter, Wachstum, Produktivität, Gewinnmargen. Doch ein Standort besteht nicht nur aus Bilanzen. Er besteht auch aus Straßen, Wohnungen, Zügen, Schulen und dem Gefühl, sich sicher bewegen zu können. Genau dort verwandeln sich frühere Stärken Luxemburgs zunehmend in Schwächen.

Der Standortwettbewerb entscheidet sich morgens im Stau, abends auf dem Heimweg und bei der Frage, ob eine Familie hier eine Zukunft sieht. Sonst gehen die viel gesuchten „Talente“ nach Dublin.

Der Standortwettbewerb entscheidet sich morgens im Stau, abends auf dem Heimweg und bei der Frage, ob eine Familie hier eine Zukunft sieht. Sonst gehen die viel gesuchten „Talente“ nach Dublin. Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Ein Detail aus dem Interview mit Börsen-Chefin Julie Becker lässt aufhorchen. Es geht nicht um Steuern, Regulierung oder internationale Konkurrenz. Es geht um den Alltag. Um die Frage, ob Menschen noch gerne nach Luxemburg kommen, um hier zu arbeiten. Ob sie hier gerne mit ihrer Familie leben wollen. Und die Antwort auf diese Frage ist heute leider weniger klar, als sie es früher mal war.

Lange galt Luxemburg als eine Art Disney World Europas. Wohlhabend, sauber, geordnet und sicher. Man konnte sich überall und zu jeder Tageszeit ohne Sorgen bewegen. Doch dieses Bild hat Risse bekommen. Kleinkriminalität und Gewalt prägen zwar nicht das ganze Land, aber sie beeinflussen sehr wohl, wie Luxemburg wahrgenommen wird. Wer sich abends auf der Straße unwohl fühlt, überlegt sich zweimal, ob er mit seiner Familie hier leben will. Wer das für übertrieben hält, sollte mal mit den Einwohnern des Bahnhofsviertels reden.

Die Mobilität ist schon vor vielen Jahren vom Vorteil zum Ärgernis geworden. Einst konnte man überall hin mit dem Auto und dort parken. Heute verbringen Grenzgänger und Pendler jeden Tag Stunden im Stau oder in überfüllten Zügen. Es ist verlorene Lebenszeit. Das schreckt ab. Manche verzichten bereits auf einen Arbeitsplatz in Luxemburg, weil der tägliche Weg nicht mehr zumutbar erscheint.

Die Zahl der Grenzgänger aus Deutschland, denen die Regierung in Berlin das Leben mit Grenzkontrollen noch schwieriger gemacht hat – und wo es eine deutlich niedrigere Arbeitslosenquote gibt als in Luxemburg, ist bereits seit mehr als einem Jahr am Schrumpfen.

Noch gravierender ist selbstverständlich das Wohnen. Hohe Gehälter und vergleichsweise niedrige Steuern galten lange als überzeugendes Argument für Luxemburg. Doch dieser Vorteil ist längst von den Wohnkosten aufgefressen worden. Immer mehr Menschen ziehen ins nahe Ausland. Andere kommen gar nicht erst. Ein Finanzplatz, dessen Mitarbeiter sich das Leben vor Ort nicht leisten können, hat ein strukturelles Problem.

Bei der Mobilität hat die Politik das Problem erkannt und wenigstens teilweise gehandelt. Der kostenlose öffentliche Transport war ein richtiger Schritt, kann aber fehlende Kapazitäten, verspätete Züge und überlastete Straßen nicht von heute auf morgen ersetzen. Viel wird investiert und gebaut – aber das dauert. Es gilt erst, das Verpasste nachzuholen.

Am Wohnungsmarkt derweil wird sich dabei auf absehbare Zeit nichts verbessern. Parteien und Gemeinden stehen sich gegenseitig im Weg. Beim Thema Sicherheit stellt sich unterdessen die Frage, ob Politik und Behörden das Ausmaß des Unsicherheitsgefühls überhaupt verstanden haben.

Luxemburg kann sich nicht einfach mit einem steigenden Bruttoinlandsprodukt zufrieden geben. Finanzieller Erfolg muss bessere Lebensbedingungen schaffen. Sonst verliert das Wachstum seinen Sinn. Steigende BIP-Zahlen helfen wenig, wenn Menschen täglich ihre Freizeit im Stau verlieren, keinen bezahlbaren Wohnraum finden und sich in Stadtzentren nicht mehr sicher fühlen.

Der Standortwettbewerb entscheidet sich deshalb nicht nur mit Steuersätzen. Er entscheidet sich morgens im Stau, abends auf dem Heimweg und bei der Frage, ob eine Familie hier eine Zukunft sieht. Sonst gehen die viel gesuchten „Talente“ nach Dublin.

2 Kommentare
Grober J-P. 21.08.202611:56 Uhr

"kann aber fehlende Kapazitäten" Wie sagte "Jean-Pierre" der Gelenkbusfahrer, 10 Fahrgäste und 55 leere Plätze. "Warum fährst du mit dieser Karre in der Stadt herum, kleinere würde das auch machen" Tja, Personalkosten, Personal......
ÖT, haben mal versucht einen gezielten Arbeitsplatz zu erreichen, Luftlinie 16 km entfernt, über die Strasse genau 20,3 km, per ÖT fast 2 Stunden. Leider werden nicht alle "gleich" bedient.
Z.B. kleinere Busse, höhere Taktfrequenz, neue Wege, aber das kostet.

Manfred Reinertz Barriera 21.08.202609:00 Uhr

Es ist doch wohl jedem vernünftigen Menschen und Politikern klar, dass es nicht nur um eine Steigerung des BSP geht, sondern auch um ein soziales Umfeld. Und bezahlbarer Wohnraum ist dort absolut gefordert, und da happert es aber gewaltig. Wohnraum würde auch das Transportproblem lösen. Wir können nicht die Arbeitskräfte einfach im Ausland haben und dann unlösbare Transportprobleme haben. Es muss also dringend bezahlbarer Wohnraum im Lande geschaffen werden, und da gibt es Lösungen, siehe Singapur als Beispiel oder Wien, wenn wir in Europa bleiben wollen. Gefordert ist jedoch von der Regierung, das alles einzuleiten.....

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